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Bettnässen/ Enuresis

Synonyme im weitesten Sinne

Einnässen, Harninkontinenz

Englisch: enuresis

Definition

Als Bettnässen/ Enuresis bezeichnet man die unwillkürliche Ausscheidung von Urin bei Kindern, die das 4. Lebensjahr vollendet haben. Dabei tritt das Einnässen mehrfach in einem Monat auf.

Man unterscheidet drei verschiedene Formen der Enuresis (Bettnässen). Tritt das Einnässen nur im Laufe des Tages auf, spricht man von einer Enuresis diurna. Als Enuresis nocturna bezeichnet man das nächtliche Einnässen. Die Kombination von beiden Typen nennt man Enuresis nocturna et diurna. Weiterhin unterscheidet man zwischen einer primären und sekundären Enuresis. Bei der primären Form war das Kind noch zu keinem Zeitpunkt trocken; bei der sekundären Form hat das Kind mindestens ein halbes Jahr seine Urinausscheidung wllkürlich gesteuert.Die Unterscheidung der verschiedenen Formen spielt letztendlich bei der Therapie kaum eine Rolle, sondern dient vor allem der Diagnose. 

Häufig sind organische Ursachen, wie zum Beispiel ein offener Rücken (Spina bifida) oder Fehlbildungen der Harnröhre für das Einnässen verantwortlich. Außerdem sind seelische Probleme als Auslöser, insbesondere für  das sekundäre Einnässen, bekannt. Aufgrund der vielfältigen Ursachen und des hohen Leidensdruck für das Kind, gerade im sozialen Miteinander, sollte ein Arzt zur Klärung aufgesucht werden. Zur Behandlung stehen verschiedene Möglichkeiten bereit, wobei das Einnässen durch Verhaltenstherapie und Beratung meistens erfolgreich therapiert werden kann.


Epidemiologie

Die Erkrankung Bettnässen tritt je nach Kindesalter unterschiedlich häufig auf. So leiden etwa 30% der Fünfjährigen an unwillkürlichen Einnässen. Bis zu diesem Alter tritt die Krankheit bei Jungen und Mädchen gleich häufig auf. Mit zunehmendem Alter sind Jungen deutlich häufiger betroffen als Mädchen.

Insgesamt findet man unter den Zehnjährigen noch 5 von 100 Kindern, die einnässen, und bei Jugendlichen zwischen zwölf und vierzehn Jahren besitzt die Krankheit eine Häufigkeit von 2%. Insgesamt ist die sekundäre Enuresis, also das Einnässen bei vorher erreichter Urinkontrolle, die seltenere Form.

Ursache

Zunächst muss festgehalten werden, dass das willkürliche Wasserlassen in der Entwicklung des Kindes einen wichtigen Schritt bedeutet. Dieser ist jedoch mit einem sehr komplexen Lernvorgang verbunden, bei dem sowohl die Füllung der Blase also auch das willkürliche Öffnen und Schließen des Blasenmuskels optimal ineinander greifen und miteinander interagieren müssen. Der Beginn dieser Entwicklung beginnt ungefähr ab einem Lebensalter von 2 Jahren. Allerdings ist jedes Kind unterschiedlich schnell bis es letztendlich vollständig trocken ist und der Lernprozess abgeschlossen ist. Aus diesem Grunde löst sich das Problem meist von selbst. Ist dies bis zum 5. Lebensjahr des Kindes noch nicht geschehen, sollte man die Ursachen des Einnässens herausfinden.

Es gibt zwei große Säulen um die Ursachen der Enuresis/ Bettnässen zu erklären. Auf der einen Seite stehen die biologischen und körperlich bedingten Ursachen, welche meist eine primäre Enuresis zur Folge haben. Darunter fällt eine genetische Veranlagung, die bei etwa zwei Drittel aller betroffenen Kinder vorhanden ist. Einige Kinder haben eine gestörte Regulation des Hormons Vasopressin, welches für die Steuerung des Wasserhaushalts benötigt wird. Bei diesen Kindern wird das Hormon nicht wie üblich in einem bestimmten Rhythmus ausgeschüttet, so dass sie nicht wie vorgesehen nachts eine weniger stark gefüllte Blase haben als tagsüber.

Aber auch Fehlbildungen und anatomische Varianten der Harnwege, wie zum Beispiel eine fehlerhafte Nervenversorgung der Blasenmuskeln, gehören in diese Gruppe und können Bettnässen hervorrufen. Gehäufte Harnwegsinfekte stellen ebenfalls einen Risikofaktor zur Entstehung dar. Kinder, die in ihrer gesamten Entwicklung verzögert sind oder auch körperlich noch nicht ausreichend gereift sind, können auch eine Enuresis zeigen.

Zu betrachten ist außerdem noch die psychosoziale sowie die psychologische Seite. Hier sind vor allem folgende Aspekte wichtig. Zum einen können emotional belastende Situationen für das Kind der Auslöser des Einnässens sein. Der Stress, der durch diese Situationen (Trennung, Tod, Geburt eines Geschwisterkinds) empfunden wird, führt zur Entwicklung der Enuresis. Zum anderen steht hinter der Fähigkeit der Blasenkontrolle ein komplexer Lernprozess. Dieser kann durch unterschiedliche Maßnahmen, wie Inkonsequenz oder Strenge, oder aber bei intellektuell beeinträchtigten Kindern verlangsamt oder fehlgesteuert werden und zur Ausbildung der Krankheit führen. Gerade bei Kindern mit einer sekundär entwickelten Enuresis findet man häufig eine seelische Ursache der Beschwerden.

Symptome

Zur vollständigen Diagnose ist es wichtig zu wissen, zu welcher Tageszeit, wie häufig und mit welcher Intensität das Einnässen auftritt. Variieren die eben genannten Kriterien täglich stark , spricht die vorliegende Enuresis eher gegen eine anatomische Fehlbildung oder unzureichende Nervenversorgung. Findet sich eine Funktionsstörung hinter dem Einnässen, dann zeigen die Kinder teilweise Verhalten, die dem Einhalten des Urins helfen sollen, wie zum Beispiel die Oberschenkel aneinanderpressen oder von einem Bein aufs andere hüpfen. Zu beobachten ist außerdem, ob sich kleine Mengen an Urin in der Unterhose gerade nach dem Anspannen des Bauches, etwa beim Husten oder Niesen, finden lassen. Manchmal tritt das Einnässen auch gleichzeitig mit einer unwillkürlichen Mastdarmkontrolle (Enkopresis) auf.

Zum Teil zeigen die Kinder ein geringes Selbstwertgefühl und schließen sich von gesellschaftlichen Aktivitäten aus, da sie sich vor Entdeckung schämen oder Angst vor den Reaktionen haben. Gerade bei Ausflügen oder Besuchen bei Freunden stellt diese Erkrankung ein Problem für die Kinder dar und erhöht ihren Leidensdruck.

Diagnose

Um die Krankheit Bettnässen bei Kindern feststellen zu können, muss der Arzt zunächst eine ausführliche Befragung durchführen. Dabei wird das Augenmerk auch auf die familiäre Vorbelastung gelenkt. Wie war die Entwicklung der Sauberkeit bei den Eltern oder den Geschwistern? Ebenso werden Fragen zur momentanen Situation des Kindes gestellt, um so gegebenenfalls psychische Belastungen zu erkennen. Abgeklärt werden zudem Möglichkeiten, die das Einnässen möglicherweise aufrecht erhalten, wie zum Beispiel das Tragen von Windeln sowie bisher ergriffene Methoden zur Sauberkeitserziehung. Zusätzlich stehen körperlichen Untersuchungen, auch mit Hilfe von Ultraschall und Urintests im Labor, an. Dabei wird die Harnblase vermessen, mögliche Restharnansammlungen in dieser erfasst und die Zusammensetzung des Urins beurteilt. Außerdem wird abgeklärt, ob ein Harnwegsinfekt vorliegt. Auch psychologische Tests können zur Untersuchung dazugehören. Um all diese Punkte zu erfassen, kann es nötig sein, dass das Kind stationär aufgenommen wird.

Therapie

Generell beobachtet man bei der Enuresis eine gute Spontanheilung. Außerdem führen häufig kleine Maßnahmen, die während einer Beratung mit dem Arzt besprochen werden, schon zum Erfolg. Dazu zählt das Unterlassen von Drohungen und Strafen bei erneutem Einnässen und Belohnung bei einem „trockenen“ Tag bzw. einer „trockenen“ Nacht. Morgens sollte das Kind viel trinken und gegen Abend die Flüssigkeitsmenge verringern. Durch Matratzenschoner oder waschbare Bettbezüge kann die Familie entlastet werden. Auch kann man das Kind nachts bewusst wecken und auf die Toilette setzen, damit vorbeugend ein Einnässen verhindert werden kann. Allerdings kann die Krankheit chronisch werden und zu anderen, auch sozialen Problemen führen, so dass eine Behandlung notwendig ist.

Aufgrund der unterschiedlichen Ursachen des Einnässens muss die Therapie individuell auf den jeweiligen Patienten abgestimmt werden. Grob lassen sich die Therapiemöglichkeiten in drei Gruppen einteilen. Zum einen stehen Medikamente zur Verfügung. Dabei werden Imipramid-Antidepressiva eingesetzt, die zu einer Entspannung des Blasenmuskels führen, da hierbei vermehrt Schädigungen am Herzmuskel beobachtet wurden, nimmt man von diesem Medikament zunehmend Abstand. Kaum Nebenwirkungen besitzt das synthetisch hergestellte Hormon Desmopressin, welches die Wasserrückaufnahme (Rückresorption) in die Niere regelt und als Tablette oder Nasenspray eingenommen werden kann. Außerdem gibt es ein muskelentspannendes (spasmolytisches) und lokal schmerzlinderndes Medikament, das Oxybutinin als Wirkstoff beinhaltet. Alle Medikamente werden nur bei einer nicht möglichen Verhaltenstherapie eingesetzt und stellen keinesfalls das alleinige Behandlungsschema dar.

Desweiteren kommen Verhaltenstherapien als Behandlungsmethoden zum Einsatz. Im Mittelpunkt steht ein Weckgerät, eine Klingelhose. Diese ertönt bei Feuchtigkeit durch das beginnende Einnässen mit einem lauten Ton. Durch diesen Ton wird zum einen das Wasserlassen gehemmt und zum anderen die Wachschwelle gesenkt. Daraus folgt, dass das Kind schneller erwacht und außerdem wird dadurch das Harnhalten gelernt. Besonders hilfreich ist die Klingelhose, wenn auch die Bezugsperson des Kindes wach wird und mit ihm zur Toilette geht, denn meist überhören die Kinder das Klingeln zu Anfang der Therapie. Diese Technik führt in mehr als zwei Drittel aller Fälle zu einer Besserung und stellt somit die erfolgreichste Therapie dar. Einsatz findet sie vor allem bei der primären nächtlichen Enuresis. Es gibt auch Verhaltenstherapien, die mit Belohnungen bei jeder trockenen Nacht oder Tag arbeiten oder vorsorgliches Wecken in der Nacht. Insgesamt setzen fast alle der oben genannten Verhaltenstherapien ein hohes Maß an Motivation von Seiten der Bezugspersonen, aber auch der Kinder voraus und ist die Grundlage eines Therapieerfolges. Als dritte Möglichkeit der Therapie bietet sich das Blasentraining an. Dabei soll durch Üben das Kind seine Blasenkontrolle vollständig entwickeln. Durch die Unterbrechung des Wasserlassens (Miktion) lernt das Kind seine Urinausscheidung willkürlich zu beeinflussen.

Häufig werden die oben genannten Therapiemöglichkeiten miteinander kombiniert und zusammen eingesetzt, was auch die besten Erfolgschancen mit sich bringt.

Prognose

Im Allgemeinen ist die Heilungsprognose der Enuresis gut. Durch Verhaltenstherapie können bei 80% der Kinder Erfolge erzielt werden.