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Erbrechen
Synonyme
Emesis, Vomitus, Vomitation, Regurgitation
umgangssprachliche Synonyme: Übergeben, Spucken, Reihern, etc.
Definition
Rückläufige (retrograde) Entleerung des Magen-Darm-Inhaltes durch den Mund infolge unwillkürlichen Zusammenziehens (Kontraktion) des Zwerchfells und der Bauchmuskulatur.
Historie
Das Erbrechen hatte als therapeutisches, also absichtlich herbeigeführtes, Erbrechen in der Geschichte einen wichtigen Stellenwert. Von vielen bedeutenden Ärzten, u.a. auch Hippokrates, wurde es als extrem wirksames Heilmittel betrachtet, da es ihrer Meinung zur Reinigung des Körpers diente.
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Ursachen
- Noxen: Stoffe mit schädigender Wirkung auf den Körper
- Toxine/Medikamente: durch chemische Einflüsse im Magen und Darm durch übermäßigen Alkoholkonsum oder Konsum verdorbener Lebensmittel
- Chemotherapie: durch die verwendeten Medikamentengruppe („Zytostatika“)
- Mechanische Einflüsse: durch Überdehnung des Magens bei übermäßigem Lebensmittelkonsum
- Mechanische Reizung des Mund- und Rachenraumes: als Schutzfunktion gegen Schlucken von sperrigen Körpern
- Magen-Darm-Erkrankungen: Entzündung des Magens (Gastritis), der Leber (Hepatitis), der Gallenblase (Cholezystitis), der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis), Blinddarmentzündung (Apendizitis), Passagehindernis in Magen oder Darm (Stenose)
- Bewegungsreize über Gleichgewichtsorgan: durch Reisekrankheit (Kinetose), ausgelöst durch dreidimensionale Fahrtbewegung, z.B. auf einem Schiff, oder Widersprüchlichkeit zwischen optischem Eindruck und vestibulärer Empfindung , z.B. in einem Flugzeug; auch durch Morbus Menière oder eine Entzündung des Gleichgewichtsnerves (Nervus vestibularis)
- Hormonelle Reize während der Schwangerschaft: rascher Anstieg der Östrogenproduktion führt zu einer Reizung des „Brechzentrums“
- Postoperative Übelkeit und Erbrechen: nach einer Narkose
- Erhöhter Hirndruck: durch Volumenausdehnung erst auf Kosten der Räume der Hirnflüssigkeit (Ventrikel), dann auch auf Kosten des restlichen Gehirns; führt zu massiver Einschränkung der Durchblutung
- Sonstige Ursachen auf das zentrale Nervensystem bezogen: Migräne, Entzündung der Hirnhäute (Meningitis), „Sonnenstich“, starke Sinnesreize, intensive Schmerzen, emotionale Reaktion
- psychische Erkrankung: Essstörungen wie Magersucht (Anorexia nervosa) und Bulimie (Bulimia nervosa), andere psychische Erkrankungen
- Kumulierender Effekt: Die einzelnen Ursachen addieren sich, wenn sie zeitgleich auf den Körper einwirken, und führen erst so zum Erbrechen.
Kontrolle
Zum Erbrechen kommt es immer dann, wenn das Brechzentrum (Area postrema) in ausreichendem Maß gereizt wird. Die Area postrema liegt im verlängerten Mark (Medulla oblongata), dem hintersten Gehirnteil.
Bei mechanischen oder chemischen Einflüssen (Noxen, Toxen/Medikamente) und bei Schleimhautschädigung durch Alkoholvergiftung kommt es zu einer Aktivierung von Dehnungs- und Chemorezeptoren in der Magen-Darm-Schleimhaut, die ihre Information über den Nervus vagus zum Brechzentrum senden. Aufgenommen Medikamenten und Toxen kann das Brechzentrum im Blut erfassen, da es im Brechzentrum keine Blut-Hirn-Schranke gibt. Bei Kinetosen führt die ungewohnte Reizkonstellation von unterschiedlichen Sensoren zu einer Erregung des Gleichgewichtsorgans. Diese Erregung wird erst an den Thalamus, dann an den Hypothalamus, beides Teile des Zwischenhirns, weitergeschickt. Von hier aus gelangt die Erregung wieder an das Brechzentrum.
Symptome
- Übelkeit
- Blässe
- Zittern
- Schwindel
- Blutdruckabfall
- Tachykardie
- Schwitzen
- Frieren
- Erhöhter Speichelfluss zum Schutz des Mundes und der Speiseröhre vor der Magensäure
Ablauf
- Tiefes Einatmen
- Verschluss der Stimmritze und des Nasen-Rachen-Raums
- Transportbewegung des Speisebreis in die umgekehrte Richtung vom Dünndarm in den Magen zurück: Der Darminhalt kann so ebenfalls erbrochen werden. Außerdem verdünnt und puffert er den sauren Mageninhalt durch die im Darminhalt enthaltene basische Absonderung der Bauchspeicheldrüse.
- Erschlaffung der Magenmuskulatur und der Ringmuskulatur der Speiseröhre
- Zusammenziehen (Kontraktion) der willkürlich gesteuerten Muskulatur der Speiseröhre: Der Magen wird so hochgezogen, damit der Winkel zwischen Magen und Speiseröhre weniger eng ist.
- ruckartige Kontraktion der Bauchmuskulatur und des Zwerchfells
- Druck in der Bauchhöhle wird erhöht
- Mageninhalt wird nach oben gepresst
- Retrograde Entleerung
Diagnose
Bei der Diagnose steht die genaue Befragung (Anamnese) des Erkrankten im Vordergrund. Dabei sind vor allem das Aussehen des Erbrochenen, der Zeitpunkt der Erbrechens, die Begleitsymptome, Vorerkrankungen und Medikamenteneinnahme wichtig.
Bei blutigem Erbrochenen muss man zwischen hellrotem und dunkelrotem Blut unterscheiden, wobei hellrotes ein Zeichen für eine frische Blutung ist, zum Beispiel bei einer Blutung von Krampfader in der Speiseröhre (Ösophagusvarizen). Dunkelrotes Blut („kaffeesatzartiges“ Aussehen) dagegen hatte bereits Kontakt mit der Magensäure, was zu „kaffeesatzartiges“ Aussehen führt und bei einem Magengeschwür (Ulcus ventriculi) oder einer Form der Entzündung des Magens (hämorrhagische Gastritis) auftreten kann. Wenn das Erbrochene gelb-grünlich aussieht, wurde Galle erbrochen, wenn es klar-weißlich ist, wurde Magensaft erbrochen. Wenn es braun ist, lässt auf Koterbrechen (Miserere) schließen, was ein Zeichen für einen Darmverschluss (Ileus) ist.
Auch der Geruch des Erbrochenen kann bei der Diagnose helfen. Ein säuerlicher Geruch lässt auf eine Beteiligung von Magensaft schließen, ein fauliger Geruch auf verdorbene Lebensmittel. Der Geruch nach Aceton lässt auf den Abbau von Fetten schließen, wie es bei nüchternen Menschen oder Diabetikern vorkommt. Wird morgens erbrochen, spricht das für Schwangerschaft, erhöhter intrakranieller Druck oder übermäßigen Alkoholkonsum als Ursache. Wenn ohne vorherige Übelkeit erbrochen wird, spricht das für eine Ursache das zentrale Nervensystem betreffend. Wird im Schwall erbrochen, ist das ein Zeichen für ein Passagenhindernis im Magenausgang (Magenausgangsstenose).
Auch die Begleitsymptome lassen auf bestimmte Ursachen schließen. Schwindel ist ein Zeichen für eine Ursache im Gleichgewichtssystem, Fieber für eine infektiöse Ursache, Durchfall (Diarrhö) für eine Erkrankung des gesamten Magen-Darm-Systems, Kopfschmerzen für Migräne und Augenschmerzen für einen akuten Anfall bei grünem Star (Glaukomanfall). Ausstrahlende Schmerzen im Bereich des Brustkorbs und Bauches können einen Zeichen eines Herzinfarktes (Myokardinfarkt) sein, gürtelförmige Schmerzen sprechen für auf eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis).
Als Nebenwirkung bestimmter Medikamente wie zum Beispiel Zytostatika, Antibiotika oder oralen Verhütungsmitteln (Kontrazeptiva) kann es zu Übelkeit und Erbrechen kommen. Weiterhin wird eine körperliche Untersuchung durchgeführt. Dabei wird der Bauch abgetastet und abgehört, ebenso werden das Herz und die Lunge abgehört. Zusätzlich werden grobe neurologische Untersuchungen durchgeführt und der Augenhintergrund wird betrachtet.
Weiterführende Untersuchungen wie Ultraschall bei Verdacht auf Gallensteine, Magenspiegelung (Gastroskopie) bei Verdacht auf Magengeschwür oder EKG bei Verdacht auf Herzinfarkt werden je nach Verdachtsdiagnose durchgeführt.
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Therapie
Im Vordergrund steht die Behandlung der Grunderkrankung. Zur symptomatischen Behandlung dienen Antiemetika, die Übelkeit und Erbrechen unterdrücken sollen. Diese Medikamente sind Gegenspieler (Antagonisten) von Botenstoffen (Transmitter) der Leitungsbahn zum Brechszentrum. Sie verhindern die Weiterleitung eines Reizes zum Brechzentrum. Je nach Ursache des Erbrechens werden unterschiedliche Antiemetika verschrieben: (genannt wird immer erst der Wirkstoff, dann der Handelsname in Klammern)
- Bei Kinetosen: Scopalamin (z.B. Scopodermin TTS), Meclozin (z.B. Peremesin), Dimenhydrinat (z.B. Vomex A)
- Bei Übelkeit und Erbrechen: Metoclopramid (z.B. Paspertin), Domperidon (z.B. Motilium), Phenothiazine (z.B. Atosil), Droperidol (z.B. Dehydrobenzperidol).
- Bei postoperativem Erbrechen: Dexamethason (z.B. Dexa)
- Bei Übelkeit infolge einer Chemotherapie: Dolastron (z.B. Anemet), Granisetron (z.B. Kevatril), Ondansetron (z.B. Zofran), Tropisetron (z.B. Navoban)
Gegebenenfalls ist ein Ausgleich des Wasser- und Elektrolythaushaltes nötig.
Rehabilitation
Nach dem Erbrechen bessert sich das körperliche Befinden durch eine Mundspülung oder durch die Anwendung von kaltem Wasser auf Gesicht und Hände. Auch Frischluftzufuhr ist sehr hilfreich.
Bei dem Nahrungsaufbau sollte auf einen schrittweisen Kostaufbau geachtet werden wobei vor allem die Aufnahme von Flüssigkeit im Vordergrund steht. Als leicht verträgliche Kost kann mit geriebenen Äpfeln, zerdrückter Banane und Zwieback begonnen werden, grundsätzlich sollte die Nahrung zum Kostaufbau fettarm sein.
Folgen chronischen Erbrechens
- Unterernährung
- Verlust von Verdauungssäften bzw. Wasser führen zu Wassermangel des Körpers (Dehydratation)
- Folge der Dehydratation ist die Austrocknung des Körpers durch Abnahme des Körperwassers (Exsikkose)
- Magensäureverlust, also Verlust von H+-Ionen (Alkalose)
- Verlust von K+-Ionen (Hypokaliämie)
- Lungenentzündung durch Einatmen von Speisebrei (Aspirationspneumonie)
- Körperliche Verletzungen: Einrisse der Magenschleimhaut (v.a. bei Alkoholiker (Mallory-Weiss-Syndrom) und der Schleimhaut der Speiseröhre führen zu Blut im Erbrochenen (Hämatemesis); Rippenbrüche
- Verschlechterung des seelisch-moralischen Zustandes (v.a. schwierig bei Chemotherapiepatienten)
- Bei Bulimie: Zerstörung des Zahnschmelzes und Angriff an die Schleimhaut der Speiseröhre, da der Reiz mechanisch ist und für den Körper unvorhersehbar. Somit hat der Körper keine Zeit seinen Speichelfluss zu steigern und es kann keine Abpufferung der Magensäure stattfinden.
Zusammenfassung
Erbrechen hat für den Körper vor allem eine Schutzfunktion vor schädigenden Substanzen oder sperrigen Gegenständen. Es kann auch als Vorgang der Reinigung gesehen werden, vor allem bei therapeutischem Erbrechen. Die Maßnahme des Erbrechens darf aber nicht absichtlich herbeigeführt werden bei Vergiftung mit Säure oder Lauge, mit schaumbildenden Stoffen, mit organischen Lösungsmitteln oder bei Atem-/Kreislaufstörungen.
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