Innenohr und Schwindel

Synonyme

Schwindelgefühl, Schwindel, Innenohr, Vestibularapparat

Lesen Sie auch:

Abbildung Gleichgewichtsorgan

Das Gleichgewichtsorgan:

Zum Gleichgewichtsorgan im Innenohr gehört das vestibuläre Labyrinth, das ebenfalls ein knöchernes Labyrinth als Hohlraumsystem enthält, in dem der eigentliche Sinnesapparat, das häutige Labyrinth, aufgehängt ist. Der Gleichgewichtsapparat (Vestibularapparat) beinhaltet zwei Maculaorgane (Macula sacculi und Macula utriculi)  und drei Bogengangsorgane, einen vorderen, einen hinteren und einen horizontalen. Bei normaler Körperhaltung ist der horizontale Bogengang im Innenohr um 30° angehoben. Die knöchernen Bogengänge sind etwa in einem Winkel von 45° zu den Hauptachsen des Kopfes angeordnet. Die Lage der Bogengänge ist der thermischen Funktionsprüfung von klinischer Bedeutung. Wie erwähnt ist der horizontale Bogengang im Innenohr um 30° nach vorn gekippt. Wenn also beim liegenden Patienten der Kopf um 30° aufgerichtet wird, steht dieser Bogengang senkrecht. Die thermische Funktionsprüfung dient der getrennten Untersuchung der Vestibularorgane, da im Normalfall immer beide Organe erregt werden. Hierzu macht man sich die Dichteeigenschaften der Endolymphe zum Vorteil. Spült man einen Gehörgang mit warmen (44°C) oder kaltem (30°C) Wasser, so dehnt sich die Endolymphe bei warmem Wasser aus und steigt nach oben. Als Reaktion ist ein vestibulärer Nystagmus (ruckartige Augenbewegungen, vestibulookulärer Reflex) zu beobachten. Zur Anwendung kommt dieses Verfahren zum Beispiel bei Schwindel unklarer Ursache.

Die Bogengänge  im Innenohr weisen weiterhin eine Verbreiterung zur Ampulla mit Sinnesepithel auf (Cristae ampullares). Sie trägt zwischen Stützzellen eingebettete spezialisierte sensorische Sinneszellen, die Haarzellen. Diese entsprechen im Wesentlichen dem Aufbau der Haarzellen der Schnecke. Sie tragen feinste Stereovilli und lange Kinozilien. Die Spitzen der längeren Stereovilli sind mit dem jeweils nächst kleineren Villus verbunden. Auch hier spielt sich wieder der Transduktionsvorgang im Innenohr ab. In den Bogengängen sind die Haarzellen so orientiert, dass die Kinozilien alle in dieselbe Richtung weisen.
Im Sinnesapparat befindet sich wieder Endolymphflüssigkeit, die von Perilymphen umspült werden. Die Zusammensetzung gleicht dem der cochleären Lymphe. Die Endolymphräume des cochleären und vestibulären Labyrinths stehen über den Ductus reuniens in Verbindung. Die Perilymphe werden über den Ductus perilymphaticus in den Subarachnoidalraum abgeleitet.
Die Bogengänge nehmen Winkel- bzw. Drehbeschleunigungen war. Drehen wir uns also auf einem Karussell, so erfolgt von hier die Information, in welche Richtung wir gedreht werden. Wichtig dabei ist das Prinzip der Trägheit. Über dem Sinnesepithel der Bogengänge befindet sich eine gallertartige Masse (Cupula), die die gleiche Dichte wie die sie umgebende Endolymphe hat. Jedoch ist diese Masse am oberen Ende mit dem Dach der Bogengangswand verbunden. Werden nun durch Drehbeschleunigungen die Bogengänge bewegt, so hat die Endolymphe das Bestreben stehenzubleiben. Die Wand bewegt sich also einen Moment lang schneller als die Flüssigkeit. Da die Cupula aber an der Wand befestigt ist, wird diese gegen die träge Endolymphe bewegt und entgegen der Beschleunigung durchgebogen.
Wie erwähnt enthält das vestibuläre Labyrinth noch zwei Maculaorgane. Sie messen Linearbeschleunigungen, zum Beispiel beim Bremsen und Anfahren des Autos oder die Fahrt im Fahrstuhl. Also werden hier alle Hoch-/Runter-, Vor-/Zurückbewegungen gemessen bei denen ein Schwindel entstehen können. Die Grundlage dafür bilden Kalzitkristalleinlagerungen (Otolithen, Ohrsteinchen), die eine höhere Dichte als die Endolymphe haben. Diese schwerere Otolithenmembran rutscht bei Linearbeschleunigungen über das Sinnesepithel ab und erregt die Haarzellen. Da die Maculaorgane in etwa senkrecht zueinander stehen, wird immer mindestens in einem Sinnesepithel Zug ausgelöst. Das hat zur Folge, dass wir die ständige Gravitationskraft zwar nicht unbedingt bewusst wahrnehmen, aber unbewusst sicher sein können, dass wir aufrecht im Raum stehen.

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Autor: Dr. med Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 06.05.2012