Amyotrophe Lateralsklerose

Synonyme

Charcot-Krankheit; amyotrophische Lateralsklerose; myatrophe Lateralsklerose; Lou-Gehrig-Syndrom;
engl.: motor neuron disease; abk.: ALS

Definition

Die amyotrophe Lateralsklerose ist eine fortschreitende, degenerative Erkrankung der die Muskulatur ansteuernden Nervenzellen (Motorneurone), bei der es zu spastischen, als auch schlaffen Lähmungen im gesamten Bereich des Körpers kommen kann. Durch im Verlauf mitbeteiligte Atem- und Schluckmuskulatur versterben die Patienten nach jahrelangem Krankheitsfortschritt der amotrophen Lateralsklerose meist an einer Lungenentzündung oder am Sauerstoffmangel.

Häufigkeit

Die Häufigkeit der amyotrophen Lateralsklerose ist vergleichsweise selten. Auf 100.000 Einwohner kommen pro Jahr in Deutschland etwa 3 bis 8 Neuerkrankungen. Männer sind um 50% häufiger betroffen als Frauen und der häufigste Erkrankungszeitraum liegt zwischen dem 50. und 70.Lebensjahr. Selten werden frühere Beginne beobachtet.

Historie

Der französische Neurologe Jean-Marie Charcot (1825-1893) beschrieb in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts als Erster das Bild der amyotrophen Lateralsklerose, wie auch etliche weitere neurologische Erkrankungen. Viele einzelne Krankheitszeichen tragen seinen Nachnamen, so wie auch die amyotrophe Lateralsklerose als Charcot-Krankheit bezeichnet werden kann.
Bekannt geworden ist die Erkrankung im 20.Jahrhundert vor allem durch den erfolgreichen und beliebten Baseball-Spieler Lou Gehrig (1903-1941) der 1938 aufgrund unklarer Muskelschwäche seine Karriere beenden musste und bei dem im Folgejahr die Erkrankung diagnostiziert wurde. Nach ihm wurde die amyotrophe Lateralsklerose auch Lou-Gehrig-Syndrom genannt. Ein weiterer populärer ALS-Patient ist Stephen Hawking, bei dem die Erkrankung untypischerweise schon in seiner Jugend ausbrach und im Verlauf milder ist, als beim Gros der Patienten.


Ursachen

Die genaue Ursache für den fortschreitenden Untergang der Motorneurone ist nicht bekannt (amyotrophe Lateralsklerose). Als möglicher Auslöser wurde oxidativer Stress für die Nervenzellen diskutiert, da bei knapp 10% der Betroffenen eine Genmutation eines vor oxidativem Stress schützenden Enzyms (Superoxiddismutase; SOD-1) zu finden ist. Unterstützt wurde dies durch ein etwas erhöhtes Erkrankungsrisiko bei Rauchern, deren Körper vermehrt oxidativem Stress ausgesetzt ist, jedoch stellte man fest, dass die Funktionstüchtigkeit des Enzyms keinen Krankheitseinfluss besitzt, wohl aber die fehlerhafte räumliche Struktur des Enzyms, die ein Zusammenheften vieler einzelner solcher Enzyme begünstigt. Diese Aggregatbildung stört die Zellfunktionen der betroffenen Nervenzellen und ist vom Krankheitsmechanismus ähnlich dem bei der bovinen spongiformen Enzephalopathie (BSE) oder bei der Alzheimer-Erkrankung. Weshalb ausschließlich Motorneurone betroffen sind, ist zurzeit noch nicht bekannt. Unter anderem sind für eine seltene, familiäre Form der amyotrophen Lateralsklerose weitere Genorte bekannt, deren Mutation mit einem gehäuften Krankheitsauftreten assoziiert wird.

Symptome

Für die Muskelerregung sind zwei motorische Nervenzellen hintereinander geschaltet. Das erste Motorneuron entspringt im Gehirn und wird im Rückenmark auf der Höhe auf das zweite Motorneuron umgeschaltet, auf der dieses sich einem peripheren Nerv anschließt, um den entsprechenden Muskel zu erreichen. Ist das zweite Motorneuron (peripherer Nerv) geschädigt, kommt es zu einer schlaffen Lähmung, während bei einer Schädigung des ersten Motorneurons (Gehirn/Rückenmark) eine spastische Lähmung eintritt. Da beide Motoneurone betroffen sind, ist für die amyotrophe Lateralsklerose das gemeinsame Auftreten schlaffer, als auch spastischer Lähmungen typisch, die so schleichend langsam beginnen, dass die Beeinträchtigungen eines Patienten von diesem zunächst nur als „Ungeschicklichkeiten“ abgetan werden. Von Gangstörungen oder Greifproblemen der Hand durch Schlaffheit oder Steifigkeit der Muskulatur, bis hin zu Halteschwierigkeiten des Rumpfes und später auch erschwertem Atmen sind verschiedene Einschränkungen zu erwarten. Meist beginnen die Ausfallerscheinungen in den Extremitäten und erst im späteren Krankheitsverlauf kommt es zur Mitbeteiligung von Rumpf- und bulbärer Muskulatur (Schluck- und Sprechmuskulatur), jedoch beginnt die Krankheit bei etwa jedem dritten Patienten als bulbäre Form mit Beeinträchtigung von Schlucken und Sprechen, was zu einer kloßig-verwaschenen Sprache und zu vermehrtem Verschlucken führt. Die Sprechstörung kann Kommunikationshilfsmittel wie Alphabettafeln, Schreibbretter oder ähnliches nötig machen, damit der Patient sich verständlich machen kann. Des Weiteren ist eine Zurückbildung der schlaff gelähmten Muskulatur ein typisches Symptom, das an der Hand leicht durch deren Formverlust zu beobachten ist, aber auch anderswo am Körper auftritt. Nie betroffen ist die Muskulatur der Augen.

Diagnose

Zum Arzt führt die Patienten in der Regel der Kraftverlust in ihren Extremitäten oder das Beobachten von Muskelfaszikulationen, die klassischerweise nach Manipulieren eines Muskels als dessen wellenförmig fortschreitende, recht langsame Kontraktion auftreten. Vor allem Zungenfaszikulationen sind typisch für die Amyotrophe Lateralsklerose. Durch die Betrachtung des Körpers können Patient und Arzt den Muskelschwund feststellen, was nun den Krankheitsverdacht erhärtet. Eine einfache Reflexprüfung kann das gleichzeitige Vorliegen von schlaffen und spastischen Paresen (Lähmungen) beweisen, womit die Diagnose der amyotrophen Lateralsklerose schon gestellt ist. Die klassische Diagnosetrias lautet: Spinale Muskelatrophie, Bulbärparalyse und Spastische Spinalparalyse, was anschließend noch durch elektromyographische (Messung von elektrischer Muskelaktivität) und elektroneurographische (Messung von elektrischer Nervenaktivität) Untersuchungen bestätigt wird. Außerdem können bei ALS-Patieneten zeitweise auftretende, unkontrollierte emotionale Reaktionen in Form von Weinen, Lachen oder Gähnen beobachtet werden (Affektlabilität), die sich manchmal im Gespräch durch entsprechend auslösende Inhalte provozieren lassen. Letztlich lässt sich nach dem Tod per Autopsie der Nervenzelluntergang in den motorischen Arealen von Großhirn, Bahnverlauf im Rückenmark und in den Rückenmarksvorderhörnern feststellen (amyotrophe Lateralsklerose).

Therapie

Eine Heilung der amyotrophen Lateralsklerose ist bislang nicht möglich, jedoch verlangsamen verschiedene Therapieansätze den Verlauf oder dienen der Steigerung von Lebensqualität. Wichtig ist eine frühzeitige Aufklärung des Patienten, um mit dessen Einvernehmen und dessen aktiver Mitarbeit einen entsprechenden Behandlungserfolg im Sinne eines langsameren Krankheitsfortschritts und gewonnener Lebenszeit zu erhalten. An Medikamenten wird der Glutamat-Antagonist Riluzol angewandt, welcher dem Nervenzelluntergang bei der amyotrophen Lateralsklerose entgegenwirkt. Krankengymnastik und Ergotherapie haben das Ziel, die alltagspraktischen und sonstigen motorischen Fähigkeiten des Patienten zu trainieren, zu erhalten oder alternative Bewegungsstrategien aufzuzeigen. Gerade der möglichst lange Erhalt einer effektiven Atemmechanik steht hier im Vordergrund. Daneben dient eine logopädische Betreuung dem Erhalt und Training von Sprech- und Schluckfähigkeiten, von denen Letztere vor allem wichtig für den Schutz der Lunge ist, da fortschreitende Schluckstörungen über kurz oder lang zu Lungenentzündung und deren tödlichen Ausgang führen. Hier werden ebenfalls Medikamente eingesetzt, um Sekrete in den Atemwegen leichter zu lösen und deren Abtransport zu erleichtern, als auch Substanzen, die die Speichelproduktion einschränken, da sich hierdurch das Risiko des Verschluckens verringert ist. Muskelkrämpfe, deren Spastiken und die dabei auftretenden Schmerzen sollen mit Calciumpräparaten und Schmerzmitteln gelindert werden. Bei ebenfalls immer stärker betroffener Atemmuskulatur besteht die Möglichkeit einer maschinellen Beatmung, die auch zu Hause durchgeführt werden kann. Mit ihr steigt jedoch wiederum das Risiko von Infekten der Atemwege und Lungen, weshalb mit Antibiotika bei Infektverdacht schnell eine entsprechende Therapie begonnen werden muss. Neben der maschinellen Heimbeatmung besteht die größte Angst der Patienten im Tod durch Ersticken, weshalb in der letzten Phase der Erkrankung Opiate eingesetzt werden, um Angst als auch Atemantrieb zu dämpfen. Dies fällt schon in den sterbebegleitenden Abschnitt der Palliativtherapie und kann mit Psychopharmaka zur Angstbekämpfung kombiniert werden. Aufgrund der psychischen Belastung durch die Erkrankungsprognose ist eine psychosoziale Betreuung auch ein wichtiger Behandlungsbaustein, der in Kombination mit Selbsthilfegruppen nicht nur den Patienten, sondern auch deren Angehörigen zugute kommt. Psychopharmaka können hier ebenso hilfreich sein, wenn es zu Depressionen kommt, oder um die unkontrollierten emotionalen Reaktionen wie Lachen und Weinen zu dämpfen (amyotrophe Lateralsklerose).

Prognose

Neben den oben bereits genannten möglichen Symptomen, die sich fortschreitend verschlechtern, ist bei den üblichen Formen der amyotrophen Lateralsklerose nach drei bis fünf Jahren nach Erstauftreten mit einer unzureichenden Atemfähigkeit zu rechnen, die entweder über eine Lungenentzündung oder über Ersticken den Tod nach sich zieht.

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Autor: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 06.05.2012