Inhalt:
- Hüftdysplasie
- Synonyme im weiteren Sinne
- Definition
- Geschlechtsverteilung
- Risikofaktoren
- Hinweis
- Ursache / Atiologie
- Klinik / Symptome
- Diagnose
- Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese)
- Inspektion (Betrachtung)
- Untersuchung
- Ultraschall (Sonographie)
- Meßwinkel Hüftdysplasie nach Graf
- Röntgenbild
- Ménard - Shenton - Linie
- konservative Therapie
- operative Therapie
- OPIS- Buch
- Weitere Informationen
Hüftdysplasie
Synonyme im weiteren Sinne
Hüftluxation, Hüftarthrose, Umstellungsoperation, Salter - Operation, Chiari - Operation, Containment, Tripleosteotomie, 3 - fach Osteotomie, derotierende Femurosteotomie
Definition
Bei einer Hüftdysplasie handelt es sich um eine kindliche Reifungsstörung mit Störung der Pfannendachverknöcherung. In der weiteren Entwicklung kann der Hüftkopf aus der Pfanne auskugeln = luxieren und sich eine Hüftluxation entwickeln.
Eine Hüftdysplasie ist ein Hochrisikofaktor für die Entwicklung einer Hüftarthrose (Coxarthrose). Durch das fehlende Pfannendach (Erker) wird die Gewichtsübertragung vom Oberschenkel (Femur) auf das Becken durch fehlende Kongruenz der Gelenkpartner ungünstig
Geschlechtsverteilung
Das Geschlechtsverhältnis weiblich zu männlich beträgt 4:1.
Risikofaktoren
Es gibt verschiedene Risikofaktoren, die die Entwicklung einer Hüftdysplasie fördern.
Sicher belegt sind Faktoren während der Schwangerschaft:
- durch eine sogenannte Steißlage werden die Hüften in der Gebärmutter stark gebeugt, wodurch sich das Pfannendach nicht richtig entwickeln kann.
- Fruchtwassermangel, hierdurch bleibt dem Kind nicht ausreichend Bewegungsfreiheit.
- Erstgebärende haben ein erhöhtes Risiko, da durch die straffe Bauchmuskulatur und Gebärmutter ebenfalls die Bewegungsfreiheit des Fetus eingeschränkt wird.
Ein weitere Risikofaktor ist eine Schwäche des Bindegewebes:
- Kombiniert sind alle Risikofaktoren mit einer verstärkten Bandlaxizität, das bedeutet, dass eine zu große Elastizität von Kapsel und Bändern vorliegt. Hierdurch kann der Hüftkopf leichter aus der Pfanne gleiten.
- Die Laxizität der Bänder wird durch die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron verstärkt werden.
Genetische Faktoren spielen eine wichtige Rolle:
- Kinder von Eltern mit Hüftdysplasie oder Hüftluxation haben ein 5 - 10 fach erhöhtes Risiko
- Chromosomenveränderungen die mit einer Hüftdysplasie kombiniert sein können sinddie Trisomie 18 = Edwards - Syndrom, Ulrich - Turner - Syndrom = X0 - Syndrom, Arthrogryposis multiplex congenita.
In der Regel sind diese Erkrankungen mit weiteren angeborenen Fehlbildungen kombiniert, wie Klumpfüßen.
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Ursache / Atiologie
Man kann grundsätzlich drei verschiedene Ursachen einer Hüftdysplasie unterscheiden:
- mechanische Ursachen
- genetische Ursachen
- hormonelle Ursachen
Klinik / Symptome
Eine Hüftdysplasie oder auch Hüftluxation muß beim Neugeborenen keine Beschwerden verursachen. Erst mit Beginn des Laufens kann ein Hüfterkrankung auffallen. Das kindliche Hüftgelenk besitzt aber nur bis zum Endes des 2. Lebensjahres eine Nachreifungspotenz. Daher ist die frühzeitige Diagnosestellung von überragender Bedeutung.
Hinweisende Symptome können ein verspätetes Gehen sein, belastungsabhängige Schmerzen im Leistenbereich oder seitlichen Hüftbereich.
Bei einer vorliegenden Auskugelung des Hüftgelenks ändern sich die mechanischen Hebel der Hüfte. Das Becken kann nicht mehr durch die Muskulatur beim Laufen waagerecht gehalten werden. Hierdurch kommt es zu einer Art “Watschelgang”, der als Duchenne - Hinken bezeichnet wird. Beim Einbeinstand der erkrankten Seite fällt das Becken durch Muskelschwäche der Hüftabspreizer (Abduktoren) zur Gegenseite. Dieses Phänomen wird als positiver Trendelenburg - Test bewertet.
Diagnose
Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese)
Die Krankengeschichte (med. Anamnese) sollte zielgerichtet auf die oben genannten Risikofaktoren durchgeführt werden.
Weitere wichtige Fragen sind wann erste Laufversuche unternommen wurden. Ob ein Hinken aufgefallen ist. Ob Asymmetrien im Bereich des Gesäßes bestehen. Ob eine verstärkte Hohlkreuzbildung im Stehen auffällt.
Inspektion (Betrachtung)
Durch eine Auskugeln des Hüftgelenks tritt der Hüftkopf höher. Bei einer einseitigen Luxation kommt es daher zu einer Asymmetrie der Gesäßfalten. Jedoch ist der Rückschluß nicht zulässig, dass jede Faltenasymmetrie zwangsläufig eine Hüftluxation sein muß.
Bei einer beidseitigen Luxation ist keine Asymmetrie vorhanden, da beide Hüften ausgekugelt sind. Kompensatorische kommt es bei diesen Kindern jedoch zu einer verstärkten Hohlkreuzbildung (Hyperlordose).
Untersuchung
Bei der Untersuchung des Hüftgelenkes wird besonders die Stabilität überprüft. Dabei wird besonders auf Stabilität und Auskugelbarkeit des Gelenkes geachtet.
Besonders die Untersuchungsmethode nach Ortolani ist hier zu nennen. In dieser Untersuchungsform wird versucht, das Hüftgelenk gezielt durch Druck von außen auf den Hüftkopf auszukugeln oder zumindest auf den Pfannenrand des Beckens zu stellen.
Durch eine Lageveränderung des Hüftkopfes versucht des Untersucher den Hüftkopf nun wieder in die Pfanne zurückspringen zu lassen, was als deutlich spürbares schnappen oder klicken wahrnehmbar wird. Dieses Phänomen ist als positives Ortolani - Zeichen zu werten. Bei einem gesunden Hüftgelenk läßt sich das Ortolani - Zeichen nicht auslösen.
Problematisch stellt sich die Untersuchung bei einer Hüftluxation (Hüftkopf steht nicht in der Pfanne) dar, die nicht wieder in die Pfanne zurückspringt. Hierbei läßt sich ebenfalls das Ortolani - Zeichen nicht auslösen.
Kritiker dieser Untersuchungsmethode bemängeln, dass durch das Schnappen der Hüftkopf geschädigt werden könnte.
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Ultraschall (Sonographie)
Der Ultraschall der Säuglingshüfte stellt das wichtigste Diagnostikum einer Hüftdysplasie eines Säuglings dar.
Da große Teile des Hüftgelenkes noch nicht knöchern, sondern nur knorpelig angelegt sind, hat das Röntgenbild nur begrenzte Aussagekraft hinsichtlich der frühzeitigen Diagnosenstellung.
Der Ultraschall (Sonographie) vom Hüftgelenk dagegen kann Weichteilstrukturen des Gelenkes sichtbar machen. So kann der knorpelige Anteil vom Pfannendach und Hüftkopf hinsichtlich einer Dysplasie durch die Sonographie gut beurteil werden. Es sollte routinemäßig bei der U2 und U3 durchgeführt werden.
Die Methode der Ultraschalluntersuchung der Säuglingshüfte wurde von dem österreichischen Professor Dr. Graf (Stolzalpe) Anfang der 80er Jahre entwickelt. Vorteil dieser Methode ist, dass sie frei von jeglicher Strahlenbelastung ist (keine Röntgenstrahlen). Sie kann daher beliebig häufig wiederholt werden. Weiterhin ist eine dynamische Untersuchung möglich. Hierunter versteht man, dass das Hüftgelenk unter Bewegung untersucht und das Verhalten von Hüftkopf zur Pfanne bei Bewegung beurteilt werden kann.
Mit zunehmender Verknöcherung von Hüftkopf und Hüftpfanne nimmt Aussagefähigkeit des Ultraschalls ab. Da die Ultraschallwellen den Knochen nicht durchdringen können, kann eine Ultraschalluntersuchung zur Hüftdysplasiebeurteilung bis zur Beendigung des ersten Lebensjahres durchgeführt werden, danach ist die Röntgenuntersuchung überlegen.
Professor Graf entwickelte als Beurteilungshilfe zwei Meßwinkel zur Bewertung des Pfannendaches.
Anhand des Pfannendachwinkels alpha und Knorpeldachwinkel beta lassen unter Berücksichtigung des Alters des Kindes die Grade der Dysplasie einschätzen und Therapieformen daraus ableiten.
Meßwinkel Hüftdysplasie nach Graf
Hüfttyp | Alpha | Beta | mögl. Therapie |
1 a | > 60° | < 55° | keine notwendig |
1 b | > 60° | > 55° | keine notwendig, Kontrolle |
2 a | 50 -59° | > 55° | keine oder breit wickeln |
2 b | 50 -59° | < 70° | Abspreizbehandlung |
2 c | 43-49° | 70 -77° | Abspreizbehandlung durch Hüftbeugeschiene |
2 d | 43-49° | > 77° | Abspreizbehandlung mit sichere Fixierung |
3 a | < 43° | > 77° | Hüfte luxiert, Reposition (Einkugeln) und Gipsfixierung |
3 b | < 43° | > 77° | Hüfte luxiert, Reposition und Gipsfixierung, zusätzlich Knorpelstruktur- störungen im Pfannendach nachweisbar |
4 | < 43° | > 77° | Hüfte luxiert, Reposition (Einkugeln) und Gipsfixierung |
Röntgenbild
Ein Röntgenbild wird selten vor dem ersten Lebensjahr gemacht. Für eine operative Planung ist sie zwingend notwendig.
In aller Regel wird eine sogenannte Beckenübersichtsaufnahme (BÜS) angefertigt. Dabei wird das Becken mit den Hüftgelenken von vorne nach hinten (a.p. = anterior - posterior) geröntgt
Auf dieser Röntgenaufnahme wird die Stellung von Hüftkopf und Hüftpfanne beurteilt. Wichtig sind hierbei ebenfalls verschiedene Meßwerte.
Wichtig sind hierbei besonders:
- Ménard - Shenton - Linie
- der Pfannendachwinkel = AC - Winkel nach Hilgenreiner
- der CE - Winkel (Zentrum - Ecken - Winkel) nach Wiberg
- der CCD - Winkel (Centrum - Collum - Diaphysen - Winkel = Schenkelhals - Schaft - Winkel)
Die Ménard - Shenton - Linie die Verlängerung des inneren Anteils vom Schenkelhals und dem unteren Schambeinast (Symphyse) dar. Diese sollte eine harmonische fast halbkreisförmige Struktur ergeben. Vgl. den blauen Bogen im kindlichen Röntgenbild rechts eines gesunden Hüftgelenkes
Wenn diese Linie unterbrochen, stufig oder nicht rund erscheint, besteht der Verdacht, dass der Hüftkopf nicht zentral in der Pfanne steht. Ursache kann eine Hüftdysplasie oder Hüftluxation sein.
konservative Therapie
Eine frühzeitige Therapie einer Hüftdysplasie kann das Pfannendach nachreifen lassen und im Erewachsenenalter eine Hüftarthrose verhindern.
Zu den konservativen Therapiemaßnahmen zählen:
- Ausreifungsbehandlung
- geschlossenen Reposition (Wiedereinkugeln des Hüftgelenkes)
- Fixierung
Die Ausreifungsbehandlung
Über eine Ausreifungsbehandlung wird versucht durch gezielte Stellung des Hüftkopfes in der Hüftpfanne das Wachstum des “dysplastischen” Pfannendaches günstig zu beeinflussen.
Hierfür kommen verschiedene Hilfsmittel in Frage. Häufig angewendet wird die Spreizhose oder die Hüftbeugeschiene (z.B. Tübinger-Schiene). Hierdurch wird das Hüftgelenk abgespreizt und stark gebeugt, wodurch sich der Hüftkopf tief in die Hüftpfanne einstellt.
Nur innerhalb der ersten 12 Lebensmonate ist diese Therapie sinnvoll. Angewendet werden diese Verfahren beim Dysplasietyp 2 a -c.
Die Reposition
Bei einer höhergradigen Hüftdysplasie (Typ 2d -4) muss der Hüftkopf zunächst erst einmal wieder in die Hüftpfanne zurückgebracht werden (Reposition). Hierfür eignet sich beispielsweise die Bandage nach Pavlik. Durch eine sehr starke Beugung im Hüftgelenk und in dieser Position fixiert.
Allen Verfahren ist jedoch gemein, dass durch die fixierte Position des Hüftkopfes eine Durchblutungsstörung folgen kann. Hierdurch können Teile des Hüftkopfes absterben und die Funktion des Hüftgelenkes dauerhaft beeinflussen.
Die Fixierung
Wenn das Repositionsergebnis nicht gehalten werden kann, kommen Fixierungen durch Schienen und Gips in Frage.
Häufig angewendet wird der sogenannte Fettweiß - Gips. Dabei wird das Hüftgelenk 100 - 110° gebeut und ca. 45° abgespreizt. In der Regel wird dieser Gipstyp von den Kindern gut toleriert.
operative Therapie
Operative Therapiemaßnahmen kommen in der Regel erst nach Versagen der oben genannten konservativen Therapien zu Anwendung. Häufig werden Eingriffe im Bereich des Pfannendaches mit Stellungskorrekturen des Hüftkopfes am Schenkelhals kombiniert.
Hierbei kommen derotierende varisierende Schenkelhalskorrekturen (DVO) mit Korrekturen des Pfannendaches am Becken
Häufig angewendete Hüftkorrektuverfahren am Becken sind:
- die Salter - Osteotomie
- die Chiarie - Osteotomie
- die Triple - Osteotomie
Im Kindesalter werden aufgrund von anatomischen Begebenheiten häufig die Salter Osteotomie durchgeführt (Grenze 8. Lebensjahr), während jenseits des 8. Lebensjahres bis zum Erwachsenenalter die Tripple - Osteotomie durchgeführt wird.
Ziel aller operativen Maßnahmen ist es den Hüftkopf besser zu überdachen, damit die Last sich über einen größeren Anteil des Hüftkopfes verteilt.
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