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Das Querschnittssyndrom

Definition

Unter einem Querschnittssyndrom oder auch einer Querschnittlähmung (med. Paraplegie, Transversalsyndrom) versteht man eine Schädigung des Rückenmarks und die daraus resultierenden Symptome. Man unterscheidet zwischen einem kompletten Querschnittssyndrom, bei dem das Rückenmark vollständig durchtrennt ist, und einem inkompletten Querschnittssyndrom, wo das Rückenmark nur teilweise geschädigt ist.

Die Symptome einer Querschnittslähmung sind abhängig von der Höhe der Schädigung des Rückenmarks.

 

Die möglichen Ursachen

Das Rückenmark verläuft innerhalb der Wirbelsäule und bildet zusammen mit dem Gehirn das zentrale Nervensystem (ZNS). Das Rückenmark besteht aus Nervenbahnen, die der Vermittlung motorischer und sensibler Informationen zwischen dem Gehirn und den Muskeln, der Haut und den inneren Organen dienen. Motorische Bahnen dienen der Bewegung der Muskeln, wohingegen sensible Nervenbahnen die Wahrnehmung von Empfindungen, wie Schmerz, Temperaturempfinden und Berührungen ermöglichen.

Die Ursachen für ein Querschnittssyndrom sind in den meisten Fällen (ca. 70%) Verletzungen des Rückenmarks durch Unfälle, z.B. nach Motorrad- oder Autounfällen. Durch stumpfe Gewalteinwirkung von außen kann es zu Wirbelbrüchen und Quetschung oder Kompression des Rückenmarks kommen.

Andere Ursachen für eine Querschnittlähmung sind Durchblutungsstörungen im Bereich des Rückenmarks, Entzündungen, Bandscheibenvorfälle, Infektionen oder Tumoren. Bei einem Schlaganfall im Rückenmark kommt es zu einem Sauerstoffmangel (med. spinale Ischämie), das heißt durch einen Verschluss in den Blutgefäßen kann das Rückenmark nicht mehr ausreichend versorgt werden und wird geschädigt. Bei schweren Bandscheibenvorfällen kann es sein, dass der ausgetretene Bandscheibenkern das Rückenmark oder Nervenwurzeln abklemmt und so schädigt. Häufig sind die Ursache eines Querschnittssyndroms auch Tumoren, die entweder direkt vom Nervengewebe im Rückenmark ausgehen oder von anderen Organen in die Wirbelsäule metastasieren. Durch die Raumforderung kommt es zur Kompression und Verletzung des Rückenmarks.

Informieren Sie sich hier rund um das Thema: Querschnittslähmung

Die Formen des Querschnittsyndromes

Das inkomplettes Querschnittssyndrom

Beim inkompletten Querschnittsyndrom ist das Rückenmark nicht vollständig durchtrennt bzw. geschädigt. Dadurch bleibt die Funktion einzelner Rückenmarksbahnen erhalten und ermöglicht zumindest eine partielle Reizweiterleitung. Die Symptomatik ist abhängig von der Läsionshöhe. Die Restfunktionen in Motorik und Sensibilität bleiben jedoch auch unterhalb der Schädigung erhalten.

Inkomplette Querschnittslähmungen können entweder die Arme bzw. Beine (med. Paraparese) oder alle Extremitäten (med. Tetraparese) betreffen. Kompressionen des Rückenmarks durch ein Trauma, Tumoren oder Bandscheibenvorfälle sind die Hauptursachen des inkompletten Querschnittsyndroms.

Lähmungerscheinigungen im Bein? Lesen Sie hier mehr zu diesem Thema

Das komplettes Querschnittssyndrom

Bei einem kompletten Querschnittssyndrom kommt es zur Schädigung des gesamten Rückenmarkquerschnitts, wobei alle Nerven zerstört werden. Direkt nach der traumatischen Schädigung kommt es zunächst zu einem spinalen Schock. Dabei handelt es sich um einen vorübergehenden Zustand, bei dem alle motorischen und neurologischen Funktionen unterhalb der Läsion vollständig ausfallen. Die Extremitäten sind schlaff gelähmt.

Nach wenigen Wochen geht die schlaffe Lähmung in eine spastische Lähmung über, bei der die Spannung der Muskeln krankhaft erhöht ist und die Muskulatur verspannt sich dauerhaft. Zusätzlich kommt es beim kompletten Querschnittssyndrom zu Sensibilitätsverlusten unterhalb der Läsionshöhe und zum Auftreten pathologischer Reflexe (z.B. Babinski-Reflex), also Reflexe, die beim Gesunden nicht vorkommen. Des weiteren können Blasen- und Darmentleerungsstörungen auftreten.

Erfahren Sie hier mehr zum Thema: Spastik

Die begleitenden Symptome

Die begleitenden Symptome einer Querschnittlähmung sind vor allem abhängig davon, in welcher Höhe das Rückenmark geschädigt wurde. Unterhalb der Verletzung kommt es zur Störung der Funktionen, die vom betroffenen Teil des Rückenmarks gesteuert werden. Die häufigsten Symptome sind Lähmungen und ein Verlust der Sensibilität.

In den meisten Fällen tritt die Schädigung im unteren Bereich des Rückenmarks auf und führt zu einem Funktionsverlust der Skelettmuskulatur. Die Folge ist eine Lähmung der unteren Extremitäten, also der Beine. Eine isolierte Lähmung der unteren Extremität nennt man Paraparese, wohingegen die gleichzeitige Lähmung von Armen und Beinen als Tetraparese bezeichnet wird.
Zusätzlich treten Empfindungsstörungen (med. Sensibilitätsstörungen) auf: die Patienten leiden unter einem veränderten oder fehlendem Schmerz- und Temperaturempfinden sowie einem Ausfall der Tastempfindung und des Berührungssinnes.

Liegt die Schädigung oben im Halsbereich, kann es zu einer Lähmung des Zwerchfells kommen, einer lebensbedrohlichen Situation bei welcher der Patient nicht mehr selbstständig atmen kann.
Ein weiteres Symptom einer Querschnittlähmung ist das Auftreten pathologischer Reflexe, z.B. dem Babinski-Reflex. Dabei handelt es sich um einen Reflex der Fußsohle, bei dem durch Streichen über die Sohle eine Streckung der Großzehe und eine Beugung der anderen Zehen ausgelöst wird.
Vielen Menschen, die eine Verletzung am Rückenmark erlitten haben, leider außerdem unter Blasen- und Mastdarmstörungen. Je nach Läsionshöhe treten häufig auch Kreislaufprobleme auf, da die Kontrolle des Blutdrucks durch das vegetative Nervensystem gestört ist.

Ein Querschnittssyndrom und die begleitenden Symptome stellt für die Betroffenen eine starke psychische Belastung dar, weshalb viele Patienten auch depressive Verstimmungen und Depressionen entwickeln.

Lesen Sie hier mehr zum Thema: Symptome einer Querschnitsslähmung

Blasen-Mastdarm-Störungen

Durch eine Verletzung des Rückenmarks kann es zur Störung der Kontrolle von Blase und Mastdarm kommen. Die Patienten können die Blase und den Darm nicht bzw. nicht vollständig entleeren. Durch den Ausfall der Schließmuskeln und der Beckenbodenmuskulatur kommt es bei einer Querschnittslähmung zum unwillkürlichem Abgang von Urin und Stuhl (sog. Inkontinenz). Auch Mischformen zwischen Inkontinenz und Entleerungsstörungen sind möglich.

Während einer Rehabilitationsbehandlung lernen die Betroffenen, mit der Störung umzugehen und bestimmte Maßnahmen zu ergreifen, die das Leben mit der Blasen-Mastdarm-Störung vereinfachen. Dazu zählen z.B. die Darmfunktion positiv durch Ernährung und Entspannungsübungen zu beeinflussen oder mit Einmalkathetern die Blase selbstständig zu leeren.

Informieren Sie sich hier rund über das Thema: Inkontinenz

Die Diagnose

Bei Verdacht auf eine Verletzung des Rückenmarks muss der Patient umgehend in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Dort stellen die Ärzte die Diagnose durch die Krankengeschichte, die häufig mit einem vorangegangenen Unfall oder einer Rückenverletzung verbunden ist.

Der Betroffene zeigt Lähmungserscheinungen und pathologische Reflexe. Durch neurologische Untersuchungen und mithilfe sogenannter Kennmuskeln kann der Arzt die Läsionshöhe bestimmten. Eine Computertomographie (CT) zeigt Frakturen und Verletzungen der Wirbelsäule auf, wohingegen sich das Rückenmark selbst mittels Magnetresonanztomographie (MRT) besser beurteilen lässt.

Die Behandlung

Bei einer frischen Querschnittslähmung ist die Hauptursache meist durch einen Unfall bedingt. Patienten mit Verdacht auf eine Rückenmarksschädigung sind als absolute Notfälle zu behandeln. Bei Bewusstlosigkeit muss der Betroffene beatmet werden, um den Kreislauf stabil zu halten. Bis Erste Hilfe eingetroffen ist, ist es wichtig, das Unfallopfer möglichst wenig zu bewegen, da das Rückenmark ansonsten noch weiter geschädigt werden kann. Durch den Notarzt wird der Patient mit einer Schiene gelagert und die Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen (Atmung und Kreislauf) sichergestellt.
Im Krankenhaus erfolgt die Versorgung der verletzten Wirbelsäule operativ oder konservativ mit Lagerungsschienen und anschließender Immobilisation des Patienten. Während des gesamten Krankenhausaufenthalts erfolgt eine intensivmedizinische Überwachung, um das Risiko für Komplikationen zu minimieren.

Die langfristige Behandlung des Querschnittssyndroms erfolgt mit dem Ziel, die verbliebenen Bewegungsmöglichkeiten aktiv zu unterstützen und Bewegungsabläufe zu kräftigen. Es gibt spezielle Einrichtungen, die auf die Behandlung von Menschen mit Querschnittssyndrom spezialisiert sind. Die Rehabilitation des Patienten erfolgt mit Physiotherapie, Ergotherapie und dem Einsatz von Lagerungsschienen. Häufig sind querschnittsgelähmte Patienten auf einen Rollstuhl angewiesen.
Ein wichtiges Ziel der Nachbehandlung ist die Wiedereingliederung des Betroffenen in sein soziales und - wenn möglich - berufliches Leben. Da die Erkrankung eine starke psychische Belastung für den Patienten darstellt, ist eine psychische Stabilisierung nötig, die durch eine intensive psychologische oder psychotherapeutische Betreuung erfolgt. Viele Patienten nehmen an Selbsthilfegruppen teil.  

Zur Zeit werden viele neue Behandlungsansätze untersucht, um querschnittsgelähmte Menschen wieder zu heilen. Tierversuche haben gezeigt, dass die geschädigten Nerven im Rückenmark durch die Gabe von Stammzellen wieder erneuert werden können.
Ein anderer Ansatz ist die Gabe von Cordaneurin, ein Medikament, das zur Regeneration von Nervenzellen führt und in präklinischen Studien bereits erste Erfolge gezeigt hat. Diese Ergebnisse geben Hoffnung, dass die bisher als unheilbar geltende Querschnittlähmung in naher Zukunft erfolgreich behandelt werden kann.

Die Ergotherapie

Eine Ergotherapie dient der Stärkung von Restfunktionen und hilft den Patienten sich in das Alltagsleben zu integrieren. Geschulte Ergotherapeuten helfen den Betroffenen alltägliche Aufgaben und Bewegungsabläufe wieder zu erlernen und dadurch die Pflegebedürftigkeit zu reduzieren.

Eine Therapie stärkt die Bewegungsabläufe, vermeidet Fehlhaltung und optimiert den Umgang des Patienten mit dem Rollstuhl (z.B. durch Training des selbstständigen Transfers aus dem Rollstuhl hinaus und wieder hinein). Dadurch kann der körperliche Zustand des Patienten deutlich verbessert werden und die Betroffenen haben die Möglichkeit ein größtenteils selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen.

Informieren Sie sich hier rund um das Thema: Ergotherapie.

Die Pflege

Ein Querschnittssyndrom erfordert eine lebenslange Nachsorge der Patienten. Zur Pflege eines akut querschnittgelähmten Patienten zählen vor allem die Versorgung der Symptome (z.B. Blasen- und Mastdarmstörungen), Hilfe bei Aktivitäten des täglichen Lebens und häufiges Umlagern, um ein Wundliegen (med. Dekubitus) des Patienten zu vermeiden. Gerade zur Beginn der Erkrankung sind die meisten Patienten nicht nur physisch sondern auch psychisch stark angeschlagen und fühlen sich mit der Situation überfordert. Hierbei ist eine psychologische Unterstützung wichtig, damit der Patient nicht depressiv wird oder sich unrealistische Hoffnungen macht.

Durch die Verletzung des Rückenmarks und die damit verbunden Symptome haben die Patienten Probleme ihren Alltag zu bewältigen. Üblicherweise werden die Betroffenen in eine Pflegestufe eingestuft und erhalten Pflegegeld, welches bei der Versicherung beantragt werden kann. Beim Vorliegen eines Querschnittssyndroms gilt der Betroffene als schwerbehindert und hat das Recht auf einen Schwerbehindertenausweis und die damit verbundenen Vorteile.

Die Dauer

Das Querschnittssyndrom ist bisher noch nicht heilbar. In seltenen Fällen kommt es zu einer spontanen Heilung. Normalerweise aber tragen die Patienten ein Leben lang die Folgen der Rückenmarksschädigung und sind auf den Rollstuhl angewiesen.

Die Prognose

Die Querschnittlähmung zeigt eine schlechte Prognose. In vielen Fällen geht ein inkomplettes Querschnittssyndrom auch in ein komplettes über. In manchen Fällen ist eine Teilremission möglich, wenn es innerhalb der ersten Tage zu einem Rückgang der motorischen Lähmung kommt.

Nervenzellen können sich nicht mehr teilen und bleiben nach einer Verletzung für immer geschädigt, wodurch eine Querschnittlähmung als nicht heilbar gilt. In den letzten Jahren wurden allerdings vielversprechende Studien mit Stammzellen und neuen Medikamenten durchgeführt, die Hoffnung geben, dass die Erkrankung eines Tages geheilt werden kann. Bisher hat aber noch keine dieser Methoden zur Heilung der Querschnittslähmung geführt.

Lesen Sie hier mehr zum Thema: Heilung einer Querschnittslähmung

Weiterführende Information

Mehr Informationen zum Thema Querschnittssyndrom finden Sie hier:

Eine Übersicht aller Themen  der Neurologie finden Sie unter: Neurologie A-Z

Qualitätssicherung durch: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 07.01.2019
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