Nervenschaden

Synonyme

Nervenschädigung, Nervenläsion, Nervenverletzung

Englisch: nerve damage, nerve injury

Definition

Bei einem Nervenschaden handelt es sich um eine Verletzung von Nervengewebe, die objektiv feststellbare Ausfälle des Nervens zeigt. Das Problem bei Nervenläsionen ist, dass dieses Gewebe nur eine eingeschränkte Regenerationsfähigkeit besitzt, weshalb eine dauerhafte Schädigung zurückbleiben kann.

Nervenschäden werden nach dem Ort der Verletzung eingeteilt, so unterscheidet man einen

  • zentralen Nervenschaden im Bereich des Zentralen Nervensystems und
  • peripheren Nervenschaden, welche sich außerhalb des Schädels und des Wirbelkanals befinden.

Zusätzlich kann ein Nervenschaden nach der Art der Schädigung unterschieden werden:

  • Neurapraxie: Hier bleiben das Axon und seine Hüllstrukturen erhalten.
  • Axonotmesis: Das Axon ist unterbrochen, seine Hüllstrukturen bleiben vollständig erhalten.
  • Neurotmesis: Sowohl das Axon ist unterbrochen als auch die Hüllstrukturen sind ganz oder teilweise verletzt. Ein Axon ist ein schlauchartiger Nervenzellfortsatz, der in einer Hülle von Gliazellen liegt. Die Kombination Axon und Hüllstruktur wird als Nervenfaser bezeichnet.

Ursache von einem Nervenschaden

Es gibt diverse Ursachen, die eine so empfindliche Struktur wie das Nervengewebe verletzen und so zu dauerhaften Schäden führen können. Dazu zählen:

  • mechanische Schäden bzw. Traumata
  • Vibrationsschäden
  • Ischämie (Durchblutungsstörung)
  • toxische Einwirkungen
  • Schäden durch das Immunsystem (Autoimmunerkrankung)
  • durch Erreger verursachte Läsionen (Infektion)
  • Strahlentherapie
  • genetisch bedingte Verletzungen des Nervens (DNA-Schäden)
  • Elektrotraumata und
  • Nervenverletzungen unklarer Ursache
  • Durchstechen der Zunge (Zungenpiercing)

Eine weitere Klassifikation ist die vom

  • akuten und
  • chronischen Nervenschaden

Bei den akuten Nervenschädigungen handelt es sich oft um direkte Traumata, also um direkte Einwirkungen auf den Nerven. Dieser kann mechanisch z.B. durch ein Skalpell während einer Operation verletzt werden oder durch eine Injektion oder einen Messerstich. Hierbei handelt es sich um „scharfe“ Verletzungen.
Man spricht von „stumpfen“ Verletzungen, wenn es sich um eine Nervenkompression handelt. Dabei drückt beispielsweise ein Bluterguss oder Abszess auf den Nerv.

Bei chronischen Nervenkompressionen kommt es zu einer mechanischen Einwirkung von außen, wie z.B. beim Karpaltunnelsyndrom. Sie verhindern eine gute Durchblutung des Nervengewebes und schädigen die Myelinscheide (Umhüllung des Nervens).

Bei der Hälfte aller Personen, die jahrelang mit vibrierenden Gegenständen wie einem Presslufthammer arbeiten müssen, treten sogenannte Vibrationsschäden auf. Dazu zählen auch kribbelnde Empfindungen an den Armen und schnellere Ermüdbarkeit der Hände.
In den Nerven kann es dabei zu einer multifokalen Demyelinisierung kommen. Das heißt die Myelinscheide, die den Nerven umgibt, nimmt ab und gleichzeitig verlangsamt sich die Nervenleitgeschwindigkeit. Multifokal bedeutet, dass dies an mehreren Stellen der Nerven vorkommt.

Durch eine Injektion in ein arterielles Gefäß kann es zu einem Vasospasmus, (Zusammenziehen der Gefäße), kommen. Dieser Verschluss verhindert die Durchblutung des Nervens, wodurch eine akute sogenannte ischämische Schädigung auftritt.

Durch einen chronisch ischämischen Nervenschaden kann es zum Krankheitsbild der Vaskulitis vorkommen. Hier schädigen Entzündungen die Nerven versorgenden Gefäße. Metabolische Störungen wie der Diabetes mellitus können ebenfalls zu einer chronischen ischämischen Nervenläsion führen.

Toxische Einwirkungen können akut durch eine Injektion giftiger Lösungen in oder neben den Nerv entstehen. Chronisch kann die Noxe Alkohol bei lang anhaltendem Alkoholmissbrauch zu einer Polyneuropathie führen.

Immunologisch kann ein Nervenschaden beispielsweise durch Antikörperbildung entstehen, die den Nerv oder seine Hüllstrukturen schädigen. Oft treten heftige Schmerzen an einer Gliedmaße auf.

Erreger können entweder direkt oder indirekt durch ihre Toxine zu einem Nervenschaden führen. Vor allem die Nervenwurzel ist anfällig für Erregereinwirkungen, weil sie nicht überall im Körper mit einer Schutzschicht verstehen ist.
Herpesviren beispielsweise können im Spinalganglion verbleiben und eine Nervenentzündung hervorrufen. Auch Myctobacterium leprae, HI-Virus und Borrelien können den Nerv schädigen.

Strahlen können eine akute oder chronische Verletzung der Nerven hervorrufen. Meist treten die Symptome mit etwas Verzögerung auf. Genetische, also erblich bedingte, Nervenläsionen können beispielsweise bei der Multiplen Sklerose oder bei der Amyotrophen Lateralsklerose vorkommen. Das genetische Krankheitsbild ist häufig neurodegenerativ (d.h. das Nervengewebe geht allmählich ein) und wird erst mit dem Alter schlimmer.

Thermische Nervenschädigungen betreffen vor allem markfreie (hüllfreie) Nervenfasern und die kleinen nervenversorgenden Blutgefäße.
Neben den oben genannten Ursachen eines Nervenschadens gibt es immer noch weitere ungeklärte Gründe, die das Nervengewebe schädigen und einen objektiv fassbaren Ausfall hervorrufen.

Symptome

Typische Zeichen einer Nervenverletzung sind zum einen die gestörte Sensibilität im Versorgungsgebiet des Nervens und zum anderen der Ausfall der motorischen Leistung im Muskel, der nur von diesem einen verletzten Nerven versorgt wird. Des Weiteren treten eine gestörte Schmerzempfindung sowie eine gehemmte Zwei-Punkte Diskrimination auf. Zwei-Punkte-Diskrimination bedeutet, dass zwei nebeneinander gesetzte Reize nicht mehr als zwei unterschiedliche sondern als einer wahrgenommen werden.

Gegenstände können auch nicht mehr als spitz oder stumpf unterschieden werden. Ein weiteres Zeichen ist der Defekt der Tiefensensibilität und des Lagesinns. Ebenfalls kann das vegetative Nervengewebe verletzt worden sein und es kann zu veränderten Hauttemperaturen und zur gestörten Schweißbildung kommen. Schmerzen, die sich in einem Versorgungsgebiet eines Nervens befinden und durch diesen ausgelöst werden, werden auch neuralgiforme Schmerzen.

Diagnostik

Durch eine genaue klinische Untersuchung kann der Arzt herausfinden, ob es sich um eine Nervenläsion handelt und wo sich diese befindet. Es werden die

  • sensiblen
  • motorischen und
  • vegetativen Funktionen

des Nervens im Bereich seiner Versorgung überprüft. Es kann auch das Hoffmann-Tinel-Zeichen geprüft werden. Hierbei klopft man auf den Nerv und wartet ob Parästhesien wie Kribbeln im Innervationsbereich des Nervens auftreten. Des Weiteren können klinische Tests wie eine Neurographie und eine Elektromyographie durchgeführt werden.

Therapie

Es gibt die Möglichkeit Nervenschäden konservativ oder operativ zu versorgen. Es hängt jedoch von der Art der Schädigung ab. So können bei Diabetes mellitus oder anderen metabolischen Erkrankungen und vaskulären Krankheitsbildern konservative Maßnahmen zur Heilung führen. Bei druckeinwirkenden Schäden am Nerv sollte eine chirurgische Entlastung erfolgen.

Bei der chronischen Nervenkompression wie z.B. beim Karpaltunnelsyndrom sollte mittels einer Schienung der Bereich ruhig gestellt werden. Zusätzlich werden entzündungshemmende Medikamente verschrieben und eine Physiotherapie empfohlen. Tritt eine weitere Verschlechterung auf, muss das Karpaltunnelsyndrom operativ versorgt werden. Es folgt eine weitere Ruhigstellung für etwa drei Wochen und eine zusätzliche Physiotherapie.

Bei toxisch bedingten Nervenschäden sollte die Noxe vermieden werden, d.h. kein Alkohol bei alkoholisch induzierter Polyneuropathie. Je nachdem welche Ursache beim Nervenschaden zu Grunde liegt, kann man auch medikamentös intervenieren. Bei Diabetes mellitus sollte der Blutzucker gut eingestellt werden. Bei Vitaminmangel können Vitaminpräparate den Mangel beheben.

Die Heilungschancen hängen wiederum mit der Art der Läsion zusammen. So scheint es auch ziemlich logisch, dass eine Neuropraxie (hier bleibt das Axon und seine Hülle erhalten) oder eine Axonotmesis (das Axon ist unterbrochen, aber seine Hüllstruktur bleibt erhalten) eine bessere Prognose haben wie eine Neurotmesis. Bei vollständiger oder teilweiser Unterbrechung des Nervens ist mit einer dauerhaften Funktionseinschränkung zu rechnen.

Lesen Sie mehr zum Thema: Wie sehen die Heilungschancen nach einer Hirnblutung aus?

Je länger die Nervenläsion dauert und je näher diese am zentralen Nervensystem liegt, desto schlechter ist die Prognose bezüglich einer kompletten Heilung. Ist die Nervenschädigung ziemlich lang, steigt die Gefahr einer Fehlinnervation, d.h.: dass der Nerv nicht mehr mit dem eigenen Nerv zusammen wächst, sondern in ein anderes Versorgungsgebiet einwächst.

Differenzialdiagnose

Die Symptome einer Nervenverletzung können auch durch andere Erkrankungen verursacht werden. Ein Muskel oder Sehnenabriss kann ebenfalls eine Muskelparese (Muskellähmung) hervorrufen und sollte nicht mit einem Nervenschaden verwechselt werden.

Weitere Informationen

Lesen Sie weiter:

Eine Übersicht zu allen neurologischen Themen finden Sie auch unter Neurologie A-Z.

Qualitätssicherung durch: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 11.01.2018
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