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Tetraspastik

Definition

Als Tetraspastik wird eine Art Lähmung aller vier Extremitäten – also der Arme und Beine – bezeichnet. Diese ist durch eine starke Anspannung der Muskulatur ausgeprägt, was oft dafür sorgt, dass sich der Körper in unnatürlichen Haltungen verkrampft. Sie geht oft aus einer schlaffen Lähmung hervor und kann auch die Rumpf- und Hals- oder Kopfmuskulatur betreffen.

Begleitende Symptome

Es gibt typische Begleitsymptomatiken, welche mit einer Tetraspastik einhergehen. Darunter fallen Gefühlsstörungen wie ein herabgesetztes Temperatur- und Schmerzempfinden und Taubheitsgefühl der betroffenen Körperregionen.

Außerdem sind die Reflexe beeinträchtigt. Sie fallen in der Regel deutlich stärker aus, haben verbreiterte Reflexzonen, sodass z.B. der Patellarsehnenreflex bereits beim Beklopfen des Schienbeins ausgelöst werden kann und es gibt in diesem Zusamenhang häufig krankhafte Reflexe, wie zum Beispiel der sogenannte Babinski-Reflex, der nur bei Säuglingen auslösbar sein sollte.

Ebenfalls können unerschöpfliche Zuckungen bestimmter Körperteile auftreten (Klonus). Ist die Hals- und Zungenmuskulatur betroffen, kommt es auch des Öfteren zu Sprachstörungen. Für den Fall, dass die Schädigung so hoch liegt, das Rückenmarkssegment C4 betroffen sein sollte, kann es zu einer schwerwiegenden Lähmung des Zwerchfells führen, was einen Atemstillstand zur Folge hätte.

Lesen Sie mehr zu diesem Thema unter: Ursachen für Klonien

Therapie

Die Behandlung der Tetraspastik besteht für gewöhnlich aus der Behandlung der zugrundeliegenden Erkrankung. Da die meisten dieser Krankheiten jedoch (noch) nicht heilbar sind, ist auch die Tetraspastik für gewöhnlich nicht zu heilen. Wichtig für die betroffenen Patienten ist eine intensive Physiotherapie, um Folgeschäden aus den Haltungsstörungen zu vermeiden oder verringern.

Bei starken Spasmen kann man auch auf medikamentöse Behandlungen zurückgreifen. Hierbei kommen Muskelrelaxanzien infrage, welche die Spannung aus der Muskulatur nehmen. Auch das Nervengift Botox wird hierzu oft eingesetzt, da es über einige Zeit beträchtliche Erfolge erzielen kann.

Betroffenen sollte jedoch bewusst sein, dass diese Therapieformen allein der Linderung der Symptomatik und Besserung der Lebensqualität dienen, sie bekämpfen nicht die Ursache und sind daher kein Heilmittel. 

Lesen Sie mehr hierzu: Welche Möglichkeiten gibt es eine Spastik zu lösen?

Physiotherapie

Die Physiotherapie ist bei der Tetraspastik ein zentraler Baustein der Therapie. Sie beugt nicht nur Folgeschäden, wie Fehlhaltungen, Muskelverkürzungen oder Athrose vor, sondern kann auch die Kommunikation von Nerv zu Muskel positiv beeinflussen. Eine gute und individuell auf die Problematik abgestimmte Physiotherapie kann die Beweglichkeit zumindest teilweise wiederherstellen und hilft oft, die Schmerzen zu lindern. Die Behandlung besteht in der Regel aus Therapieschemata nach Vojta oder Bobath kombiniert mit Verfahren, wie Wärmetherapie oder Ähnlichem sowie einer gezielten Durchbewegung und Dehnung der Muskulatur. Therapiepläne müssen stets auf die vorliegende Problematik zugeschnitten sein, um ein Maximum an Erfolg zu erreichen.

Ergotherapie

Die Ergotherapie kann bei Patienten mit Tetraparese ein angebrachtes Therapiemittel sein. Hierbei steht der Fokus besonders darauf, den Patienten schnellstmöglich wieder in ein „normales“ Leben eingliedern zu können. Mittels verschiedener Konzepte wird hier nicht nur die Muskulatur und Haltung, sondern auch die Wahrnehmung, Psyche und Kommunikationsfähigkeit gestärkt. Dies erleichtert Patienten den Umgang mit Ihrer Erkrankung und verringert gleichzeitig Symptomatik und Nebenerscheinungen.

Botox

Botulinumtoxin, im Volksmund besser als „Botox“ bekannt ist ein Nervengift, welches ursprünglich aus Bakterien (Clostridium botulinum) stammt. Dieser hochwirksame Stoff wirkt sich auf die Übertragung von Signalen vom Nerven auf die Muskulatur aus und entfaltet so seine giftige Wirkung. Es wird unter anderem in der Spasmustherapie sehr niedrig dosiert eingesetzt und kann dadurch als Medikament genutzt werden. Die Spannung der Muskeln sinkt und der Spasmus lässt nach. Botox wird in die betroffenen Muskeln gespritzt und entfaltet nach einigen Tagen seine Wirkung. Diese kann mit einer beeindruckenden Besserung der Symptomatik über bis zu 6 Monate einhergehen. Zu beachten ist jedoch, dass der Körper mit der Zeit resistent gegenüber Botox wird, sodass es nicht unbegrenzt nutzbar ist.

Lesen Sie mehr zu diesem Thema unter: Botox

Pflege für Betroffene?

Unter Tetraspastik leidende Patienten können unterschiedlich stark betroffen sein. Solche, die mit einer starken Beeinträchtigung zu kämpfen haben, müssen oft pflegerisch unterstützt, wenn nicht sogar komplett versorgt werden. Die Pflege kann beim Bewältigen alltäglicher Tätigkeiten helfen, wenn die Selbstständigkeit noch teilweise vorhanden ist und sorgt bei stark bewegungseingeschränkten Patienten dafür, diese nach besten Möglichkeiten zu versorgen. Der pflegerische Umgang mit von einer Spastik betroffenen Personen erfordert eine gute Ausbildung und muss stets an die individuellen Probleme und Herausforderungen angepasst sein.

Prognose

Die Tetraspastik ist ein chronischer Zustand und daher nicht heilbar. Da die Ursache auf einer Schädigung des zentralen Nervensystems beruht, ist hier keine Beseitigung der Störung möglich. Der Verlauf einer Tetraspastik kann jedoch individuell sehr unterschiedlich ausfallen. Je nach Patient schreitet die Erkrankung unterschiedlich schnell voran. Über die Zeit ist jedoch mit einer Verschlechterung der Symptomatik zu rechnen, wenn sie nicht schon ihr Maximum erreicht hat. Viele Patienten werden im Verlauf der Grunderkrankung an einen Rollstuhl gebunden. Mit Medikamenten und Physiotherapie kann diese Verschlechterung oft herausgezögert und die Lebensqualität relativ lange aufrechterhalten werden.

Wie ist die Lebenserwartung bei einer Tetraspastik?

Die Lebenserwartung bei einer Tetraspastik lässt sich nicht einfach bestimmen. Sie hängt stark von der zugrundeliegenden Erkrankung ab. Liegt der Parese eine traumatische Ursache zugrunde (also ein Unfall o.Ä.), so ist die Lebenserwartung in der Regel kaum bis gar nicht beeinflusst; der Patient hat lediglich mit seiner Einschränkung zu kämpfen.

Bei anderen Grunderkrankungen kann dies anders aussehen. Tumore, welche eine Tetraparese hervorrufen, haben oft keine gute Prognose, dies muss jedoch individuell bestimmt werden. Bei der Multiplen Sklerose ist laut einer kanadischen Studie mit einer Reduktion der Lebenserwartung um circa sieben Jahre zu rechnen; Betroffene erreichen im Durschnitt das 77. Lebensjahr.

Allgemein lässt sich sagen, dass die Tetraspastik für gewöhnlich nicht zum Tode führt, sondern das Fortschreiten der Grunderkrankung dafür verantwortlich ist und daher eine Aussage über die Lebenserwartung immer nur im Zusammenhang der Krankengeschichte zu treffen ist. Eine Ausnahme bildet dabei eine solche Spastik, welche ihre Ursache oberhalb des vierten Halswirbelkörpers hat: Da hier die Nerven (C3-5) entspringen, die das Zwerchfell versorgen, kommt es dabei oft zu einem lebensbedrohlichen Atemstillstand. Dieser stellt einen absoluten Notfall dar und führt unbehandelt zum Tod.

Ursachen

Die Ursache einer Tetraspastik ist stets eine Schädigung des zentralen Nervensystems. Dies kann verschiedene Ursachen haben und sich unterschiedlich ausprägen: So kann es zum Beispiel im Zuge eines traumatischen Ereignisses (bspw. Sturz aus großer Höhe) zu einer Schädigung des Rückenmarks kommen, was zunächst eine schlaffe Lähmung, den sogenannten spinalen Schock zur Folge hat, welche sich innerhalb von 6-8 Wochen in eine Tetraspastik fortsetzen kann.

Eine andere Möglichkeit sind chronische Verläufe, welche von langsam voranschreitenden Krankheiten ausgelöst werden. Diese sind zum Beispiel Tumore, welche sich auf das Nervensystem ausbreiten, die Multiple Sklerose (MS) oder eine Entzündung der Nervenscheiden, eine sogenannte Myelitis. Jene Krankheitsbilder zeichnen sich für gewöhnlich durch einen schleichenden Verlauf und einer stetigen Verschlechterung der Spastik aus. Eine eher seltene Ursache stellt die infantile Cerebralparese dar.

Multiple Sklerose (MS)

Die multiple Sklerose ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems. Hierbei kommt es einer entzündlichen Schädigung der sogenannten Myelinscheiden der Nerven und dadurch auch der Nerven selber. Die Myelinscheiden sind für die Isolierung der Nerven und die schnelle Weiterleitung von Impulsen wichtig.

Die MS verläuft oft schubweise, wodurch recht plötzlich neue neurologische Symptome auftreten können, welche teilweise nach einiger Zeit wieder verschwinden, sie kann aber auch einen chronischen Verlauf nehmen, wobei die Symptome stets mehr bzw. stärker werden. Die Tetraspastik kann zu dem Krankheitsbild der multiplen Sklerose zählen. Ist dies der Fall, so hängt die Ausprägung von der Verlaufsform ab, die entweder schubweise oder chronisch sein kann. Typischerweise kommt es zusätzlich zu Störungen der Augen, Gefühlsstörungen, Hirnnervenschädigungen und anderer Syptomatik. Generell ist das Krankheitsbild individuell stark unterschiedlich ausgeprägt.

Diagnose

Die Tetraspastik stellt für gewöhnlich kein eigenes Krankheitsbild, sondern nur das Symptom einer anderen Erkrankung dar, weshalb keine wirkliche Diagnostik der Tetraspastik gestellt wird. Generell ist sie gekennzeichnet durch eine starke Anspannung der Muskulatur, welche den Körper in unnatürliche Haltungen zwingt. Sie geht von beiden Armen und Beinen aus und kann auch Rumpf und Hals betreffen. Dies fällt oft schon auf den ersten Blick auf, spätestens in einer körperlichen oder neurologischen Untersuchung.

Weitere Informationen

Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter: 

Eine Übersicht aller Themen der Neurologie finden Sie unter: Neurologie A-Z.

Qualitätssicherung durch: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 06.06.2019
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