Inhalt:
Schultereckgelenkssprengung
Synonyme im weiteren Sinne
Akromioklavikulargelenksluxation, Schultereckgelenkluxation, Schultereckgelenksverrenkung, Schlüsselbeinverrenkung, Tossy-Verletzung, Rockwood-Verletzung, Schlüsselbein, Clavicula, Acromion, Sprengung Schultereckgelenk, Arthrose ACG
Definition
Verrenkung des seitlichen Ende des Schlüsselbeins zum Schulterdach (Acromion) mit Verletzung des stabilisierenden Kapsel- / Bandapparates des Schultereckgelenkgelenkes.
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Ursachen
Häufigste Ursache für eine Verrenkung des Schultereckgelenkes ist der Sturz auf die Schulter mit direkter Krafteinleitung auf das Schultereckgelenk. Seltener ist die indirekte Verletzung durch Sturz auf den ausgestreckten Arm. Hierbei kommt es öfters zum Schlüsselbeinbruch.
Häufige Unfallursache sind Stürze vom Fahrrad, Pferd oder beim Skifahren.
Schultereck- gelenkssprengung
- Schlüsselbein
- ACG = Schulter - Eckgelenk
- Acromion (Schulterhöhe)
- Ligamentum coracoacromiale
- Ligamentum coraco- claviculare
Röntgenbild Schultereckgelenk
- Acromion
- Clavicula
- Differenz = hoch - gestiegenes Schlüsselbein
Symptome
Der betroffene Arm wird vom Patienten in einer Schonhaltung nah und innengedreht am Körper getragen, eine eigentätige Bewegung im Schultergelenk findet nicht mehr statt.
Bei der Betrachtung des Patienten fällt eine prominente Schwellung im Bereich des Schultereckgelenkes auf. Die Haut wölbt sich mitunter vor, ist aber meistens unverletzt.
Über dem Schultereckgelenk besteht eine lebhafte Druckschmerzhaftigkeit.
Je nach Ausprägung einer Schultereckgelenkverletzung, steht das seitliche Schlüsselbeinende durch Muskelzug des Muskulus sternocleidomastoideus mehr oder weniger nach oben (kopfwärts) weg, während das Schulterdach gleichzeitig durch das Eigengewicht des Armes und Zug des Brustmuskels nach unten absinkt. Ursache hierfür ist eine Verletzung der stabilisierenden Bandstrukturen des Schultereckgelenkes. Bei einer völligen Zerreißung aller Bandstrukturen liegt das Vollbild einer Schultereckgelenksprengung vor.
Bei der körperlichen Untersuchung ist das „Klaviertastenphänomen“ beweisend (pathognomonisch) für das Vorliegen einer vollständigen Schultereckgelenkluxation.
Durch das nach oben stehen des seitlichen Schlüsselbeinendes hat dieses seine Stabilität Schultereckgelenkverbund verloren und lässt sich vom Untersucher wie eine Klaviertaste nach unten drücken. Die Ausprägung des Klaviertastenphänomens ist ein indirektes Hinweiszeichen auf das Ausmaß der Bandverletzung.
Diagnose

- Tossy 3 - Verletzung
Nach Erhebung der Krankengeschichte und der körperlichen Untersuchung wird regelmäßig eine Röntgenaufnahme durchgeführt. Bei einem Sturz auf die Schulter wird die Schulter in zwei Ebenen geröntgt (von vorne (a.p.) und seitlich) sowie zusätzlich bei entsprechendem Untersuchungsverdacht eine Zielaufnahme des Schultereckgelenkes durchgeführt.
Um das Klaviertastenphänomen noch zu verstärken, kann die Röntgenzielaufnahme unter Belastung und im Seitenvergleich durchgeführt werden. Hierfür werden dem Patienten jeweils ein Gewicht (10 kg) um die Handgelenke geschlungen, wodurch das Schulterdach (Akromion) weiter fußwärts gezogen wird und ein evtl. unerkanntes Klaviertastenphänomen zur Darstellung kommt.
Auch durch die Sonographie (Ultraschall) lässt sich eine Verletzung des Schultereckgelenkes diagnostizieren. Bei Bandverletzungen können Einblutungen im Gelenkbereich erkannt werden (echoarmer Bereich) und der 3-4mm große Gelenkspalt kann in der Frontalebene vergrößert sein.
Ein Vorteil der Sonographie ist auch, dass gleichzeitig die Schultersehnen (Rotatorenmanschette) auf eine Verletzung hin untersucht werden können. Besonders ältere Patienten sind von einer Verletzung der Rotatorenmanschette häufiger betroffen.
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Diagnostik
Klasssifikationen dienen der Verständigung von Fachleuten untereinander und erlauben eine Ableitung ärztlicher Therapiemaßnahmen, die in empfehlenden Leitlinien für die einzelnen Fachgebiete zusammengefasst sind.
Es gibt zwei gängige Klassifikationen bei Schultereckgelenkverletzungen, die beide im klinischen Alltag ihre Verwendung finden. Grundlage für die Einteilung ist bei beiden das Röntgenbild.
Tossy-Klassifikation
- Tossy I: Zerrung des Kapselbandapparates ohne sichtbare Verschiebung des Schlüsselbeinendes zum Schulterdach.
- Tossy II: Teilzereißung des Kapselbandapparates mit Verschiebung des Schlüsselbeinendes zum Schulterdach um weniger als eine Schaftbreite des Schlüsselbeines.
- Tossy III: Komplette Zerreißung des Kapselbandapparates mit Verschiebung des Schlüsselbeinendes zum Schulterdach um mehr als eine Schaftbreite des Schlüsselbeines.
Die Rockwood-Klassifikation ist genauer als die Tossy-Klassifikation und greift seltene Luxationsformen mit auf. Mit ihr lassen sich alle Verrenkungen des Schultereckgelenkes beschreiben.
- Rockwood I: Zerrung des Kapsel-/Bandapparates. Keine Schultereckgelenkinstabilität (entspricht Tossy I).
- Rockwood II: Teilzerreißung des Kapsel-/Bandapparates (Ruptur der akromioklavikularen Bänder) mit Teilverrenkung des Schultereckgelenkes (entspricht Tossy II).
- Rockwood III: Zerreißung des kompletten Kapsel-/Bandapparates (Ruptur der akromioklavikularen Bänder und der Korakoklavikularen Bänder) mit vollständiger Verrenkung des Schultereckgelenkes in der Vertikalebene nach kopfwärts sog. Schultereckgelenksprengung (entspricht Tossy III).
- Rockwood IV: Das seitliche Schlüsselbeinende verrenkt sich in der Horizontalebene. Dabei kann es sich im M. trapezius verhaken.
- Rockwood V: Extremer Schlüsselbeinhochstand mit ausgedehnter Ablösung der Muskelansätze am seitlichen Schlüsselbeinende.
- Rockwood VI: Verrenkung des seitlichen Schlüsselbeinendes fußwärts unter das Korakoid.
Therapie
Wie bei vielen Verletzungen ist ein konservatives oder operatives Vorgehen möglich. Die Entscheidung hängt von der Ausprägung der Verletzung, den Beschwerden und dem Aktivitätsgrad des Patienten ab.
Konservative Therapie:
Bei Rockwood I bzw. Tossy I-Verletzungen wird immer konservativ therapiert, da keine Zerreißung des Kapsel-/Bandapparates stattgefunden hat.
Empfohlen wird die bedarfsabhängige, kurzfristige, schmerz- und entzündungshemmende Einnahme von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR, z.B. Diclofenac oder Ibuprofen) in Kombination mit einer lokalen, ebenfalls schmerzlindernden Eisbehandlung (Kryotherapie) des Schultereckgelenkes.
Bei starken Bewegungsschmerzen kann das Schultereckgelenkes auch in einem Schulterarmverband (z.B. Gilchrist-Verband) für einige Tage ruhig gestellt werden.
Die Therapieempfehlung für Rockwood II bzw. Tossy II-Verletzungen wird kontrovers diskutiert. Während die einen das konservative Vorgehen in oben beschriebener Form, evtl. mit etwas längerer Ruhigstellung im Schulterarmverband (1-2 Wochen) und anschließender Physiotherapie (Krankengymnastik), mit dem Hinweis auf die guten funktionellen Therapieergebnisse befürworten, empfehlen andere die Operation, weil sie meinen, dass es durch die verbleibende Fehlstellung zur Ausbildung einer Schultereckgeleksarthrose komme.
Unserer Meinung nach sollte im Einzelfall nach Abwägung des Für und Wider mit dem Patienten gemeinsam entschieden werden. Weder das eine, noch das andere Vorgehen wäre grundsätzlich falsch.
Operative Therapie:
Einigheit besteht über die Indikation zur Operation ab Rockwood III bzw. Tossy III-Verletzungen v.a. bei jüngeren, aktiven Patienten bzw. Patienten, die in ihrem Beruf gehäuft über Kopf arbeiten müssen. In diesen Fällen müsste bei konservativem Vorgehen mit funktionellen Einschränkungen der Schulter gerechnet werden.
Um Operationskomplikationen nicht zu riskieren, wird bei älteren Patienten aber durchaus auch ein konservatives Vorgehen empfohlen.
Es gibt einige operative Verfahren die angewandt werden. Sie unterscheiden sich in der Art der Schultereckgelenkstabilisierung. Alle haben ihre Vor- und Nachteile.
Optional ist die Rekonstruktion des Kapsel-/Bandapparates. Der Trend geht dahin, die gerissenen Strukturen einer Selbstheilung zu überlassen. Nach Meinung vieler muss deswegen nicht mit Nachteilen für die Schultereckgelenksstabilität gerechnet werden. Andere wiederum bervorzugen die Naht des Kapsel-/Bandapparates.
- Befestigende Naht: Ein sich langsam auflösender, stabiler Faden (z.B. PDS Kordel) wird unter dem Korakoid herumgeführt und unter Einrichtung des Schultereckgelenkes auf dem Schlüsselbeinende befestigt.
Vorteil: Keine Metallimplantation. Gute Schulterbeweglichkeit.
Nachteil / Gefahr: Repositionsverlust (erneutes Hochsteigen des Schlüsselbeines). Nervenverletzung (N. musculocutaneus).
- Hakenplatte: Eine Metallplatte wird mit ihrem gebogenem Ende unter das Akromion geschoben und mit ihrem geraden Anteil unter Einrichtung des Schultereckgelenkes auf dem seitlichen Schlüsselbeinende durch Verschraubung befestigt.
Vorteil: Stabil.
Nachteil / Gefahr: Bewegungseinschränkung der Schulter. Evtl. Impingementsyndrom. Metallentfernung nach 6 Wochen notwendig.
- Zuggurtung: Die Gelenkstabilisierung wird hierbei durch einen oder zwei Kirschner-Drähte erreicht, die durch die Gelenkpartner von Akromion und Schlüsselbein eingebracht werden und um die achtertourig eine Drahtschlinge gezurrt wird.
Vorteil: Stabil. Nervenverletzung unwahrscheinlich.
Nachteil / Gefahr: Metallbruch. Metallwanderung. Bewegungseinschränkung.
- Verschraubung: Durch eine Schraube vom seitlichen Schlüsselbeinende in das Korakoid wird das eingerichtete Schultereckgelenk stabilisiert.
Vorteil: Stabil.
Nachteil/Gefahr: Schraubenlockerung. Schraubenbruch. Bewegungseinschränkung. Schlüsselbeinbruch möglich.
Komplikationen
- Repositionsverlust: Nach dem intraoperativen Einrichten des Schultereckgelenkes kann das Ergebnis während der Nachbehandlung oft nicht vollstandig gehalten werden. Abhängig vom Operationsverfahren kann das seitliche Schlüsselbeinende wieder etwas nach oben wandern.
- Infektion/Wundheilungsstörung: Der Weichteilmantel über dem Schlüsselbein ist sehr dünn. Die Gefahr einer postoperativen Infektion ist nicht unerheblich.
- Metallockerung: Metallockerungen oder sogar Metallbrüche kommen vor. Auf das Schlüsselbein wirken starke statische und dynamische Kräfte ein.
- Kosmetisch störende Narbenbildung: Besonders bei jungen Menschen und parallel zum Schlüsselbein geführtem Hautschnitt, kann es durch den Brustmuskelzug zu einer überschießenden, kosmetisch störenden Narbenbildung (Keloid) kommen. Deshalb empfiehlt sich bei jungen Menschen der Säbelhiebschnitt, der durch seinen vertikalen Verlauf nicht derartigen Zugkräften ausgesetzt ist. Nachteil kann einer schlechtere Übersicht während der Operation sein.
- Gefäß- und Nervenverletzungen: Generelles Risiko bei jeder Operation, aber auch abhängig vom Operationsverfahren. Nachblutungen sowie Gefühls- und Bewegungsstörungen des Armes sind möglich.
Nachbehandlung / Perspektive / Prognose
Die Bewegungsübungen der Schulter beginnen in den Folgetagen nach der Operation unter krankengymnastischer Anleitung. Bewegungen über die Horizontale sollten für 4-6 Wochen unterlassen werden.
Rockwood I bzw. Tossy I-Verletzungen heilen in der Regel folgenlos aus.
Auch die Prognose bei konservativ versorgten Rockwood II bzw. Tossy II-Verletzungen ist gut. Bei starker Beanspruchung des Schultergürtels im Beruf (Überkopfarbeiten) oder Sport kann sich später eine schmerzhafte Schultereckgelenksarthose ausbilden.
Die Prognose für alle operativ versorgten Schultereckgelenkssprengungen sind ebenfalls gut, jedoch abhängig von der erreichten Schultereckgelenkstabilität, dem Repositionsverlust, sowie den Beanspruchung des Schultergürtels im Alltag. Krankengymnastische Übungsbehandlungen sollten bis zur Erlangung der vollen Schultergelenksbeweglichkeit durchgeführt werden. Verbleibende Schultereckgelenksinstabilitäten können zu einem Funktionsverlust und chronischen Beschwerden der Schulter führen.
Eine ACG - Sprengung ist jedoch auch operativ versorgt ein Risikofaktor für eine ACG - Arthrose
Weiterführende Informationen
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