Aktive physiotherapeutische Behandlung der Fibromyalgie

Hinweis

Bei diesem Thema handelt es sich um die Fortsetzung unseres Themas Fibromyalgie.

Aktive Behandlung

Maßnahmen der aktiven physiotherapeutischen /  krankengymnastischen Behandlung

  • Entspannungstechniken
  • Aktives Übungs-/Trainingsprogramm
  • Ev. Moderates Krafttraining an Geräten
  • Ausdauersport
  • Gruppenangebote

Entspannungstechniken

Am Anfang der aktiven Therapie steht das Erlernen von Verfahren, die die bewusste Entspannung der Muskulatur herbeiführen ( es besteht ja bei der Fibromyalgie eine generalisierte erhöhte Spannung der Muskulatur=  Muskelhypertonie) und die psychische Anspannung herabsetzen.

Es stehen sehr viele verschiedene  Verfahren zur Verfügung, die jeder Betroffene für sich ausprobieren sollte, um das für Ihn Geeigneteste herauszufinden.

  • Autogenes Training
  • Progressive Relaxation nach Jacobson
  • Yoga
  • Biofeedback
  • Atemtherapie
  • Meditation
  • Tai Chi
  • Chi gong

Einige dieser Verfahren werden von entsprechend ausgebildeten Physiotherapeuten angeboten, ansonsten gibt es reichhaltige Angebote an Volkshochschulen, Familienbildungsstätten oder ähnlichen Instituten zu moderaten Preisen.

Es empfiehlt sich, einmal täglich Zeit für Entspannungsübungen einzuplanen und sich zusätzlich  kleine Erholungspausen zwischendurch zu gönnen.

Mehr zum Thema Progressive Muskelrelaxation mit praktischen Anwendungen  erfahren Sie unter unserem Thema Progressive Relaxation nach Jacobson.


Aktives Übungsprogramm

Wie bereits erwähnt ist die Förderung der Muskel- und Herz-Kreislaufaktivität die wichtigste Säule der krankengymnastischen Therapie beim Fibromyalgie - Syndrom.
Der altbekannte Spruch „wer rastet, der rostet“ trifft in diesem Fall in besonderem Maße zu, da Schmerz, Müdigkeit und Erschöpfung ganz besonders zu Inaktivität verleiten und sich das Ausmaß der Immobilität immer weiter vergrößert.
Die Folgen der Immobilität sind dann zusätzliche Bewegungseinschränkung, verstärkte Verkrampfungen der Muskulatur, Schmerzzunahme, weitere Reduktion der körperlichen Fitness, und eventuell weitere Verschlechterung der Stimmungslage  bei bestehender Depression. Bei körperlicher Aktivität (auch, wenn sie nur in geringem Umfang möglich ist z.B. Spaziergang) werden bestimmte Glücksstoffe  im Gehirn freigesetzt, die sich positiv auf die Stimmung auswirken, und so der Alltag etwas erleichtert wird. In Kombination mit den passiven Behandlungen besteht durch die Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit die Möglichkeit der Schmerzmittelreduktion und die Verbesserung der Lebensqualität.

Die Dosierung der aktiven Bewegung ist von entscheidender Wichtigkeit. ( s.o.) Jeder übertriebene Versuch, eine Leistungssteigerung forciert zu erreichen, wird in der Regel zu mehr Schmerz und Enttäuschung führen.
Aus diesem Grund sollte mit dem aktiven Training, besonders Ausdauertraining langsam begonnen und dann kontinuierlich mit Unterstützung Ihres Physiotherapeuten gesteigert werden.

Trainingsprogramm

Dehnübungen

Dehnübungen für den ganzen Körper sollte möglichst täglich durchgeführt werden. Durch schonendes Alltagsverhalten z.B. bei Bewegungsvermeidung durch Schmerzen oder überwiegend sitzender Tätigkeit neigen die Beugemuskeln des Körpers zu Verkürzung. Das führt zu einem muskulären Ungleichgewicht ( muskuläre Dysbalance) der Muskelgegenspieler und verstärkt die muskulären Verspannungen und die Muskelschwäche.
Mehr zu diesem Thema erfahren Sie auch unter unserem Thema: Dehnübungen.

Kräftigungsübungen

Ein kräftigendes Übungsprogramm sollte ebenfalls zur täglichen Gewohnheit werden. Geeignet sind Kraftübungen mit und ohne Kleingerät insbesondere für die aufrichtende Muskulatur, die mit dem Physiotherapeuten zusammen erarbeitet werden Es empfiehlt sich, die Übungen schriftlich mit genauer Übungsbeschreibung und mit Bildern für das häusliche Üben zu dokumentieren, da sich erfahrungsgemäß auf die Dauer Fehler in der Übungsausführung einschleichen, oder die Übungen einfach in Vergessenheit geraten.

Als Geräte für zu Hause eignen sich vor allem das Theraband, kleine Hanteln oder Gewichtsmanschetten. Die Dosierung der Übungen in Hinblick auf Gewicht und Wiederholungszahl sollte nach individuellem Befund und Tagesform zusammen mit dem Therapeuten festgelegt werden.

Grundsätzlich gilt: kleine Gewichte, große Wiederholungszahl, langsame Steigerung (wenn möglich)

Moderates Krafttraining an Trainingsgeräten

Obwohl bei dieser Form der körperlichen Belastung besondere Vorsicht geboten ist, ist es die wirksamste Methode zur körperlichen Leistungssteigerung des Fibromyalgie Patienten und  sollte je nach Reaktion auf das Training 2-3 mal / Woche durchgeführt werden. Deshalb empfiehlt sich insbesondere zu Beginn des Krafttraining und Ausdauertrainings nicht der mutige Gang zum nächsten Fitness - Studio, sondern ein vom Physiotherapeuten begleitetes moderates Training (erst möglichst  Einzel-dann Gruppentraining) an medizinischen Trainingsgeräten.

Der Therapeut wird nach individuellem Leistungsbefund des Patienten ein auf den Einzelnen abgestimmtes Trainingsprogramm festlegen und im Laufe der Zeit Steigerungsmöglichkeiten anbieten. Bei dieser Art der Belastung spielt die Tagesform des Betroffenen eine besondere Rolle und sollte unbedingt Beachtung finden, um Rückschläge und eventuell vermehrten Schmerz zu vermeiden. Falls es trotz aller Vorsicht dazu kommen sollte, halten die vermehrten Schmerzen aber nur maximal 1-2 Tage nach erfolgter Belastung an und verschwinden dann von allein. Eventuell kann auch mit einer vorrübergehenden Erhöhung der Schmerzmedikation reagiert werden.

Nach entsprechender Erholung sollte dann aber wieder mit dem Training (ev.reduzierte Belastung)  begonnen werden.

In einer vergleichenden Studie über 12 Wochen zur Wirksamkeit sportlicher Belastung mit 14 Patienten zwischen konventioneller Gymnastik und Krafttraining an Geräten fiel das Ergebnis deutlich zu Gunsten des Krafttrainings aus. Nach Messen der kräftemäßigen Leistungsfähigkeit wurden die Gewichte bis auf 50-70-% der im Test erreichten Leistung gesteigert.

Es wurde ein Rückgang der Depressivität und der Ängstlichkeit, der Steifigkeit und der Schmerzhaftigkeit erreicht, allgemeines Wohlbefinden, und Arbeitsfähigkeit besserte sich deutlich. Das bedeutet, dass es auf jeden Fall sinnvoll ist, Fibromyalgie Patienten einen Versuch mit Krafttraining durchführen zu lassen und dieses in vielen Fällen einen positiven Einfluss auf die Symptome und die Lebensqualität hat.

Außerdem bestätigt dieses Studienergebnis die Ursachenforschung der Fibromyalgie in Hinblick darauf, dass die Probleme der Fibromyalgiepatienten nicht in der Skelettmuskulatur zu suchen sind, sondern sich im Bereich der sensiblen Schmerzwahrnehmung abspielen.

Grundsätzlich gilt: kleine Gewichte, große Wiederholungszahl, langsame Steigerung (wenn möglich)

Das Trainieren an standardisierten Trainingsgeräten hat nebenher noch den großen Vorteil, dass die Erfolge der Belastungssteigerung wirklich messbar sind und von daher dem Patienten Mut machen in seinen Aktivitäten fortzufahren.

Moderates Ausdauertraining an Geräten

Zur Steigerung der körperlichen Fitness und zur Reduktion von Müdigkeit und Erschöpfung kann sehr sinnvoll an den Ergometergeräten trainiert werden. Insbesondere empfiehlt sich das Fahrradergometer und der Cross Walker, wobei der Cross Walker noch intensivere Ganzkörperaktivierung anbietet.

Auch bei den Ergometergeräten ist eine Belastungssteigerung exakt messbar.

Ausdauersport

Grundsätzlich gilt: Jede Bewegung ist sinnvoll!
Das kann ein 20minütiger Spaziergang, Nordic Walking oder ein leichtes Lauftraining oder Fahrradfahren sein.
Auch ein moderates Schwimmtraining im warmen Wasser kann sich positiv auf das Steifigkeitsgefühl der Muskulatur und die Beweglichkeit auswirken.

Körperliche Aktivität

Bei jeder Form von körperlichen Aktivitäten bei der Fibromyalgie:
Nie zuviel auf einmal, Beginn mit  kleineren, aber regelmäßigen Bewegungseinheiten! Steigern!

Gruppenangebote

Zur Unterstützung der eigenen Aktivitäten empfiehlt sich für Fibromyalgie Betroffene auf jeden Fall die Teilnahme an entsprechenden Gruppenangeboten. Der Erfahrungsaustausch mit Anderen in Selbsthilfegruppen und die gemeinsame Bewegung in Fibromyalgie Gymnastik-und Sportgruppen vergrößert das Wissen um die Hintergründe und aktuellen Therapiemöglichkeiten der Erkrankung und lässt die verständliche Zurückhaltung  in Hinblick auf körperliche Belastung besser überwinden.

Zusammanfassung

Mit einem multimodalen Therapiekonzept (Ansatz aus verschiedenen Therapierichtungen) aus medizinischer, psychotherapeutischer und physiotherapeutischer Behandlung = AKTIV GEGEN DEN SCHMERZ kann die komplexe Symptomatik auf jeden Fall gelindert werden und die Lebensqualität kann entscheidend verbessert werden.





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Autor: Carla Hötten-Schumacher      |     Letzte Änderung: 11.07.2011