Liquordiagnostik

Synonyme

Das Nervenwasser kann Aufschluss über Erkrankungen des Gehirns und der Hirnhäute geben.

Untersuchung des Hirnwassers (Liquor), Hirnwasseruntersuchung, Rückenmarkswasseruntersuchung

Häufige Tippfehler: Liqordiagnostik; Liqourdiagnostik

Definition

Anhand der Zusammensetzung des Nervenwassers (Liquors) kann man auf Erkrankungen wie Entzündungen oder Tumorerkrankungen des Gehirns bzw. der Hirnhäute (Meningen) Rückschlüsse ziehen.
Verglichen werden die erhobenen Werte mit den Werten des Blutbildes. Die Liquordiagnostik ist eine wertvolle Untersuchung in der Neurologie (Nervenheilkunde) besonders bei Meningitis (Hirnhautentzündung), Enzephalitis (Gerhirnentzündung), multiple Sklerose (Enzephalomyelitis dissiminata) und Tumorerkrankungen.
Das Nervenwasser (Liquor) zur Liquordiagnostik wird in der Regel durch eine Lumbalpunktion gewonnen.

Lesen Sie mehr zum Thema Lumbalpunktion.


Normwerte

Mithilfe der Liquordiagnostik können Krankheiten des zentralen Nervensystems erfasst werden. Dafür vergleicht man die einzelnen Parameter der Patientenprobe mit den als normal geltenden Normwerten.

Schon bei reiner Betrachtung des Liquor cerebrospinalis (Nervenwasser) können Entzündungsvorgänge erkannt werden. Im Normalfall ist das Hirnwasser nächmlich farblos, bei Infektionen kann es trüb erscheinen. Der pH-Wert des Liquor liegt beim gesunden zwischen 7,3 und 7,4. Zur genaueren Untersuchung wird der Liquor auf seine Zellzahl überprüft. Beim gesunden sollten wenig bis keine rote Blutkörperchen nachzuweisen sein. Dies gilt ebenso für eosinophile Granulozyten (Entzündungszellen, Untergruppe von weißen Blutkörperchen).

Die Anzahl an weißen Blutkörperchen sollte beim Erwachsenen 4/µl nicht überschreiten. Mit bestimmten Messverfahren werden zusätzlich die Konzentrationen einzelner Moleküle bestimmt. Dazu gehören vor allem Glukose (60-85 mg/dl), Lactat ( <20 mg/dl) sowie das Gesamtprotein (10-40 mg/dl). Beim Gesamtprotein differenziert man einzelne Klassen von Antikörpern. Die Massenkonzentration von IgA liegt mit unter 0,5 mg/dl im Normalbereich, bei IgM mit 0,1 mg/dl und bei IgG mit 4,0 mg/dl. Darüber hinaus achtet man auf das Auftreten von sogenannten oligoklonalen Antikörper-Banden, welche Aufschluss zum Beispiel auf eine Multiple-Sklerose-Erkrankung geben können.

Lesen Sie umfangreichere Informationen zu diesem Thema unter: Normwerte einer Liquordiagnostik

Abbildung Lumbalpunktion

  1. Dornfortsatz
  2. Rückenmark / Rückenmarkskanal
  3. Lendenwirbelsäule
  4. Beckenschaufel

Liquordiagnostik bei eitriger Meningitis

Das Nervenwasser (Liquor cerebrospinalis) bei einer eitrigen, bakteriellen Entzündung der Meningen (Hirnhäute) ist deshalb eitrig, weil weiße Blutkörperchen, in diesem Falle die sog. segmentkernigen Leukozyten, die Bakterien bekämpfen und einwandern (Eiter besteht aus Leukozyten und toten Bakterien). Im gesunden Liquor findet man bei einer Liquordiagnostik diese Zellen nicht, bei eitriger Meningitis sind es gleich mehrere tausend bis mehrere zehntausend.

Eine Vermehrung der Zellzahl im Nervenwasser nennt man Pleozytose. Es gibt sie auch bei der nicht-eitrigen Meningitis und anderen Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS), aber nicht so ausgeprägt wie bei der bakteriellen Meningitis.

Im entnommenen Nervenwasser (Liquordiagnostik) sind bei bakterieller Meningitis in 50 % der Fälle die Erreger direkt mikroskopisch nachweisbar, in einer Bakterienkultur (Liquorausstrich auf Nährböden) in ca. 70 % der Fälle.

Der Eiweißgehalt in der Gehirnflüssigkeit (Liquor) ist bei bakterieller Meningitis stark erhöht (> 120 mg/dl), was ein Zeichen für eine Störung der Blut-Hirn-Schranke darstellt. Diese hält normalerweise Blutbestandteile davon ab, in den Liquor überzutreten, und kann diese Funktion nun nicht mehr erfüllen: Eiweiß gelangt aus dem Blut in die Gehirnflüssigkeit.

Der Zuckergehalt (Liquorglukose) im gesunden Nervenwasser beträgt etwa zwei Drittel des Blutzuckerwerts (Serumglukose). Bei eitriger Meningitis sinkt er auf unter ein Drittel ab (<30 mg/dl; der Liquor-/ Serum-Glukose-Quotient beträgt dann weniger als 0,3), weil sowohl die Bakterien als auch die bakterienbekämpfenden Zellen Glukose verbrauchen.
Dafür steigt der Laktatspiegel - als Folge des Zuckerverbrauchs - stark an (meist über 3,5 mmol/l). Dieser kann auch als Verlaufskontrolle benutzt werden: Fallende Spiegel zeigen eine Besserung, steigende Laktatspiegel eine Verschlechterung des Krankheitsgeschehens an.

Lesen Sie außerdem mehr zum allgemeinen Thema Meningitis.

Liquordiagnostik bei Multipler Sklerose

Zur Diagnose einer Multiplen Sklerose wird beim Patienten im Rahmen einer Lumbalpunktion Hirnwasser (Liquor) entnommen und im Labor untersucht. Dazu sticht der Arzt mit einer Nadel im Bereich der Lendenwirbelsäule durch die Hirnhaut und gelangt so in dein äußeren Liquorraum. Der Eingriff ist schmerzhaft und wird deshalb mit einer lokalen Anästhesie durchgeführt.

Lesen Sie mehr zum Thema: Diagnose einer Multiplen Sklerose

Da es sich bei der Erkrankung um eine Entzündung des zentralen Nervensystems handelt, ist eine erhöhte Zahl an weißen Blutkörperchen (Leukozyten) zu erwarten. Zudem ist die Konzentration an Eiweißen, wie zum Beispiel Antikörpern, erhöht. So wird bei der Liquordiagnostik vor allem auf sogenannte oligoklonale-Antikörper-Banden vom Typ IgG geachtet. Diese sind Ausdruck einer vermehrten Antikörperbildung im Bereich des zentralen Nervensystems, oft in den Hirnhäuten. Diese Antikörper werden von B-Lymphozyten produziert und gelangen in den Liquor, aber nicht ins Blut. So kann bei Multiple-Sklerose-Patienten eine Blutprobe unauffällig sein, während eine Lumbalpunktion deutliche Entzündungszeichen zeigt.

Jedoch ist hierbei zu beachten, dass Antikörper-Banden kein spezifischer Nachweis für eine Multiple Sklerose sind. Auch bei anderen chronischen Entzündungen des Gehirns wird die Antikörper-Bildung angeregt und in der Liquordiagnostik sichtbar. Hierzu gehören beispielsweise Entzündungen des Gehirns nach Virusinfektionen wie Röteln, Masern oder bestimmten Herpesviren. Demnach reicht nur eine Lumbalpunktion nicht aus, um die Diagnose zu sichern.

Hinzu kommen bildgebende Verfahren des Gehirns wie zum Beispiel das MRT vom Kopf oder das MRT vom Gehirn. Mithilfe eines Kontrastmittels versucht man die einzelnen Entzündungsherde im Gehirn nachzuweisen. Typisch für die MS ist das Auftreten einzelner Entzündungen, die jedoch zeitlich und örtlich nicht voneinander abhängig sind. Das heißt, dass bei der Multiplen Sklerosen Entzündungen spontan in verschiedenen Hirnarealen entstehen und sich im zeitlichen Verlauf zunehmend verschlimmern. Dies führt bei der Liquordiagnostik zu stetig erhöhten Zell- und Eiweißzahlen, die beispielsweise bei reversiblen Entzündungen nicht zu erwarten wären.

Eine MRT-Untersuchung unterscheidet sich durch die Gabe von Kontrastmittel und der Zielsetzung des MRT´s. Weitere Informationen erhalten Sie unter dem Thema: MRT bei multipler Sklerose

Da MS / multiple Sklerose bis heute nicht heilbar ist , sollte das Ziel des behandelnden Arztes sein, die Lebensqualität des Patienten über einen möglichst großen Zeitraum möglichst hoch zu halten. Dies wird meistens mit mehreren Medikamenten versucht, die neurologische Störungen und Schmerzen zwar nachweisbar reduzieren, sie jedoch über längere Zeit nicht bremsen können.

Lesen Sie dazu auch unsere Seite Diagnose einer Multiplen Sklerose.

Weitere Informationen zu diesem Thema

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Eine Übersicht aller Untersuchungsmethoden, die wir bereits veröffentlicht haben finden Sie unter: Diagnostik A - Z

Qualitätssicherung durch: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 24.01.2017
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