Morbus Sudeck

Synonyme

  • Sudeck`sche Heilentgleisung
  • Algodystrophie
  • Kausalgie
  • Sudeck-Syndrom
  • Posttraumatische Dystrophie
  • Complex Regional Pain Syndrome (CRPS)
  • Komplexes regionales Schmerzsyndrom I und II (CRPS I und II)
  • Complex Regional Dysfunction System
  • Sympathische Reflexdystrophie
  • Sudeck´sche Krankheit

Häufiger Tippfehler: Morbus Sudek

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Definition

Schmerzhafte Dystrophie (Ernährungsstörung) und Atrophie (Schrumpfung) der Weichteile (Muskulatur, Haut) und Knochen an den Extremitäten mit typischem stadienhaften Verlauf.

Auftreten

Wann tritt ein Morbus Sudeck auf?

Zu 50% nach

  • Kontusionen (Quetschungen)
  • Verstauchungen
  • Frakturen (Knochenbrüche / Knochenbruch)
  • Luxationen (Gelenkverrenkungen)
  • Nach Operationen / Operation

zu 25% ohne

  • ersichtliche Ursache

zu 20% nach

zu 5% nach

  • Medikamente (z.B. Barbiturate (Schlafmittel))

Häufigkeit

Das bevorzugte Alter für das Auftreten eines Morbus Sudeck liegt zwischen dem 40.-60. Lebensjahr. Mit 15.000 Fällen pro Jahr ist der M. Sudeck keine sehr seltene Erkrankung. Je nach Quellenangabe wird die Häufigkeit für das Auftreten eines M. Sudeck nach Unfällen auf 0,05-5% angegeben. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Die Ursache dafür ist unbekannt. Kinder entwickeln nur extrem selten dieses Krankheitsbild.

Besonders häufig sind die Hand mit dem Unterarm sowie der Fuß mit dem Unterschenkel betroffen. Aber auch die Hüfte , die Schulter oder der Ellenbogen können betroffen sein.

Symptome

Der Morbus Sudeck kann viele unterschiedliche Beschwerden verursachen. Eine Verallgemeinerung wird dem Symptomenkomplex nicht gerecht. Die Häufigkeit einzelner Symptome (Krankheitszeichen) untersuchten Laan und Goris, 1997.

Entzündungssymptomatik:

  • Schmerz (brennender tiefer Schmerz) 92%
  • unterschiedliche Hauttemperatur  98%
  • Bewegungseinschränkung  90%
  • belastungsabhängige Beschwerden  98%

Atrophie (Gewebsabnahme):

  • Haut  38%
  • Nägel  15%
  • Muskeln  40%

Neurologische Symptome:

  • Hypästhesie (Mindergefühl der Haut)  69%
  • Hyperpathie (Schmerzhafte Berührungsempfindlichkeit) 75%
  • Koordinationsstörungen   53%
  • Tremor (Zittern)   54%
  • unwillkürliche Bewegungen   19%
  • Muskelspasmen (Muskelkrämpfe)  11%
  • Paresen (Lähmungen)   98%

Symphatische Symptome:

  • übermässiges Schwitzen   57%

Diagnostik

Aufgrund der vielen unterschiedlichen Symptome ist die Diagnose eines Morbus Sudeck schwierig. Einen Goldstandard gibt es nicht. Von entscheidender Bedeutung sind die Krankheitsgeschichte (Anamnese), die klinische Untersuchung und die Erfahrung des Arztes mit dem Krankheitsbild.

Röntgen:
Anzustreben sind Röntgenuntersuchungen im Seitenvergleich. Erste Veränderungen sind jedoch erst Wochen nach dem Krankheitsbeginn nachweisbar. Anzeichen für einen Morbus Sudeck sind eine fleckige, diffuse Knochenentkalkung.

MRT:
MRT-Untersuchungen mit i.v.-Gadoliniumgabe zeigen bereits in der Frühphase Signalanhebungen der Weichteile und Knochen. Problematisch bei dieser Untersuchung ist die niedrige Spezifität. Obwohl Sudeck typische Veränderungen früh erkannt werden können (hohe Sensitivität), können auch andere Krankheitsbilder derartige Veränderungen hervorrufen. Das MRT muss also immer im Kontext mit allen anderen Krankheitszeichen gesehen werden. Einen Morbus Sudeck beweist sie allein nicht.

Skelettszintigraphie:
Die 3-Phasen-Skelettszintigraphie mit 99 Tc-Diphosphonat zeigt bereits im Anfangsstadium mit hoher Sensitivität und Spezifität einen vermehrten periartrikulären Knochenumbau mit Hyperämie und Hyperperfusion als typisches Zeichen.

Thermographie:
Die Thermographie wird mit einer Infrarotkamera durchgeführt. Richtungsweisend ist ein Temperaturunterschied von 1,5 - 2°C im Vergleich zur gesunden Seite.

Sudometrie:
Die quantitative Sudometrie wird zur Bestimmung des Feuchtigkeitsunterschiede in einer Schweißkammer eingesetzt.

Differentialdiagnose / alternative Ursachen:
Eine Reihe anderer Erkrankungen können mehr oder weniger Symptome eines Morbus Sudeck vortäuschen. Folgende Erkrankungen gehören dazu:

  • Frakturen / Knochenbruch
  • Distorsionen / Kontusionen (Verrenkung / Prellung)
  • Kompartmentsyndrom
  • Überlastungssyndrom
  • Thoracic-outlet-Syndrom z.B. durch eine Halsrippe
  • Peripheres Nervenengpasssyndrom (Nerveneinengung unterschiedlicher Ursache)
  • Lymphstau (Ödem)
  • Myofasziales Schmerzsyndrom / Fibromyalgie (Weichteilrheumatismus)
  • Phlegmonen (Entzündung des Gewebes) und andere bakteriell entzündliche Erkrankungen
  • Insektenstich
  • Posttraumatischer Vasospasmus (Gefäßverengung)
  • Raynaud-Syndrom und andere arterielle Durchblutungs- störungen
  • Thrombose / Thrombophlebitis
  • Rheumatisch entzündliche Erkrankungen z.B. rheumatoide Arthritis

Stadien

Stadieneinteilung:

Der Morbus Sudeck wird in 3 Stadien eingeteilt.

Stadium I (Einteilungskriterien):
Akute Entzündung, sympathische Dysfunktion, meist nach 2-8 Wochen nach Unfallereignis

  • akuter Beginn (Stunden/Tage) nach einem Trauma
  • entzündliche Phase mit Hyperämie
  • ödematöse Schwellung
  • Spontan- und Belastungsschmerz
  • Überwärmte, oft glänzende Haut (rötlich/livide)

Symptome:

  • insbesondere nachts auftretender Ruheschmerz
  • Bewegungs- und Belastungsschmerz
  • eingeschränkte Gelenkbeweglichkeit
  • Übersteigerte Berührungsempfindlichkeit
  • Hyperhidrosis, Hypertrichosis, gesteigertes Nagelwachstum

 

Stadium II (Einteilungskriterien) Chronische Dystrophie:

  • Dystrophie
  • Schwellungsrückbildung
  • Bewegungsschmerz
  • die Haut imponiert als blasse „Glanzhaut“

Symptome:

  • beginnende Gelenkversteifung
  • Reduktion der Ruheschmerzen
  • palmare/plantare Fibrosierung
  • Weichteilschrumpfung
  • blaße, kühle, glänzende Haut

 

Stadium III (Einteilungskriterien): Irreversible Atrophie

  • Atrophie nach ca.3-12 Monaten
  • Funktionsstörung
  • Kontrakturen
  • atrophische, trockene Wachshaut

Symptome:

  • abnehmende Schmerzen
  • fortgeschrittene Gelenkversteifung
  • Muskelatrophie
  • Kraftminderung
  • sog. „Wetterfühligkeit“ der Beschwerden

Prognose

88% (Maier C. 1996) nach rascher Diagnosesicherung und multimodaler Therapie (zeitliche Anwendung verschiedener Therapieformen) beschwerdefrei. Monotherapien (Einzeltherapie) ergaben deutlich schlechtere Ergebnisse.

2% Rezidivquote (erneutes Auftreten nach Ausheilung) wobei in ca. 50% auch die Gegenseite betroffen sein kann !

Spontanremissionen (Verschwinden der Erkrankung ohne Therapie) bei voller Ausbildung der Symptome sind selten.

Ein geringer Prozentsatz ist resistent (Therapieunfähigkeit) gegen jede bekannte Therapieform.

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Autor: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 23.05.2011