Inhalt:
Osteochondrosis dissecans
Synonyme
Knochennekrose, Knochensterben, Morbus Ahlbäck, Aseptische Knochennekrose, Gelenkmaus, Dissekat, Osteochondritis dissecans, Osteonekrose, OD, dissezierende Osteochondrose
Definition
Die Osteochondrosis dissecans (OD) ist eine häufig im Wachstumsalter und jungem Erwachsenenalter auftretende Erkrankung, die zu ca. 85% das Kniegelenkes betrifft. Im Verlauf dieser Erkrankung kommt es zu einem knorpelnahen Knochensterben, wobei sich ein über dem betroffenen Knochenbezirk befindliches Knorpelstück aus seinem Verbund lösen kann (freier Gelenkkörper Gelenkmaus, Dissekat).
Anatomie
Das Kniegelenk wird aus dem Ober- und Unterschenkelknochen sowie der Kniescheibe gebildet. Die Osteochondrosis dissecans betrifft ganz vorwiegend den gelenkbildenden Oberschenkelknochen (Femurcondylen). Meistens ist der seitliche Anteil der inneren (medialen) Femurcondyle betroffen aber auch die äußere Femurcondyle oder die Kniescheibenrückfläche können betroffen sein.
Abbildung Kniegelenk
- Oberschenkelmuskulatur (Musculsus quadriceps femoris)
- Oberschenkelknochen (Femur)
- Oberschenkelsehne (Quadricepssehne)
- Kniescheibe (Patella)
- Kniescheibensehne (Patellasehne)
- Kniescheibensehnenansatz (Tuberositas tibiae)
- Schienbein (Tibia)
- Wadenbein (Fibula)
![]() |
|
Ursachen
Die Ursache für die Ausbildung einer Osteochondrosis dissecans ist weitgehend unbekannt (ideopatisch). Eine der bestehenden und am weitesten akzeptierten Theorien sieht in wiederkehrenden Impulsbelastungen des Kniegelenkes die Ursache für die Ausbildung einer Osteochondrosis dissecans. Es soll sich demnach um eine mechanische Schädigung des Kniegelenkes handeln, wie sie im Sport bei wiederkehrenden Abstop- oder Stoßbewegungen auftreten können. Andere Theorien beschreiben eine Ernährungs- und /oder Durchblutungsstörung des Kniegelenksknochens, Fehlbelastungen, Verknöcherungsstörungen und genetische Einflüsse. Keine Theorie kann jedoch bisher die Osteochondrosis dissecans wirklich erklären.
Abbildung Osteochondrosis dissecans
- Kniescheibe (Patella)
- Gelenkmaus = freier Gelenkkörper
- Schienbein (Tibia)
- Oberschenkelknochen (Femur)
- Gelenkknorpel
Pathologie
Aus also weitgehend unbekannter Ursache kommt es in einem umschriebenen, Knorpel tragenden Knochenbezirk des Kniegelenkes zu einem schleichenden Knochensterben. Meistens ist der umschriebene Bezirk nicht größer als ein Kirsch- oder Pflaumenkern. Seltener kann er auch mehrere Quadratzentimeter groß sein. In sehr frühen Phasen der Erkrankung sind nur sehr diskrete Knochenveränderungen nachweisbar. Später kommt es zu einer scharfen Abgrenzung (Demarkation) des absterbenden Knochengewebes zum gesunden Knochengewebe, welche an einer Knochenverdichtung (Sklerosesaum) erkennbar ist. Die Blutversorgung ist nun völlig abgeschnitten.
Durch das Knochensterben verliert die dazugehörige Knorpelregion zunehmend die Bindung zu ihrem knöchernen Untergrund. Schreitet die Osteochondrosis dissecans weiter fort, lockert sich ein Knorpelstück (Dissekat) oder ein Knorpel-/Knochenstück vollends aus dem übrigen Knorpelverbund. Eine zunächst noch bindegewebige Verbindung kann das Dissekat letztendlich nicht mehr halten, was zur Bildung eines freien Gelenkkörpers führt. Man spricht in diesem Fall auch gern von einer Gelenkmaus. Den dazu gehörigen abgestorbenen Knochenbezirk bezeichnet man als Mausbett.
Symptome
Eine richtungsweisende Krankengeschichte (Anamnese) gibt es nicht. Häufiger handelt es sich um sportlich engagierte Jugendliche und junge Erwachsene.
In der frühen Erkrankungsphase liegen keine Beschwerden vor. Von dem zunehmenden Knochensterben wird zunächst nichts bemerkt. Zufallsbefunde auf Röntgenaufnahmen des Kniegelenkes sind möglich.
Später können Patienten mit einer Osteochondrosis dissecans unter einem belastungsabhängigen Kniegelenksschmerz leiden. Dieser Schmerz ist uncharakteristisch und für den Patienten schwer zu beschreiben. Abbauprodukte des Knorpels können zu Schleimhautentzündungen (Synovialitis / Synovitis) und Gelenkergüssen führen. Hat sich letztendlich eine Gelenkmaus gebildet, kann es zu Einklemmungserscheinungen und Blockierungserscheinungen bei der Kniegelenksbewegung kommen (Streck- und Beugehemmung). Durch die Gelenkmaus kann der gesunde Kniegelenksknorpel geschädigt werden. Eine Osteochondrosis dissecans Erkrankung wird zu den Präarthrosen gerechnet, d.h. als Folge dieser Erkrankung kann sich schneller als gewöhnlich mit zunehmendem Alter einer Kniegelenksarthrose (Gonarthrose) ausbilden.
In ca 25 % kann eine beidseitige Erkrankung bestehen. Diese muss zeitlich nicht exakt miteinander korrelieren.
Ausschlusserkrankungen
Ausschlußerkrankungen:
Zu den Ausschlusserkrankungen gehören:
- Meniskusverletzung
- Patellaspitzensyndrom
- Chondromatose
- Tumoren
- Rheuma / rheumatoide Arthritis
- Reaktive Gelenkentzündungen
- Osteochondrale Frakturen (Knochen- / Knorpelfrakturen)
- Ossifikationsstörungen
- „Wachstumsschmerzen“/ Überlastungsschmerzen
Diagnose

- Osteochondrosis dissecans in Ablösung begriffen während einer Kniespiegelung
Zur Diagnostik gehört eine ausführliche Erhebung der Anamnese (Krankengeschichte).
Durch die körperliche Untersuchung werden andere in Frage kommende Erkrankungen (Differentialdiagnosen) so weit möglich ausgeschlossen.
Eine spezifische Untersuchungstechnik, mit der eine Osteochondrosis dissecans sicher diagnostiziert werden kann, gibt es nicht. Richtungsweisend sind wiederkehrende Blockierungserscheinungen bei fortgeschrittener Osteochondrosis dissecans durch eine sich einklemmende Gelenkmaus. Das gleiche Phänomen findet man aber auch bei bestimmten Formen der Meniskusverletzung und bei freien Gelenkkörpern anderer Ursache (z.B. Chondromatose).
Bildgebende Verfahren:
Die Sonographie (Ultraschall) ist ein leicht verfügbares und geeignetes Verfahren zum Nachweis eines Kniegelenksergusses. Je nach Lage eines freien Gelenkkörpers kann auch dieser nachgewiesen werden.
Die Röntgenaufnahme kann eine fortgeschrittene Osteochondrosis dissecans nachweisen. Es reichen gewöhnlich die Standardröntgenaufnahmen a.p. (von vorne) und seitlich. Zusätzlich hilfreich ist die Tunnelaufnahme nach Frik. Am häufigsten finden sich die typischen Veränderungen im Bereich des seitlichen Anteils der inneren Oberschenkelrolle (Femurcondyle). Ein Nachweis der Anfangsstadien mit beginnendem Knochensterben gelingt mit der Röntgenaufnahme nicht. Erste Anzeichen sind eine ovale Knochenaufhellung (dunkler Fleck) an beschriebener Stelle, die später durch einen weißlichen Randsaum (Sklerosezone) begrenzt wird. Das so entstandene Dissekat kann sich schließlich als Ganzes oder in mehreren kleinen Teilen aus seinem Verbund lösen. Zu erkennen ist dies durch den Nachweis freier Gelenkkörper und einer Mulde im Kniegelenksknochen.
Mit der MRT (Magnetresonanztomographie) ist eine Frühdiagnose der Osteochondrosis dissecans möglich. Wichtig ist auch der Ausschluss fast aller anderen in Frage kommenden Erkrankungen. Das Stadium des Knochensterbens kann bestimmt werden sowie die Ernährungssituation des Dissekates. Über die Ernährungssituation des Dissekates lässt sich auch eine Prognose stellen, inwieweit eine Abstoßung des Dissekates zu befürchten ist. Eine exakte Zeitangabe ist allerdings nicht möglich. Bereits abgestoßene Dissekate können sicher erkannt werden.
Die genaueste Untersuchung ist allerdings mit einer Kniegelenksspiegelung (Arthroskopie) möglich. Sie hat den Vorteil, dass mit einem Tasthaken die Stabilität des OD Bezirkes sicher überprüft werden kann ( Siehe Abbildung: Lockerer OD Bezirk, sehr vergrößert) und zu erkennen ist ob die knorpelige Oberflächenstruktur noch intakt ist oder sie schon Schäden aufweist. In gleicher Sitzung können dann auch geeignete operative Therapiemaßnahmen durchgeführt werden.
|
Klassifikation
Röntgenstadien nach Rodegerdts et al. (1979):
- Stadium I: Schlummerstadium (Nachweis nur im MRT möglich)
- Stadium II: Deutliche Aufhellung
- Stadium III: Abgrenzung des OD Bezirks durch sklerotische Randzone
- Stadium IV: Freier Gelenkkörper
Therapie

- Mit Schrauben refixierte Gelenkmaus (OD)
Der zeitliche Ablauf einer Osteochondrosis dissecans Erkrankung ist nicht vorhersagbar. Die verschiedenen Stadien der Erkrankung können individuell unterschiedlich schnell ablaufen. Ein plötzliches Verharren in einem Krankheitsstadium ist zu jedem Zeitpunkt möglich. Auch eine Spontanheilung wird gelegentlich beobachtet. Hierbei gilt, dass die Chancen einer Spontanheilung umso größer sind desto jünger die Patienten sind (insbesondere vor dem 12. Lebensjahr), höchstens jedoch ca. 50%.
Insgesamt hängt die Wahl der Therapieform vom Stadium der Erkrankung ab.
Konservative Therapie:
Die konservative Therapie der Osteochondrosis dissecans ist bei jungen Patienten in einem frühen Erkrankungsstadium möglich. Eine Dissekatlösung darf noch nicht stattgefunden haben. Arthroskopisch zeigen diese Dissekatbezirke einen intakten, aber erweichten Knorpelüberzug.
Die Therapie sieht eine Sportkarenz und ggf. die Teilentlastung des betroffenen Beines für 6-16 Wochen vor. MRT - Verlaufskontrollen zur Therapiebeurteilung sind notwendig. Physikalische Therapiemaßnahmen, Krankengymnastik, Medikamente, Infiltrationen oder Ernährungsfaktoren haben keinen nachweisbaren Effekt auf den Erkrankungsverlauf der Osteochondrosis dissecans. Sie dienen der Behandlung zweitrangiger Krankheitszeichen (sekundärer Symptome) wie Schmerzen und Muskelschwund (Muskelatrophie).
Operative Therapie
Die operative Therapie stellt das Mittel der Wahl bei fortgeschrittener Osteochondrosis dissecans dar. Eine absolute Operationsindikation besteht bei Lösung des Dissekates.
Die Lösung des Dissekates stellt den Maximalschaden für das Kniegelenk dar. Zum einen hinterlässt das Dissekat an seinem ursprünglichen Ort ein Loch im Knorpelverbund, zum anderen schädigt das Dissekat als freier Gelenkkörper den noch intakten Kniegelenksknorpel. Aus diesen Gründen sollte eine operative Therapie möglichst in einem Stadium vor der Dissekatlösung erfolgen. Primäres Ziel aller Bemühungen ist der Erhalt einer intakten Knorpeloberfläche.
Operative Möglichkeit 1: Das Dissekat ist nicht gelöst, die Knorpeloberfläche intakt.
- In diesem Fall werden retrograde oder anterograde Anbohrungen des OD Bezirkes mit einem dünnen Bohrer (2 mm) vorgenommen. Ziel ist es, die Sklerosezone zu durchbrechen und eine Re-Vitalisierung des OD Bezirkes herbeizuführen. Bei den anterograden Bohrungen werden von der Kniegelenksseite aus durch den intakten Knorpel dünne Bohrungen gesetzt. Die retrograde Anbohrung versucht jede Knorpelverletzung zu vermeiden, indem von außen der OD Bezirk angebohrt wird. Das Treffen der richtigen Stelle ist hierbei allerdings schwieriger. Eine postoperative Teilbelastung von 6 Wochen ist notwendig.
- Eine weitere Möglichkeit ist, den abgestorbenen Knochen durch körpereigenen gesunden Knochen zu ersetzen. Hierfür wird beispielsweise am Beckenkamm oder am Schienbeinkopf vitaler Schwammknochen (Spongiosa) entnommen und nach Aushöhlen des abgestorbenen Osteochondrosis dissecans Bereiches an diese Stelle eingebracht. Hierdurch soll der Knorpel wieder einen vitalen, stabilen Untergrund erhalten.
Operative Möglichkeit 2: Das Dissekat ist aus dem Knorpelverbund teilgelöst oder vollständig gelöst aber intakt.
- Über verschiedene Befestigungs- systeme (Schrauben, Stifte, Bolzen) wird das Dissekat refixiert. Hierfür wir das Mausbett zunächst angefrischt damit ein späteres einwachsen möglich wird. Eine postoperative Teilbelastung von wenigstens 6 Wochen ist notwendig. Die Schrauben müssen nach dem Einwachsen des Dissekates in einer zweiten Operation wieder entfernt werden.

- Mikrofrakturierung
Operative Möglichkeit 3: Das Dissekat hat sich gelöst, eignet sich aber nicht mehr zur Refixation.
- In diesem Fall kann die Therapie nur noch darin bestehen das bestehende Loch im Kniegelenksknorpel möglichst gut wieder zu verschließen. Verschiedene verfahren stehen hier zur Verfügung.
- Pridie Bohrungen / Microfracturing
Über kleine Bohrungen ( Siehe Abbildung) bis in die Tiefe des gesunden Knochens soll ein Ersatzfaser- knorpelgewebe zum Wachstum angeregt werden. Dieser im Gegensatz zum gesunden Knorpel minderwertige Faserknorpel wächst aus dem Knochen heraus und soll das Loch verschließen. - Mosaikplastik / Knorpel- / Knochentransplantation
Aus einem unbelasteten Kniegelenksanteil werden Knorpel-/Knochenzylinder entnommen und in das Mausbett in einer Verklemmungstechnik (press-fit) eingeschlagen. - Knorpelzelltransplantation
In einem ersten Schritt werden Knorpelzellen entnommen, angezüchtet, auf ein Trägermedium gegeben und in einem zweiten Schritt zur Füllung des Loches in das Kniegelenk transplantiert. Das Verfahren ist teuer und wird nicht immer vollständig von der Krankenkasse übernommen. Die Osteochondrosis dissecans des jungen Menschen stellt allerdings die klassische Indikation für diese viel versprechende Operationsmethode dar.
Komplikationen
Es gelten die üblichen operativen Komplikationsmöglichkeiten:
- Infektion, Knocheninfekt, Wundheilungsstörung
- Nervenverletzungen
- Thrombose
- Lungenembolie
- Rezidiv / Scheitern der OP = erneute Gelenkmaus, erneutes Lösen des Knorpelknochenfragments
- Früharthrose
Prognose
Die Osteochondrosis dissecans stellt eine schwerwiegende Erkrankung für das Kniegelenk dar. Unbehandelt ist zählt die Osteochondrosis dissecans zu den Präarthrosen, also denjenigen Faktoren die zur Ausbildung einer frühen Kniegelenksarthrose (Gonarthrose) führen. Durch die o.g. operativen Maßnahmen kann der Schaden für das Kniegelenk auf ein Minimum reduziert werden und die Sportfähigkeit für die meist jungen Patienten wieder erlangt werden.
Besonders bei sehr jungen Patienten kann der Spontanverlauf abgewartet werden. Eine Spontanheilung wird in bis zu 50% der Fälle beschrieben.
Am besten ist die Prognose, wenn durch eine Re-Vitalisierung des Knochenbezirkes das Lösen des Dissekates verhindert werden kann. Alle anderen Verfahren mit Refixation des Dissekates oder Einbringung eines Ersatzgewebes haben eine schlechtere Prognose, da das Kniegelenk langfristig sehr sensibel auch auf die kleinsten Unregelmäßigkeiten des knorpeligen Oberflächenstruktur reagiert.
Weiterführende Informationen
Folgende Themen könnten ebenfalls von Interesse für Sie sein:
- Arthroskopie
- Meniskusriss
- Meniskusoperation
- Vorderer Kreuzbandriss
- Hinterer Kreuzbandriss
- Morbus Osgood-Schlatter
- Bakerzyste
- Kniearthrose
- Kniescheibenluxation
- Knieprothese
Alle Themen, die zum Bereich Orthopädie veröffentlicht wurden, finden Sie unter:
|
|
||
|
Beantworten Sie 30 Fragen aus allen Bereichen der Orthopädie und erlernen Sie dabei wichtige anatomische, orthopädische und medizinische Begriffe. |
|
![]() |
Newsletter abonnieren | ![]() |
Diese Seite als Favorit hinzufügen |
|---|---|---|---|
![]() |
Weitere Fragen zu diesem Thema? | ![]() |
Diese Seite weiterempfehlen |
![]() |
Fehler im Text gefunden? | ![]() |
Ärzte-Empfehlungsliste |









