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Schwangerschaftsdepression

Synonyme

Postpartale Depression (PPD)
post (danach), partum (Geburt), depressio (Niederdrückung)

Definition

Um von einer PPD (Postpartale Depression = Depression nach der Schwangerschaft) zu sprechen, muss es sich um eine lang andauernde, viele Monate bestehende Stimmungslabilität nach der Geburt eines Kindes handeln. Der Verlauf der Schwangerschaftsdepression entspricht der einer „Major Depression“ laut DSM IV (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen) und unterscheidet sich nur in der Besonderheit des Zeitpunkts des Eintretens, nämlich nach der Geburt.
Gerade das macht die PPD in ihren Auswikungen auf die Psyche viel gravierender als eine „Major Depression“ ohne Entbindung. Denn während die Gesellschaft erwartet, dass die frisch gewordene Mutter sich über ihr neues Glück freuen soll, fühlt die Betroffene gerade entgegengesetzt und darf dies nicht offensichtlich zeigen.
Die Gefühle der Mutter sind gegenüber dem Kind von Entfremdung und Distanz bestimmt. Die von außen unverstandenen Gefühle der Mutter werden von ihr mit Selbstvorwürfen beantwortet. Dies wiederum verstärkt die depressive Phase.
Differentialdiagnostisch ist die Schwangerschaftsdepression vom sogenannten „baby blues“zu unterscheiden. Der „baby blues“, die auch als „Heultage“ nach der Entbindung bekannt sind, dauert maximal eine Woche und tritt bei 80% der Gebärenden auf.
Diese Stimmungschwankung ist mit dem rapiden Hormonabfall nach der Geburt zu erklären. Zur Entstehung der Schwangerschaftsdepression müssen zusätzlich viele andere Faktoren vorliegen, damit man von einer ernsthaften Depression sprechen kann.
Darüberhinaus ist die postpartale Psychose (Psychose nach der Geburt) eine weitere psychiatrische Erkrankung nach der Entbindung. Sie ist eine affektiv-manische Krankheit, die sehr selten (2 von 1000 Entbindenden) vorkommt.


Epidemiologie

10-18% der Frauen zwischen 20 und 40 Jahren. Die Schwangerschaftsdepression (PPD) stellt die häufigste psychiatrsiche Erkrankung nach der Geburt dar und nimmt seit den 60er zu.

Ursache

Frauen mit Schwangerschaftsdepression zeigten in einer Studie gegenüber gesunden Müttern keine Auffälligkeiten hinsichtlich sozioökonomischer oder hormoneller Natur.  Daher bescheibt eine multifaktorielle Ansicht die Genese (Entstehung) der PPD am zutreffendsten. Das bedeutet viele verschiedene Ursachen kommen zum tragen.
Es sind weniger spezifische Ursachen, sondern die Summe an Faktoren, die letztlich den Ausschlag geben an Schwangerschaftsdepression zu erkranken.
Genetisch prädisponierte Frauen, deren Verwandten 1.Grades psychisch erkrankt waren, sind gefährdet PPD zu erleiden.
Auch Frauen, die bereits pränatal (vor der Geburt) eine Depression hatten, sind Risikopatientinnen.
Psychisch ist die kognitive (gedankliche) Einstellung der Frau zu der neuen Herausforderung als Mutter gefragt. Die Schwangerschaft und Geburt wird nämlich als tiefgreifendes „life event“ von der Mutter erlebt, das viele Umstellungen mit sich bringt. Die Trennung zwischen Mutter und Kind muss zunächst von der Gebärenden verarbeitet werden.
Dann steht ein Rollenwechsel von Frau zur Mutter, von Mann zu Vater an. Die Frau setzt sich gedanklich damit auseinander, ob sie und ihr Partner den neuen Ansprüchen gewachsen sind, die an verantwortliche Eltern gestellt werden. Außerdem kommt bei der Frau die Angst darüber auf, inwieweit das Kind die Beziehung zum Partner und die Stellung im beruflichen Leben verändert. Wenn die Frau kognitiv auf diese Fragen keine aufbauenden Antworten findet, erlebt sie die Phase nach der Geburt als Stress.

Psychosozial ist daher eine stabile Partnerbindung und der Rückhalt in der Familie und Umgebung entscheidend. Fallen diese Stützen weg, so wird die Frau schwerlich eine zuversichtliche und fürsorgliche Haltung zur ihrem Neugeborenen aufbauen können.
Hormonell ist der Abfall an Östrogen und Progesteron nur Auslöser der Schwangerschaftsdepression. Besonders der Verlust des während der Schwangerschaft 200fach höheren Wertes an Östrogen bringt große Veränderungen im  zentralen Neurotransmittersystem mit sich. Beispielsweise ist der Serotoninhaushalt in großem Maße von der Menge an Östrogen abhängig. Wenn nun der Östrogenspiegel sich erniedrigt, so wird davon auch die Produktion des Glückshormons Serotonin berührt werden. Konzentration und Stimmung lassen nach.

Symptome

Typische Symptome einer Schwangerschaftsdepression können sein:

Am bedrückendsten für die Mutter sind die gleichgültigen Gefühle gegenüber ihrem Kind. Die Ohmacht über Unfreude und Antriebslosigkeit haben eine beängstigenden Wirkung auf die Mutter. Zwangsgedanken sich und dem Kind etwas anzutun kommen als zusätzliche Belastung für die Mutter hinzu. Sie reagiert darauf mit Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen eine schlechte Mutter zu sein, was ihr Insuffizienzgefühl / Unfähigkeitsgefühl vertieft.


Diagnose

Depression ist noch immer ein Tabuthema. Ganz besonders dann, wenn die PPD (Schwangerschaftsdepression) nicht im Einklang mit der gesellschaftlichen Vorstellung einer glücklichen, fürsorglichen Mutter steht.
Die ist ein Grund, warum die Diagnose der PPD schwierig ist und meist zu spät erfolgt. Die Mutter meidet jeglichen Versuch ihre Gefühle und Ängste jemandem mitzuteilen. Denn der Schritt zur Offenheit über die wahre, depressive Befindlichkeit geht mit Schamgefühlen und einer Stigmatisierung psychisch krank zu sein einher.
Spätestens die erste Kontrolluntersuchung nach 6 Wochen kann der Gynäkologe dazu nutzen, um mithilfe eines Screeningverfahrens nach EPDS (Edinburgh Postnatal Depression Scale) die emotionale Lage der Patientin einschätzen zu können. Das EPDS enthält 10 Fragestellungen, die sich auf die Befindlichkeit der Patientin beziehen. Erreicht die Patientin mehr als 9,5 Punkte (Schwellenwert) bei der Auswertung, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit an Schwangerschaftsdepression leiden zu können.
Das Screeningvefahren ist umso aussagekräftiger (valider), je besser die Compliance (Zusammenarbeit) der Patientin mit dem Arzt ist. Dies kann am besten mit einer patientenzentrierten Behandlung erreicht werden.

Therapie

Aufklärung und Psychoedukation (hierunter versteht man die psychische Schulung hinsichtlich des Umgangs mit der Erkrankung) tragen enorm dazu bei Schuldgefühle und Scham bei der Mutter zu mildern. Das Wissen darum, dass ihre Antriebslosigkeit und ihre  Gefühllosigkeit gegenüber dem Kind mit dem Krankheitsbild Schwangerschaftsdepression begründet werden kann , beruhigt die beruhigt die Mutter. Es besteht die Bereitschaft das Gespräch mit einem Psychotherapeuten zu suchen. Die betroffene Patientin kann ihren Zustand einer Krankheit zuordnen, die man auch behandeln und offen ansprechen kann.

Eine 100% Diagnose einer depressiven Erkrankung kann es bisher nicht geben. Sobald jedoch Anzeichen für eine PPD sprechen, sollte die Interaktion zwischen Familie, Sozialarbeitern und der Hebamme gesucht werden. All diese Glieder können die Anstrengung leisten die depressive Frau vorerst von ihren neuen Aufgaben als Mutter zu entlasten.
Ziel ist es, dass eine ruhige Atmosphäre um die Frau geschaffen werden kann, damit sie sich innerhalb einer psychotherapeutischen Behandlung ihrer neuen Mutterrolle bewusst wird und diese auch für sich annehmen kann. Dies tut sie umso eher, wenn sie einen anderen Umgang mit ihrem Baby erlernt. „Mutter-Kind-Spieltherapie“ und „Babymassage“ sind eines von vielen Programmen, die die Mutter-Kind-Beziehung unter einem anderen Licht stellen und damit festigen.
Der Versuch einer Trennung des Kindes von der Mutter sollte gemieden werden, weil das nur die Schuldgefühle und das Entfremdungsgefühl zum Kind verstärkt.
Damit die an PPD erkrankte Frau nicht den Eindruck bekommt als psychisch krank stigmatisiert zu werden, sollte sie nicht in die Psychiatrie eingewiesen werden. Besser ist eine Behandlungsmöglichkeit innerhalb eines Krankenhauses.

Medikamentöse Therapie

Medikamentös wird zur Zeit die Wirkung von Hormonen wie Östrogen auf die Schwangerschaftsdepression untersucht. Es gab bereits Hinweise, dass eine transdermale (über die Haut) Gabe von 200 Mikrogramm Östrogen täglich bei PPD Betroffenen zur Besserung der Stimmung führte. Um diese Annahme zu erhärten, müssen weitere Studien folgen.
Schwere Depressionen erfordern in den meisten Fällen eine medikamentöse Behandlung mit einem Antidepressivum. Diese werden jedoch seit dem Vorfall mit Contergan (Thalidomid,ein Beruhigungsmittel), welches während der Schwangerschaft eingenommen bei den Babys Missbildungen hervorrief, argwöhnisch betrachtet.
Selbst nach der Geburt bringt die Einnahme von Psychopharmaka / Antidepressivums den Nachteil mit sich, dass das Medikament in der Muttermilch nachzuweisen ist und somit beim Stillen in der Körper des Babys gelangt.
Wichtig ist, dass der Arzt die betroffene Patientin über Chancen und Risiken von Psychopharmaka / Antidepressiva informiert.
Die Psychopharmaka von heute (SSRI) weisen viel geringere Nebenwirkungen auf als klassische Benzodiazipine oder trizyklische Antidepressiva. Säuglinge vertragen die kleinen Mengen an Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) gut, weil das Medikament unterhalb der Nachweisgrenze im Serumspeigel oder in der Muttermilch liegt.
Sertralin und Paroxetin gehören zu den bekannten SSRI´s. Sertralin wird in einem Dosierungsbereich von 50-200mg verabreicht, während bei Paroxetin 20-60mg bereits genügen. Die initiale Einnahmephase kann von Nebenwirkungen wie Unruhe, Zittrigkeit und Kopfschmerzen bei der Mutter begleitet werden.
Die Patientin sollte sich im Klaren sein, dass immer ein geringe Menge des Medikaments über den Weg der Muttermilch Eingang in den Kreislauf des Kindes findet. Je kleiner das Baby,umso schlechter kann es die Wirkstoffe des Medikaments verstoffwechseln. Außerdem reichert sich der Wirkstoff im ZNS (zentrale Nervensystem) in höherem Maße als bei Kindern an,weil die Blut-Liquor Schranke beim Säugling noch nicht vollständig entwickelt ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Wirksamkeit einer psychotherapeutischen Behandlung wesentlich ergiebiger sind als die einer medikamentösen Therapierung. In schwierigen Fällen, wo für die Sicherheit der Mutter und ihrem Kind keine Garantie besteht, kann auf Psychopharmaka / Antidepressivum nicht verzichtet werden.

Mehr zur medikamentösen Behandlung finden Sie auch unter unserem Thema: Antidepressivum.

Prophylaxe

Das Wiedererkrankungsrisiko einer Schwangerschaftsdepression ist gerade bei familiär vorbelasteten Frauen hoch. Eine aufmerksame Beobachtung dieser Patientinnen kann helfen, dass die PPD sich nicht umbemerkt und zum Schaden des Kindes entwickelt. Die Mutter-Kind-Beziehung leidet nämlich erheblich unter der Anteilnahmslosigkeit der Mutter. Die körperliche und emotionale Vernachlässigung des Babys in den ersten Monaten hat massive Konsequenzen auf die Entwicklung des Kindes.
Außerdem ist auch die Aufklärungsbereitschaft gefragt. Broschüren und ein offenes Ohr des Pflegepersonals oder des Arztes können die Hemmschwelle der Mutter nehmen über ihre Symptome zu sprechen.

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