Physiotherapeutische Behandlung chronischer Nackenschmerzen

Synonyme im weiteren Sinne

HWS - Syndrom, Halswirbelsäulensyndrom, Cervicalsyndrom, Zervikalsyndrom, chronische Halswirbelsäulenbeschwerden, Halswirbelsäulenschmerzen, Nackenschmerzen

In diesem Thema möchte ich Hintergrundwissen zur Entstehung chronischer Nackenbeschwerden vermitteln und „Hilfe zur Selbsthilfe“ anbieten.

Häufigkeit

Circa 50 % aller Erwachsenen leiden an Rückenschmerzen, 30% davon sind von rezidivierenden (wiederholt auftretenden) Nackenschmerzen betroffen, ca. 15% chronifizieren.

Chronische Nackenschmerzen mit oder ohne Ausstrahlungsschmerzen sind die drittgrößte Gruppe der chronischen Schmerzbilder, in Bezug zum chronischen Rückenschmerz liegen sie an zweiter Stelle der muskuloskelettalen Schmerzbilder. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.


Ursachen

  • Nicht ausreichend schmerzmedizinisch behandelte akute Schmerzbilder wie z.B. „Blockaden“ oder Bandscheibenprobleme der Halswirbelsäule
  • Zu lange Schonungsphasen nach akutem Geschehen
  • Muskeldysbalancen, chronische Muskelverspannungen, Beschreibung folgt
  • Psychosoziale Faktoren wie Unzufriedenheit im Beruf oder Familie, Neigung zum Katastrophisieren, Gewinn an Aufmerksamkeit durch Schmerz (kein orthopädischer Hintergrund, sekundärer Krankheitsgewinn)
  • Chronische Verschleißprobleme der Halswirbelgelenke
  • Augenprobleme

Muskeldysbalance

Muskuläres Ungleichgewicht entsteht nicht ausschließlich durch Kraft- Ausdauer- oder Dehnungsdefizite, sondern hat seinen Ursprung häufig in mangelnder muskulärer Koordination ( das bedeutet, dass die Zusammenarbeit der Halsmuskulatur in Bezug auf Krafteinsatz und zeitlicher Abfolge gestört ist) und in Fehlfunktionen der neurologischen Steuerungsmechanismen. Durch Beeinträchtigung in dem tiefen stabilisierenden Muskelsystem und durch schnelle Ermüdbarkeit der oberflächlichen Halsmuskulatur kommt es zur Überlastung bestimmter Muskelgruppen mit starken Verspannungen und Muskeltriggerpunkten (lokale Verhärtungen innerhalb eines verspannten Muskelstranges) und des passiven Stützapparates der Halswirbelsäule. Die Folge davon sind Schmerzen und das Gefühl, dass der Kopf nicht mehr vom Hals getragen wird.

Symptome

Man spricht vom chronischen Nackenschmerz, wenn die Beschwerden länger als 3 Monate anhalten. Typisch für den chronischen Schmerz ist eine wechselnde Symptomatik, das heißt, es besteht ein in der Intensität wechselnder Dauerschmerz. Schmerzspitzen sind häufig morgens nach dem Aufstehen und abends nach erfolgter Tagesbelastung, wenn die Betroffenen zur Ruhe kommen. Zu den Schmerzen gesellen sich häufig über die Schonung des Nackens zusätzliche andauernde Bewegungseinschränkungen, so dass die Dreh – Beuge - und Streckbewegungen der Halswirbelsäule vermindert sind.

Chronische Nackenschmerzen können als isolierte Symptomatik vorhanden sein, häufig treten sie aber kombiniert mit Schulter- Armbeschwerden, Spannungskopfschmerzen oder chronischen Rückenschmerzen auf.

Akuter Schmerz / chronischer Schmerz

Chronisch und akut: manchmal kommt beides zusammen

Aus einem akuten Nackenschmerz kann sich ein chronisches Schmerzgeschehen entwickeln, auf ein chronisches Schmerzgeschehen kann sich aber auch ein akutes Problem der Halswirbelsäule draufsetzen.

Beispiel: chronischer Nacken- und eventuell Kopfschmerz ist bereits vorhanden, der Patient wacht morgens mit einer akut schmerzhaften Funktionsstörung auf und kann seinen Kopf nicht zur Seite drehen.

Schmerzverstärker:

  • Überkopfarbeiten/ Überkopfsportarten (z.B. Tennis oder Handball)
  • Kalter Luftzug auf dem Nacken, feuchtkaltes Wetter
  • Zusätzlich erworbene akute Schmerzbilder durch Blockierungen, Unfall etc.
  • Erhöhte „Stressbelastung“ in Alltag und Beruf

Schmerzgedächtnis:

Die Ursache für die Entstehung und die Behandlung chronischer Schmerzen werden seit Jahren intensiv in der Schmerzforschung untersucht, da chronische Schmerzen ein zunehmendes Problem einerseits für die Erkrankten und andererseits für das Gesundheitswesen darstellen.

Lesen Sie mehr zum Thema: Schmerzgedächtnis

SCHUTZFUNKTION des KÖRPERS

AKUTER SCHMERZ = BIOLOGISCHES WARNSIGNAL = SCHUTZFUNKTION des KÖRPERS

Schonung ist bei einem akuten Schmerzgeschehen ( z.B. bei einem Bandscheibenproblem oder einer heftigen Blockierung durch „Verlegen des Nackens in der Nacht“) absolut notwendig und sinnvoll, um gereiztes, heftig schmerzhaftes Gewebe zu entlasten. Die Schmerzqualität wird als scharf, stechend, schneidend oder spitz beschrieben. In diesem Stadium ist je nach Ursache eine medikamentöse ( Schmerz- und Entzündungshemmer), Manuelle Therapie , physikalische Maßnahmen wie Wärme, Elektrotherapie, Tape und eventuell vorsichtige aktive physiotherapeutische Behandlung zur Mobilisation angezeigt.

Aber auch bei einem akuten Schmerzgeschehen des Nackens sollte die Schonungsphase möglich kurz gehalten werden, um das Risiko einer Chronifizierung möglichst gering zu halten. Voraussetzung dafür ist eine konsequente und ausreichende Schmerzbehandlung in der akuten Schmerzphase.

Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich mit anhaltendem Schonverhalten und der Angst vor Schmerz ein Prozess ungünstiger Haltungs- und Bewegungsmuster im Alltag entwickelt (z.B. die andauernde Schiefhaltung des Kopfes), welche die Betroffenen nach einiger Zeit nicht mehr als verändertes Verhalten wahrnehmen und somit auch nicht korrigieren können. Die Folge der schmerzbedingten Schonung ist ein zunehmender Rückgang der Belastungsgrenze und abnehmende Belastbarkeit im Alltag und Beruf.

Es gibt aber auch Betroffene, die nicht den Weg der Schonung gehen, sondern für Ihren Alltag eher Durchhaltestrategien („die fröhlichen Durchbeißer“) entwickelt haben. Da Sie keinerlei Rücksicht auf ihre Beschwerden nehmen, gehen sie ständig über ihre Belastungsgrenze. Diese Gruppe wirkt nach außen fröhlich und unbeschwert, so dass für die Therapeuten, Angehörige und Freunde der Eindruck entsteht, die Betroffenen sind beschwerdefrei und gut belastbar. Auch dieses Verhalten wirkt als so genannter „Schmerztrigger“.

CHRONISCHER SCHMERZ = SINNLOSER SCHMERZ = EIGENSTÄNDIGES KRANKHEITSBILD OHNE FUNKTION

Die Mechanismen der Schmerzchronifizierung beruhen auf der Fähigkeit von Nervenzellen, sich auf verschiedene Reize anpassen zu können. Dabei gibt es keinen exakt festzulegenden Zeitraum zwischen akuter Schädigung und dem Zeitpunkt, wann Chronifizierung entsteht. Durch mehrfache Gewebsschädigungen und Entzündungen kommt es zu einer gesteigerten Erregbarkeit von schmerzleitenden Nervenzellen im Gehirn, wenn diese Verletzungen (medizinische Traumata) nicht konsequent und ausreichend schmerzmedizinisch behandelt wurden. Hinzu kommen psychosoziale Aspekte, die das individuelle Schmerzempfinden maßgeblich beeinflussen. Die Folge der gesteigerten Erregbarkeit von Nervenzellen (der Schmerz ist „quasi in den Zellen gespeichert“ = Schmerzgedächtnis) ist die übermäßige Wahrnehmung von Schmerzreizen, bzw. Schmerzempfindung bei eigentlich nicht schmerzauslösenden Reizen. Die Schmerzqualität wird als dumpf, bohrend, ziehend, brennend oder reißend beschrieben.

Es hat sich ein eigenständiges Krankheitsbild entwickelt.

DIE SCHMERZSCHWELLE SINKT!

 

 

Die Betroffenen reagieren also auf Kältereize, geringe körperliche Belastung oder Stress (Trigger) nicht angemessen, aber auch nicht willentlich beeinflussbar mit Schmerzzunahme der bekannten Nacken- und oder Kopfschmerzen. Diese „Überempfindlichkeit“ ist für die Patienten selbst, aber auch für Arbeitgeber und nahe stehende Personen schwer nachvollziehbar. Das mangelnde Verständnis und die fehlende Akzeptanz der Umwelt verstärkt die emotionale und psychische Belastung und erhöht somit wiederum die Schmerzsensibilität.

 

Der Teufelskreis

WIEDERHOLTE GEWEBSVERLETZUNG - AKUTSCHMERZEN – KEINE AUSREICHENDE SCHMERZTHERAPIE—SCHONUNG – CHRONIFIZIERUNG - ÜBEREMPFINDLICHKEIT AUF SCHMERZREIZE - RÜCKGANG DER BELASTUNGSGRENZE – ERHÖHTE ANFÄLLIGKEIT FÜR NEUE AKUTE TRAUMATA

Multimodale Schmerztherapie

Die Konsequenz aus den Erkenntnissen über die vielfältigen Entstehungsmechanismen des chronischen Nackenschmerzes sollte ein umfassendes Behandlungskonzept sein.

Die Multimodale Schmerztherapie (Therapie, die verschiedene Behandlungsansätze beinhaltet) ist nur interdisziplinär in einem Team aus Arzt, Psycho- und Physiotherapeuten zu verwirklichen und hat sich bereits in der Behandlung des chronischen Rückenschmerzes bewährt.

Nachweislich werden durch diese multimodalen Behandlungskonzepte die besten Ergebnisse erzielt. Leider sind sie aber in der Realität häufig aus Kosten oder Zeitgründen nicht konsequent oder nur teilweise durchführbar.

Medikamente

Zur medikamentösen Behandlung des chronischen Schmerzes werden so genannte zentral wirkende Schmerzmittel eingesetzt, die die gesteigerte Erregbarkeit der schmerzverarbeitenden Nervenzellen senken. Je nach Tagesform oder Tagesbelastung werden kurzfristig wirksame Schmerzmittel mit der Dauermedikation kombiniert.

Eine zusätzliche Anwendungsmöglichkeit ist die direkte Infiltration von lokalen Anästhetika und/oder Cortison in begrenzte, hochempfindliche Muskelverhärtungen = Muskeltriggerpunkte.

Akupunktur

Obwohl nicht im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen enthalten zeigt die Akupunktur auch beim chronischen Nackenschmerz (HWS-Syndrom) und Kopfschmerz erfahrungsgemäß gute schmerzlindernde Wirkung.

Weitere Informationen erhalten Sie auch unter unserem Thema: Akupunktur

TENS - Gerät

Die Abkürzung TENS steht für Transkutane Elektrische Nervenstimulation, bei der mit Hilfe von schwachen niederfrequenten Reizströmen chronische Schmerzen positiv beeinflusst werden können.
Der große Vorteil dieser Methode ist die Eigenbehandlung des Patienten durch kleine, gut zu handhabende Geräte zu Hause.

Psychotherapie

In der psychotherapeutischen Behandlung werden die psychosozialen Ursachen als Entstehungsmechanismus des chronischen Schmerzes untersucht und behandelt. Mit Hilfe von Schmerzbewältigungsstrategien können eine Verhaltensänderung im Sinne von Aktiv gegen den Schmerz, dauerhafte Schmerzsenkung und Erhöhung der Belastbarkeit erreicht werden.

  • Entspannungsverfahren
  • Biofeedback
  • Körpertherapie wie z.B. Feldenkrais, Tai Chi, Qi Gong
  • Schmerzbewältigungstraining
  • Kognitive Verhaltenstherapie
  • Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
  • Hypnose
  • Eventuell stationäres multimodales Therapieangebot

Lesen Sie mehr zu diesem Thema: Psychotherapie

Entwicklung und Zusammenfassung

Entwicklung:

Auf Grund der demographischen Entwicklung wird ein erhöhter Anteil älterer Menschen in Berufstätigkeit zu erwarten sein. Insbesondere Nacken und Schultern belastende Tätigkeiten und die allgemein erhöhte Stressbelastung in Familie und Beruf werden verstärkt zu Schmerzen am Haltungs- und Bewegungsapparat führen. Also wird in Zukunft der Behandlungsbedarf im Bereich „chronische Nacken- und Rückenschmerzen“ weiter steigen.

In Hinblick auf die explodierenden Kosten im Gesundheitswesen, die zum überwiegenden Teil von Patienten mit chronischen Schmerzkrankheiten verursacht werden, sollte mehr Augenmerk auf Präventionsprogramme und Behandlungskonzepte in der Gruppe gelegt werden. Mit dem Programm der Krankenkassen Rehabilitationssport ist auf jeden Fall bei schon bestehenden Beschwerden ein Schritt in die richtige Richtung getan.

Zusammenfassung :

Zur Behandlung von Patienten mit chronischen Nackenschmerzen sind die aktiven Gruppenprogramme mit dem Konzept der Nackenschule erfolgreicher als die Einzelbehandlung. Voraussetzung für den Therapieerfolg ist eine exakte vorhergehende Diagnostik, eine eventuelle Vorbehandlung und eine konsequente aktive Mitarbeit der Teilnehmer auch über das Gruppenprogramm hinaus. Im Zusammenhang mit einem multimodalen Behandlungskonzept (Medikation, Verhaltensänderung im Umgang mit Schmerz, Berücksichtigung psychosozialer Aspekte) eignet sich insbesondere das spezifische Krafttraining der Schulter- und Nackenmuskulatur in der Physiotherapie als sehr effektive und kostengünstige Behandlungsmethode . In Hinblick auf die steigenden Kosten in der Behandlung chronischer Schmerzpatienten sind die multimodalen Konzepte zwar primär teuerer, sekundär aber preisgünstiger, nachhaltiger und effektiver.

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Autor: Carla Hötten-Schumacher      |     Letzte Änderung: 09.02.2017
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