Kompartmentsyndrom (Logensyndrom)

Allgemeines

Bei einem Kompartmentsyndrom kommt es zu einem erhöhten Gewebedruck in einem geschlossenen Haut- oder Weichteilmantel, welcher zu Einschränkungen der darin liegenden Muskeln und Nerven führt.

An vielen Stellen in unserem Körper befinden sich unsere Muskeln zusammen mit Nerven in sogenannten Muskellogen, einem Kompartiment, in welchen sie durch eine Gewebshaut, -schicht oder Bändern von der Umgebung abgetrennt sind. Die meisten Muskelkompartimente haben wir an unseren Extremitäten, also den Armen und Beinen. Sie dienen vor allem dazu, den Muskeln einen reibungslosen Funktionsablauf zu ermöglichen.

In einem Kompartiment liegen immer Muskeln, die für eine Bewegung zusammen arbeiten oder sich unterstützen. Am Unterschenkel zum Beispiel gibt es vier Muskellogen (Kompartimente):

  1. Streckerloge (vorderes Kompartiment)
  2. oberflächliche Beugerloge (oberflächliches, hinteres Kompartiment)
  3. tiefe Beugerloge (tiefes hinteres Kompartiment)
  4. seitliche Unterschenkelmuskeln, die sogenannte Peronaeusloge (seitliches Kompartiment)

Formen des Kompartmentsyndroms

Das Kompartmentsyndrom kann in einer akuten oder chronischen Form auftreten. Am häufigsten betroffen bei beiden Formen ist der Unterschenkel.

1. Akutes Kompartmentsyndrom: Das akute Kompartmentsyndrom tritt infolge einer traumatischen Verletzung auf, wie zum Beispiel nach einem Autounfall oder einem Knochenbruch. Die Verletzung verursacht einen erhöhten Gewebsdruck in dem betroffenen Kompartiment und führt somit zu einer verminderten und nicht ausreichenden Blutversorgung der Muskeln und Nerven. Akute Kompartmentsyndrome sind medizinische Notfälle, welche schnellstmöglich chirurgisch korrigiert werden müssen. Unbehandelt führt das Kompartmentsyndrom zu dauerhaften Schäden der Muskeln und Nerven aufgrund der fehlenden Blutversorgung. In schweren Fällen kann die komplette Extremität ihre Funktion verlieren.

2. Chronisches Kompartmentsyndrom: Das chronische Kompartmentsyndrom (auch Belastungs-kompartmentsyndrom oder belastungsinduziertes Kompartmentsyndrom) ist ein durch Muskeltraining induziertes Krankheitsbild, wobei es aufgrund der starken Vergrößerung der Muskeln beim Training zu stark erhöhten Drücken innerhalb des Kompartiments kommt. Der durch die Muskeln erzeugte Druck reduziert den Blutfluss in das betroffene Areal, was zu einem Sauerstoffmangel der Muskeln führt.

Entstehung

Damit ein Kompartmentsyndrom entstehen kann, muss die betroffene Muskelloge unverletzt und funktionsfähig sein.

  • Entstehung akutes Kompartmentsyndrom:

Die Gewebshäute, die die Muskeln in den Kompartimenten umschließen, sind nicht dehnbar. Also führt eine erhöhte Menge an Flüssigkeit zu einer starken Druckerhöhung im gesamten Kompartiment und somit auf Muskeln und Nerven. Kommt es in Folge von einem Trauma, zum Beispiel einem Knochenbruch, einem Anpralltrauma (Stoßstange) oder Quetschverletzungen zur Druckerhöhung in dem Kompartiment, verursacht durch Einbluten, Verminderung des venösen Rückflusses oder der zuführenden Blutversorgung, kann ein Kompartmentsyndrom entstehen.

Auch zu fest angelegte Verbände oder der Verschluss eines Bindegewebsdefekts können ein Kompartiment einschnüren und ein Kompartmentsyndrom verursachen, wenn hierdurch eine Druckerhöhung im Gewebe erzeugt wird.

  • Entstehung chronisches Kompartmentsyndrom:

Dem chronischen Kompartmentsyndrom geht keine äußerliche Verletzung voraus, es ist ein belastungsinduziertes Syndrom. Der grundlegende Mechanismus ist hier der gleiche wie beim akuten Kompartmentsyndrom, nämlich die durch Druck erzeugte Komprimierung der versorgenden Blutgefäße der Muskeln und Nerven.

Im Falle des chronischen Kompartmentsyndroms spielt die Vergrößerung der Muskeln unter Belastung eine entscheidende Rolle. Unter starker Anstrengung kann sich die Größe der Muskeln um bis zu 20% erhöhen, was aufgrund der fehlenden Elastizität der umliegenden Gewebeschicht die zu- und abführenden Blutgefäße der Muskeln zudrückt. Hierdurch entsteht ein Sauerstoffmangel, welcher sich als erstes in stechenden Schmerzen äußert. Häufig tritt das belastungsinduzierte Kompartmentsyndrom bei Laufsportlern in den Unterschenkeln auf. Außerhalb der Trainingsphasen sind die Sportler meistens symptomfrei, erst in den Trainingsphasen äußert sich die Problematik. Schmerzen treten dabei in der Regel während des Trainings auf und nehmen während der Belastung zu. Nach dem Training können die Schmerzen einige Stunden bis hin zum nächsten Tag anhalten.

Das chronische Kompartmentsyndrom kann auch aufgrund von Gewebsschwellungen in der Umgebung entstehen, welche die Gefäße der Muskeln und Nerven komprimieren und somit zu einer Mangelversorgung und damit Schmerzen führen. In ca. 40% aller unklaren Fällen von chronischen Kompartmentsyndromen können Muskelhernien, welche durch Fasziendefekte entstanden sind, nachgewiesen werden.

Symptome

Das Kompartmentsyndrom äußert sich durch starke, teils brennende Schmerzen, Weichteilschwellungen, eine deutliche Muskelverhärtung in der betroffenen Loge und Schmerzen bei passiver Bewegung bedingt durch Mangeldurchblutung der Muskulatur. Auf diese ersten Symptome folgen dann bald sensible und motorische Ausfälle des betroffenen Areals. Außerdem lässt sich beobachten, dass die Haut über den Logen gespannt ist und spiegelt. Die Pulse an den Füßen bleiben allerdings meist erhalten und sind kein sicheres Zeichen gegen ein Kompartmentsyndrom, auch der Zehennagel-Druck-Test als Zeichen einer kompromittierten kapillären Durchblutung ist kein gültiger Indikator.

Diagnostik

Neben den auffallenden oben beschriebenen Symptomen ist ein entscheidendes Mittel zur Stellung der Diagnose die Druckmessung im Gewebe. Hierbei werden Messfühler in das auffällige Gewebe eingebracht und der Druck somit gemessen, dies kann einmalig oder kontinuierlich erfolgen. Der normale Druck in einem gesunden Kompartiment beträgt weniger als 5mmHg, bei einem manifesten Kompartmentsyndrom steigt dieser allerdings auf 30-40 mmHg. Entscheidend ist hier der Perfusionsdruck des Gewebes, welcher sich aus dem arteriellen Mitteldruck und dem Druck im gefährdeten Kompartiment ergibt. Fällt der Perfusionsdruck unter 30mmHg, ist mit einem Absterben des Muskels zu rechnen aufgrund zu geringer Blutversorgung.

Indikationen zur Therapie

Absolute Indikationen zur Therapie eines möglichen Kompartmentsyndroms sind :

  1. Klinische Symptome eines Kompartmentsyndroms (starker Schmerz, Weichsteilschwellung, gespannte Haut, Verhärtung etc.)
  2. Eine Druckmessung im gefährdeten Gewebe über 35 mmHg
  3. Eine Druckmessung im gefährdeten Gewebe über 30 mmHg über 6 Stunden
  4. Mangeldurchblutung im Unterschenkel von über 4 Stunden

Relative Indikationen:

  1. schwere Verbrennungen
  2. Kompressionstrauma des Unterschenkels

Therapie

Therapie akutes Kompartmentsyndrom: Das akute Kompartmentsyndrom ist ein chirurgischer Notfall und verlangt nach schnellstmöglicher Behandlung. Die Behandlung besteht in der sofortigen Druckentlastung der betroffenen Muskulatur, durch eine sogenannte Fasziotomie. Die Fasziotomie ist ein operatives Verfahren, bei dem die Bindegewebsschichten, die die Muskeln einschließen, gespalten werden und somit der Druck von den Muskeln genommen wird.

Durchführung einer Fasziotomie: Durch einen Hautschnitt (hierbei wird nur die Haut durchtrennt, darunter liegende Strukturen bleiben intakt) an der betroffenen Stelle wird ein Zugang zur Faszie (Bindegewebshaut) geschaffen, die die Muskeln umschließt. Liegt die Faszie frei und ist gut sichtbar, wird auch diese gespalten, wodurch es zu einer schnellen Druckentlastung der darin eingeschlossenen Muskeln und Nerven kommt. Die Muskeln und Nerven werden bei diesem Eingriff geschont und nicht verletzt. Die Wunde wird nicht direkt wieder verschlossen, sondern bleibt vorerst unter ausreichendem Gewebsschutz offen, um einen erneuten Druckaufbau zu vermeiden. Erst wenn die Schwellung im Gewebe zurückgegangen ist und mit keinen weiteren Schwellungen zu rechnen ist, wird die Wunde verschlossen. Bei größeren Gewebsdefekten ist Wundverschluss mit einer Spalthaut erforderlich. Hierbei wird Haut vom Patienten vom Oberschenkel oder anderen Arealen entnommen, die normalerweise von Bekleidung bedeckt sind, und auf die Wunde transplantiert.

Bei rascher Durchführung weist die Fasziotomie eine hohe Erfolgsquote auf bei niedriger Komplikationsrate. Eine Dekompression des betroffenen Areals innerhalb von vier Stunden führt in der Regel zu keinen bleibenden neuromuskulären Schäden. Vergehen mehr als 12 Stunden bis zur operativen Entlastung, kann es zu irreversiblen Schäden kommen!

Therapie chronisches Kompartmentsyndrom: Auch für das chronische Kompartmentsyndrom stellt die operative Therapie die einzige Möglichkeit zur Entlastung dar. Konservative Therapieansätze mit Trainings- und Schuhmodifikationen sowie nicht-steroidalen Antiphlogistika blieben erfolgslos, insofern das Niveau der Sportaktivität, wie es vor den Beschwerden war, wieder erreicht werden soll. Jedoch stellt die Therapie bei einem chronischen Kompartmentsyndrom keinen Notfall dar und somit kann ohne Zeitdruck eine genaue Diagnostik durchgeführt werden und ein operativer Eingriff genau geplant werden mit Rücksicht auf die Kosmetik.

Nachsorge

Die meisten Patienten mit akutem Kompartmentsyndrom sind durch ihre ursprünglichen Verletzungen (die zum Beispiel durch einen Unfall aufgetreten sind und zum Kompartmentsyndrom geführt haben, Knochenbrüche etc.) immobilisiert und ans Bett gebunden. Sonstige Maßnahmen nach einer Fasziotomie sind Hochlagern der operierten Gliedmaße, um ein Abschwellen des Gewebes zu fördern.

Erfolgte die Operation des Kompartmentsyndroms auf ambulanter Basis, wie es im Falle eines chronischen Kompartmentsyndroms möglich ist, hilft ein elastischer Verband, die Wunde schnell zu schließen und Blutergüsse zu verringern. Belastung ist nach einem ambulanten Eingriff erlaubt, wobei Gehstöcke trotzdem von Nutzen sein könnten. Auch leichte Dehnungs- und Bewegungsübungen dürfen unmittelbar nach der Operation durchgeführt werden. Die Heilung ist normalerweise nach ungefähr zwei Wochen abgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt können zwar noch leichte Symptome auftreten, aber diese sollten mit der Zeit immer weiter zurück gehen. Der Aufbau der sportlichen Aktivität, wie sie vor dem Kompartmentsyndrom ausgeübt wurde, kann langsam begonnen werden.

Qualitätssicherung durch: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 08.01.2018
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