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Schilddrüsenüberfunktion

Synonyme im weitesten Sinne

Hyperthyreose, Morbus Basedow, immunogene Hyperthyreose, Jodmangelstruma, Struma, heiße Knoten, autonome Knoten

Definition

Eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) liegt vor, wenn die Schilddrüse (Thyroidea) vermehrt Schilddrüsenhormone (T3 und T4) bildet, so dass eine überschießende Hormonwirkung an den Zielorganen erreicht wird. Zumeist liegt der Erkrankung eine Störung in der Schilddrüse selbst zu Grunde.

Die Schilddrüsenhormone bewirken eine Steigerung des Gesamtstoffwechsels und eine Förderung des Wachstums und der Entwicklung. Außerdem beeinflussen die Hormone die Muskulatur, den Calcium- und Phosphathaushalt, sie regen die Eiweißproduktion (=Proteinbiosynthese) und die Bildung des Zuckerspeicherstoffes Glykogen an.


Anatomie Hals / Kehlkopf

  1. Rachen
  2. Schildknorpel des Kehlkopfs
  3. Schilddrüse
  4. Luftröhre (Trachea)

Einleitung

Die Schilddrüsenhormone L-Tetrajodthyronin (=T4), auch Thyroxin genannt, und
L-Trijodthyronin (=T3) haben diverse Wirkungen und Wirkorte.

Die Freisetzung der Schilddrüsenhormone wird über einen geschlossenen Regelkreis gesteuert:

Das Hormon TRH (=Thyreotropin Releasing Hormone, Thyreotropin Freisetzungs-Hormon) wird aus dem zentralen Nervensystem freigesetzt und wirkt auf die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), die nun vermehrt TSH (=Thyreoidea Stimulating Hormone, schilddrüsenstimulierendes Hormon) produziert und ins Blut abgibt.
TSH wirkt an der Schilddrüse: Die Schilddrüsenzellen werden zur Hormonbildung angeregt, so dass T3 und T4 im Folgenden ausgeschüttet werden.
Außerhalb der Schilddrüse wird T4 in T3 umgewandelt, welches das aktivere der beiden Hormone ist. Die Freisetzung der Schilddrüsenhormone ins Blut bewirkt wiederum, im Rahmen einer Rückkopplungsreaktion im Regelkreis, dass weniger TRH und somit TSH ausgeschüttet werden. Die Konzentration der im Blut vorhandenen Schilddrüsenhormone T3 und T4 ist die Basis dieses Regelkreislaufs.

Häufigkeit

Frauen sind fünfmal häufiger von einer Schilddrüsenüberfunktion betroffen als Männer. 2% aller Frauen erkranken in ihrem Leben an einer klinisch sichtbaren Hyperthyreose.

Ursache / Entstehung

Es können drei Formen der Hyperthyreose unterschieden werden:

 

1) Morbus Basedow / immunogene Hyperthyreose

Beim Morbus Basedow existieren Autoantikörper gegen den Rezeptor für das Schilddrüsen-stimulierende Hormon TSH (Thyroides stimulating hormone),
d.h. es findet eine gegen körpereigene Strukturen gerichtete Reaktion des Immunsystems statt (=Autoimmunerkrankung).
Die TSH-Rezeptoren übermitteln den Stimulus des zentralen Nervensystems an die Schilddrüse, die Hormone T3 und T4 zu produzieren und in die Blutbahn freizusetzen.
Die Rezeptor-Antikörper bewirken eine Dauerstimulation der Schilddrüse, so dass die entsprechenden Hormone im Überschuss gebildet werden.

Der Morbus Basedow ist charakterisiert durch die Schilddrüsenüberfunktion mit einer Struma (=Schilddrüsenvergrößerung) und einer Herzfrequenzsteigerung, einer Orbitopathie, d.h. es liegt eine Augenbeteiligung vor, sowie einer Dermopathie (=Hauterkrankung).

Diese typische Dreierkombination von Symptomen (Schilddrüsenüberfunktion mit ihren Folgen, Augen- und Hautbeteiligung) beim Morbus Basedow nennt man Merseburg Trias.

2) Hyperthyreose bei Autonomie der Schilddrüse

Hierbei erfolgt die Schilddrüsenhormonproduktion abgekoppelt und unabhängig (autonom) von den Prozessen des Regelkreislaufs.
Die häufigste Ursache dieser autonomen Areale ist die Jodmangelstruma.

Eine Struma, die Vergrößerung der Schilddrüse, entsteht bei Jodmangel als Fehladaptation der Stoffwechsellage:
Jod ist wichtiger Baustein der Schilddrüsenhormone. Ist zu wenig Jod im Organismus vorhanden, können keine ausreichenden Mengen an Schilddrüsenhormonen produziert werden: Die Konzentrationen von T3 und T4 im Blut sinken, so dass vermehrte Stimuli zur Nachproduktion von Hormonen von übergeordneten Zentren, in Form von TRH und TSH, an die Schilddrüse abgegeben werden.
TRH und TSH regen die Bildung von Schilddrüsenhormonen sowie das Wachstum der Schilddrüsenzellen an. Trotz vergrößerter Zellen (=Zellhyperplasie der Schilddrüse) kann die Hormonproduktion nicht gesteigert werden, da Jod fehlt.
Die Schilddrüsenhormonkonzentration bleibt folglich auf geringem Niveau und weiterhin wirken Wachstumsreize auf die Schilddrüse ein.

Die Jodmangelstruma zeigt die gesteigerte Tendenz zur Entwicklung von autonomen Arealen, die nicht in den Regelkreis der Schilddrüsenhormone eingegliedert sind und unabhängig vom Rückkopplungs-Mechanismus Hormone produzieren.
In jeder, auch in der gesunden, Schilddrüse gibt es autonome Areale, in Jodmangelstrumen ist ihr Anteil am Schilddrüsengewebe jedoch erhöht.

Die Menge der autonom gebildeten Hormone ist abhängig von der Masse der unabhängigen Schilddrüsenareale und der Jodzufuhr.
Übersteigt die autonom produzierte Hormonmenge den körperlichen Bedarf, liegt eine Überfunktion der Schilddrüse vor. Dieser Zustand tritt ein, wenn Jod in hohen Dosen verabreicht wird, durch z.B. die Einnahme von jodhaltigen Medikamenten oder bei einer Injektion von jodhaltigem Röntgenkontrastmittel vor einer Röntgenuntersuchung. Die zusätzliche Jodgabe macht eine Mehrproduktion von Hormonen in den vergrößerten Schilddrüsenzellen möglich, so dass die Schilddrüsenüberfunktion manifest wird, d.h. Symptome verursacht.
Die Zufuhr von geringen Jodmengen, wie sie mit der Nahrung aufgenommen werden, löst hingegen keine Überfunktion der Schilddrüse aus.

 

3) Weniger häufig tritt eine Schilddrüsenüberfunktion bei primären Erkrankungen wie z.B. Schilddrüsenentzündungen, der Schilddrüsenhormongabe oder bösartigen Schilddrüsentumoren auf.


Abbildung Schilddrüsenüberfunktion

Szintigraphie einer Patientin mit Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreodismus). Die Aufnahme des radioaktiv markierten Jods ist über die gesamte Schilddüse / beide Schilddrüsenlappen stark vermehrt.
Hieraus läßt sich ableiten das die Schilddrüsenfunktion übersteigert ist (Schilddrüsen- überfunktion).
Diesen Verdacht kann man durch die Bestimmung der sogenannten Schilddüsenwerte im Blut bestätigen.

Symptome

Die Mehrzahl der Patienten (70-90%) weist eine Schilddrüsenstruma auf:
Die Schilddrüse ist vergrößert; diese Vergrößerung wird, wenn sie eine bestimmte Ausprägung erreicht hat, bei normaler Kopfhaltung und besonders bei der Reklination des Kopfes (=Kopf in den Nacken legen) sichtbar.

Beim Schlucken ist die Struma beweglich, was ein wichtiges Abgrenzungskriterium zu einem bösartigen Geschehen in der Schilddrüse ist.

Die Stadien einer Schilddrüsenvergrößerung teilt man nach folgender Ordnung ein:

 

Stadium Ia:
Die Struma ist tastbar vergrößert und auch bei rekliniertem Kopf nicht sichtbar.

Stadium Ib:
Die Struma ist nur bei in den Nacken gelegtem Kopf sichtbar.

Stadium II:
Die Struma ist bei normaler Kopfhaltung sichtbar.

Stadium III:
Es tritt zusätzlich zur Struma eine Stauung der Halsvenen auf; dies deutet auf die Verdrängung von der Schilddrüse benachbarten Strukturen hin.

 

Die Patienten sind oft nervös, leicht erregbar und verärgerbar, emotional labil und unruhig. Sie bemerken ein Zittern ihrer Finger und berichten von Schlafstörungen.  Die Herzfrequenz ist erhöht und es kann zu Extraschlägen des Herzens (=Extrasystolen) oder Herzrhythmusstörungen kommen, die die Patienten meist als „Herzstolpern“ angeben.

Der Blutdruck ist bei einer Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) oftmals erhöht (Arterielle Hypertonie).

Die Patienten leiden an Durchfällen (=Diarrhoe) und verlieren an Gewicht, obwohl sie einen gesteigerten Appetit haben und vermehrt Nahrung zu sich nehmen.
Die Hälfte der Patienten hat eine gestörte Glukosetoleranz, d.h. die Betroffenen haben erhöhte Blutzuckerwerte im nüchternen Zustand sowie nach den Mahlzeiten.
Die Haut der Patienten ist warm und feucht, sie schwitzen vermehrt und tolerieren Wärme nur schlecht.
Haarausfall kann ebenfalls ein Symptom der Schilddrüsenüberfunktion sein.

Ein weiteres Symptom ist die Schwäche der Oberschenkelmuskulatur, so dass sich viele Patienten schwach und antriebslos (=adynamisch) fühlen.

Liegt der Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) ein Morbus Basedow zu Grunde, bestehen folgende zusätzliche Beschwerden:

Die Schilddrüse ist entzündlich vergrößert, im Blut sind Autoantikörper gegen den TSH-Rezeptor und erhöhte Schilddrüsenhormon-Konzentrationen nachweisbar.
Die endokrine Orbitopathie besteht bei der Mehrzahl der Patienten:
Sie ist definiert als das Hervortreten eines oder beider Augäpfel aus der Augenhöhle. Dies ist bedingt durch einen Entzündungsprozesses, der Gewebe betrifft, welches das Auge umgibt (Augenmuskeln, Fettgewebe):
Zellvergrößerungen im Gewebe um den Augapfel herum und in den Augenmuskeln sowie die Einlagerung von Glykoproteinen (=Eiweiße mit einem Zuckerrest in der chemischen Struktur) und nachfolgende Wassereinlagerungen verursachen die Orbitopathie.

Die Patienten berichten über Doppelbilder, haben einen seltenen Lidschlag (=Stellwag-Zeichen) und trockene Augen, sie sind lichtscheu und haben das Gefühl, einen Fremdkörper im Auge zu haben.
Blicken die Patienten nach unten, senkt sich das Oberlid nicht mit (=Gräfe-Zeichen).

Die Sehkraft der Patienten (=Visus) sinkt ab.

Bei einem geringen Anteil der Patienten mit Morbus Basedow ist die Haut in Form des Myxödems an der Scheinbeinvorderkante (=Tibia) und dem Vorfuß betroffen: Glykoproteine werden auch hier eingelagert, die Wasser anziehen, so dass eine Verdickung des Unterhautgewebes vor dem Schienbein auftritt. Beim Druck auf die verdickte Haut bilden sich keine Dellen aus.
Auch die Finger- und Fußnägel können betroffen sein: Sie lösen sich vom Nagelbett ab (=Oncholyse).

Diagnose

In der Erhebung der Krankheitsgeschichte (=Anamnese) muss erfragt werden, ob jodhaltige Medikamente eingenommen oder jodhaltige Salben/Tinkturen auf die Haut aufgetragen wurden oder ob eine Untersuchung mit Röntgenkontrastmittel erfolgte, welches Jod enthielt. Durch diese zusätzliche Jodzufuhr könnte es zu einer Überfunktion der Schilddrüse gekommen sein.
Die Symptome einer Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) werden bei der klinischen Untersuchung festgestellt, z.B. eine erhöhte Herzfrequenz und hohe Blutdruckwerte, oder erfragt.

An die körperliche Untersuchung des Patienten schließt sich die Überprüfung der Stoffwechsellage an:
Es erfolgt eine Laborkontrolle, bei der die Höhe Schilddrüsenhormone T3 und T4 sowie die TSH-Konzentration im Blut bestimmt werden: Die Konzentrationen der Hormone T3 und T4 sind erhöht und der TSH-Spiegel ist auf Grund des negativen Feedbacks durch die Schilddrüsenhormone an die übergeordneten Zentren erniedrigt.

Bei einem Verdacht auf das Vorliegen eines Morbus Basedow können die TSH-Autoantikörper im Blut nachgewiesen werden.

Zu den bildgebenden Verfahren, die der Diagnose einer Schilddrüsenüberfunktion dienen, gehören der Ultraschall (=Sonografie) und die Szintigrafie.
Der Ultraschall ist eine unverzichtbare Methode, um Schilddrüsenerkrankungen festzustellen: Aussagen zu Auffälligkeiten in der Struktur des Gewebes und zum Echomuster der Schilddrüse sowie die Bestimmung des Volumens des Organs sind möglich.
Besteht eine Überfunktion, liegen viele echoarme Schilddrüsenareale vor, die im Ultraschallbild schwarz erscheinen. Die Durchblutung der Schilddrüse ist gesteigert, was durch eine Doppler-Untersuchung (=sonografisches Verfahren zur Messung der Fließgeschwindigkeit des Blutes in den Gefäßen) festgestellt werden kann.

Die Szintigrafie ist eine radiologische Untersuchung, mit deren Hilfe hormonproduzierende, aktive Zellen der Schilddrüse dargestellt werden können.
Die Szintigrafie dient vor allem der Diagnose autonomer Schilddrüsenareale.
Zu ihrer Darstellung wird stabiles Jod an radioaktives Technetium gekoppelt und dem Patienten über die Vene verabreicht. Die Aufnahme des Jods in die Schilddrüse ist daher an die Aufnahme des radioaktiven Markers gebunden, so dass das Ausmaß der Jodaufnahme über die Darstellung des Markers im szintigrafischen Bild quantifiziert werden kann. Liegt eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) vor, werden viel Jod und damit eine große Menge Technecium von der Schilddrüse aufgenommen.
Die Areale mit stärkerer Speicherung, die man heiße Knoten nennt, sprechen für das Vorliegen von autonomen Schilddrüsenarealen.


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