Inhalt:
Cervicobrachialgie
Synonyme
Zervikobrachialgie, Hals-Armschmerz, Radikulopathie, Nervenwurzel- schmerz, back pain, Kreuzschmerzen, Lumbalsyndrom, Wurzelreizsyndrom, Kompressionssyndrom, Bandscheibenvorfall,, Facettensyndrom, Wirbelgelenkschmerz, myofasziales Syndrom, Tendomyose, spondylogenes Reflexsyndrom, Wirbelsäule, Halswirbelsäule (HWS)
Definition
Cervicobrachialgie ist keine Krankheitsdiagnose, sondern die Beschreibung eines entscheidenden und wegweisenden Krankheitszeichens, des in den Arm fortgeleitenden Halswirbelsäulenschmerz.
Die Cervicobrachialgie ist am häufigsten Ausdruck eines Bandscheibenvorfalls der Halswirbelsäule.
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Begrifflichkeit
Cervicobrachialgie setzt sich aus den Begriffen Cervicalgie = Halswirbelsäulenschmerz und Brachialgie = über die Nervenwurzeln und Armnerven fortgeleiteter Armschmerz zusammen.
Anatomie
Auf seinem Weg ans Ende der Wirbelsäule entlässt das Rückenmark etagenweise jeweils ein Nervenpaar (Rückenmarksnerven). Nach Verlassen des Rückenmarks, aber noch in unmittelbarer räumlicher Nähe dazu, wird dieser Rückenmarksnerv in einer Nervenwurzel neu verschaltet (neue Nervenzelle). Von dort zieht jeweils ein Rückenmarksnerv (Ramus ventralis), welcher zwischen zwei Wirbelkörper (Bewegungssegment) aus einer dafür vorgesehenen Lücke (Zwischenwirbelloch) nach rechts und links aus der Wirbelsäule austritt, in den Körper.
Sehr bald schon nach Verlassen der Wirbelsäule vereinigen sich die Rückenmarksnerven zu großen Körpernerven (periphere Nerven). Als solche ziehen sie in die Arme und Beine und senden und empfangen alle möglichen Informationen.
Für die Armversorgung durch Nerven sind die Rückenmarksnerven 4-8 der Halswirbelsäule und der 1. Rückenmarksnerv der Brustwirbelsäule verantwortlich. Diese Rückenmarksnerven vereinigen sich außerhalb des Rückenmarkes in 3 große Körpernerven.
- Radialisnerv (Speichennerv = Nervus radialis).
- Medianusnerv (Mittelnerv = Nervus medianus).
- Ulnarisnerv (Ellennerv = Nervus ulnaris).
Zu den Aufgaben der Nerven zählen v.a. die Steuerung der Reflex- und Muskeltätigkeiten sowie die Gefühls- und Schmerzwahrnehmung.
Durch intensive Forschung ist heute genau bekannt, wie die einzelnen Nerven im Körper verlaufen, welches Hautareal und welcher Muskel von welchem Körpernerven beziehungsweise von welcher Nervenwurzel versorgt wird. Aus diesem Grund kann bei einem bestimmten Beschwerdekomplex (Schmerzausstrahlung, Gefühlsausfall, Muskelschwäche oder Lähmung) vorhergesagt werden, welcher Körpernerv oder welche Nervenwurzel von der Schädigung betroffen ist.
Bei Vorliegen eines Bandscheibenvorfalles oder eines sonstigen größeren Nervenschadens mit entsprechender charakteristischer Ausfallsymptomatik, kann der Arzt somit gut den Ort der Nervenschädigung beziehungsweise den beschädigten Nerv bestimmen. Unterstützend stehen ihm eine Reihe technischer Untersuchungsverfahren zur Verfügung (MRT (Magnetresonaztomographie), neurologische Nerven- funktionsmessungen, z.B. Messen der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG)).
Dermatom
Jeweils ein Nerv für die rechte und ein Nerv für die linke Körperseite versorgt dabei einen ganz bestimmten, für diese Nerven charakteristischen Körperbereich (Dermatom; Siehe Abbildung z.B. C5 = 5. Halswirbelsäulennervenwurzel).
Anhand von Taubheit bestimmter Areale können also gezielt Rückschlüssen auf die betroffene Nervenwurzel geschlossen werden.
Ursachen
Eine Cervicobrachialgie kann verschiedene zugrunde liegende Ursachen haben. Die mit Abstand häufigste Krankheitsursache ist der Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule (HWS). Das in Richtung des Rückenmarkes vorgefallene Bandscheibengewebe führt zur chemischen und mechanischen Irritation der abgehenden Nervenwurzeln. Hierdurch wird ein Nervenwurzelschmerz (Radikulopathie) hervorgerufen, der sich entlang des betroffenen Körpernerven (peripherer Nerv) in den Körper fortsetzt. Je nachdem welche Nervenwurzel/welcher Armnerv von der Schädigung betroffen ist, kann sich das Schmerzband entlang des Armes unterscheiden (siehe oben Dermatomverteilung).
Dabei besteht ein Zusammenhang zwischen der Stärke einer Nervenwurzelreizung und der Ausdehnung der Schmerzen in den Arm. Je stärker und je plötzlicher die Irritation (Reiz) der Nervenwurzel, je weiter wird der Schmerz entlang des betroffenen Körpernerven in den Arm weitergeleitet. Sehr starke Nervenwurzelreizungen führen dementsprechend zu Armschmerzen bis in die Hand, weniger starke und langsam entstandene Nervenwurzelreizungen führen zu Armschmerzen, die im Ober- oder Unterarm abbrechen können. Typischerweise wird der durch einen Bandscheibenvorfall verursachte Hals-Armschmerz vom Patienten stärker im Arm als im Bereich der Halswirbelsäule erlebt.
Seltenere Ursachen für eine Zervikobrachialgie sind verschleißbedingte Verengungen der Nervenaustrittslöcher an der Wirbelsäule (degenerative Wirbelsäulenerkrankung), Wirbelgelenkzysten oder Entzündungen der Körpernerven selbst (Neuritis / Plexusneuritis).
Abzugrenzen von der Cervicobrachialgie sind pseudoradikuläre Schmerzen. Hierunter versteht man vorgetäuschte Nervenwurzelschmerzen, die durch verschiedene Erkrankungen hervorgerufen werden können (z.B. HWS-Syndrom). Pseudoradikuläre Halswirbelsäulenschmerzen strahlen auch in den Arm- oder Nackenbereich aus, erreichen jedoch nie die Hände und sind keiner Nervenwurzel zuzuordnen. Folgende Erkrankungen können einen pseudoradikulären Halswirbelsäulenschmerz verursachen:
- Facettensyndrom / Spondylarthrose
- Uncarthrose (Form der Halswirbelsäulenarthrose)
- „Blockierungen“ der Halswirbelsäulengelenke
- Muskuläre Verspannungszustände (Myogelosen)
Diagnose
Die vom Patienten beschriebenen Beschwerden und die körperliche Untersuchung sind wegweisend.
Typisch für eine Cervicobrachialgie ist die Schmerzaustrahlung entlang eines Dermatoms (s.o.). Die häufigsten Nervenwurzelreizungen der Halswirbelsäule durch einen Bandscheibenvorfall betreffen die Nervenwurzeln C6 und C7:
C6-Syndrom
Von der Bandscheibe C5/C6 mit Ausbildung eines C6-Syndroms gehen mit 36% die meisten Bandscheibenvorfälle aus. Das sensible Versorgungsgebiet der Haut der betroffenen Nervenwurzel C6 (Dermatom von C6) erstreckt sich über den daumenseitigen Ober- und Unterarm bis hin zum Daumen selbst. Gefühlsstörungen und ziehende Schmerzen in diesen Bereich sind eindeutig dieser Nervenwurzel zuzuordnen.
Bei der Vollausprägung des C6-Syndroms ist der Bizepsreflex und Radiusperiostreflex abgeschwächt oder erloschen. Zudem besteht ein Kraftverlust bei der aktiven Unterarmbeugung.
C7-Syndrom
Der Bandscheibenvorfall C6/C7 steht in seiner Häufigkeit mit 35% fast gleichwertig an zweiter Stelle. Das Dermatom der C7-Wurzel erstreckt sich über Schulter und Oberarm auf den streckseitigen mittigen Unterarm bis in die Finger 2-4 (insbesondere Mittelfinger). Krankheitszeichen können eine Gefühlsstörung in diesem Bereich, sowie eine muskuläre Schwäche der Oberarmstreckmuskulatur (Trizeps) mit Ausfall des Trizepsreflexes sein. Weiteres Kennzeichen ist eine verkümmerte Daumenballenmuskulatur, die wiederum ursächlich von einem Karpaltunnelsyndrom abgegrenzt werden muss.
Soll der Wurzelschmerz in Bild gebenden Verfahren bewiesen werden, dann eignet sich hierfür am besten die Magnetresonanztomographie (MRT). Mit ihr können die Nervenwurzeln des Rückenmarkes und evtl. Bandscheibenvorfälle sichtbar gemacht werden.
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