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Offener Unterricht

Definition

In der Erziehungswissenschaft gibt es keine genaue Definition für den offenen Unterricht. In der Regel versteht man darunter, dass das Lerngeschehen vollständig von den Schülern selbst gestaltet und bestimmt wird.
Es handelt sich nicht um einen traditionellen Frontalunterricht, stattdessen hält sich die Lehrperson mehr im Hintergrund auf und fördert die Schüler beim selbstorganisierten Lernen. Demnach erarbeitet sich der Schüler seine Inhalte selber, entsprechend der individuellen Interessen und Fähigkeiten. Dadurch soll ein starke Ausrichtung des Unterrichts am Schüler gewährleistet werden.

Des Weiteren kann der Schüler aus einer Auswahl von Lernstoffmaterialien, den Lernstoff wählen, der seinem Lerntyp entspricht. Wenn Schüler also besonders gut über das Hören lernen, steht ihnen das Lernmaterial in einer Hörvariante zur Verfügung. Dies schafft dem Schüler optimale Lernvoraussetzungen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass der offene Unterricht eine Unterrichtsform ist, in der jeder Schüler seine Lernzeit, den Ort und die Inhalte frei wählen kann. Dabei ist es ihm überlassen, welche Methode er benutzt und ob dies in Einzel- oder Gruppenarbeit statt findet.

Erfahren Sie mehr unterVerschiedene Unterrichtsformen

Offener Unterricht nach Peschel

Falko Peschel (*20.01.1965), ein deutscher Lehrer und Pädagoge, hat das Prinzip des offenen Unterrichts definiert und in besonderer Weise geformt. Im Mittelpunkt des offenen Unterrichts steht die Schülerzentrierung, also das selbstbestimmte Lernen von den Schülern, wobei sie selber entscheiden, was sie wann, wie, wo und mit wem lernen möchten. Das Kind ist bei Peschel von Materialvorgaben des Lehrers befreit, stattdessen müssen sich die Materialien und der Lehrer dem Kind anpassen.

Als Grundlage für die Bestimmung von dem Grad de Offenheit des Unterrichts benennt er fünf Dimensionen, die jeweils in sechs Stufen angegeben werden können.

  • Die erste Dimension ist die organisatorische Offenheit. Dabei kann die Frage gestellt werden, ob der Schüler die Rahmenbedingungen des Lernens selber bestimmt, also den Zeitpunkt, den Ort oder die Sozialform.
  • In der nächsten Dimension, der methodischen Offenheit, wird angegeben, ob der Schüler den Lernweg selber bestimmen darf.  
  • Bei der Dimension der inhaltlichen Offenheit, wird beurteilt, offen der Lernstoff innerhalb des Lehrplans ist.
  • Die Dimension der sozialen Offenheit bestimmt die Offenheit des sozialen Miteinanders. Dabei geht es um Entscheidungsfindungen bezüglich der Klassenführung, des gesamten Unterrichts, der Unterrichtsplanung und des konkreten Unterrichtsablaufes.
  • Die letzte Dimension ist die der persönliche Offenheit. Dabei liegt das Augenmerk auf den Beziehungen zwischen den Lehrern und Schülern und zwischen den Kindern untereinander.

Vorteile des offenen Unterrichts

Der offene Unterricht bringt viele Vorteile mit sich.
Er bietet Kindern, die langsamer arbeiten und lernen die Möglichkeit in einer leistungsorientierten Gesellschaft nach der eigenen Geschwindigkeit zu arbeiten. Darüber hinaus sind sie nicht an bestimmte Lernmethoden gebunden, sondern können sich die Methode auswählen, die ihrem eigenen Lerntyp entspricht.
Dadurch dass die Lehrperson nicht als Führungsperson den Schülern alles vorgibt, lernen die Schüler selber, was sie interessiert und mit welchen Methoden sie besonders gut lernen können. Es werden die individuellen Fähigkeiten und Persönlichkeitsqualitäten von den einzelnen Schüler besonders gefördert, sodass der Unterrichtsinhalt für die Kinder interessanter wird. Des Weiteren lernen die Kinder durch ein selbstbestimmtes Handeln Selbstverantwortung zu übernehmen, da sie ihre eigenen Erfahrungen machen können. Der Schüler kommt aus einer passiven Haltung heraus, die er häufig in Regelschulen annimmt, wenn von der Lehrperson nur ein Frontalunterricht angeboten wird, bei dem der Schüler nur zuhören muss.
Das Gehirn lernt und behält Inhalte jedoch viel besser, wenn sie selber erarbeitet wurden. Durch diese erhöhte Eigenbeschäftigung hat der Lehrer mehr Zeit, die er zur intensiven Beobachtung von den Schülern und deren Entwicklung oder zur Hilfeleistung bei schwächeren Schülern nutzen kann.

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Nachteile des offenen Unterrichts

Bei der Umsetzung eines offenen Unterrichts fehlen meistens die Kontroll- und Bewertungsmöglichkeiten von dem Gelernten von den Schülern, da keine Vergleichswerte vorliegen. Es ist nicht immer für die Lehrperson nachvollziehbar, was und wie viel der einzelne Schüler an einem Tag gelernt hat, wenn sich der Lehrer intensiv um andere Schüler gekümmert hat.

Bei manchen Kindern für diese komplett freie Auswahl an Lernmaterialien, Lernmethoden und Lernstrukturen zu einer Überforderung durch Entscheidungsstress. Dies kann besonders Schüler mit einer Behinderung oder Schwäche einer Entscheidungs- und Verständigungskompetenzen betreffen. Durch die so entstandene Überforderung oder Freiwilligkeit der Aufgabenwahl kann es dazu kommen, dass die Schüler unangenehme und schwierige Aufgaben vermeiden, die aber eine große Wichtigkeit besitzen.

Des Weiteren ist es möglich, dass durch starkes individuelles Lernen kein soziales Lernen in der Gruppe mehr stattfindet. Schüchterne Schüler, die das alleinige Lernen bevorzugen, können schnell vereinsamen oder es arbeiten immer nur die gleichen Schüler miteinander, weil sie befreundet sind.  

Außerdem kann eine vermehrte Unruhe durch unterschiedliche Aktivitäten entstehen und so einzelne Schüler im gleichen Raum vom Lernen abhalten. Ein weiterer Nachteil ist der erhöhte Vorbereitungs- und Zeitaufwand bei der Erstellung der Materialien und Aufgabenstellungen. 

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Kritik am offenen Unterricht

Die offene Unterrichtsform ist ein sehr umstrittene Methode und es scheint durch das Adjektiv offen und dem Wort Unterricht ein Widerspruch in sich zu liegen. So kann es sich nach Kritikern des offenen Unterrichts gar nicht mehr um einen Unterricht handeln.
Das Hauptproblem bei der Umsetzung des offenen Unterrichts liegt darin, dass es bislang kein umfassendes Konzept gibt. Dies führt dazu, dass die Meinungen der Lehrer auseinander gehen, was sie unter einem offenen Unterricht verstehen. Durch dieses individuelle Verständnis des offenen Unterrichts, gibt es auch keine vergleichbaren Untersuchungen.
Des Weiteren gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was die einzelnen Lehrer von den Lerninhalten als wichtig erachten und zu dem, was die Schüler tatsächlich lernen.

Methoden des offenen Unterrichts

Der offenen Unterricht setzt sich aus verschiedenen Methoden zusammen bzw. kann ganz unterschiedliche Methoden beinhalten.
Eine Methode ist zum Beispiel der Wochenplan. Der Lehrer gibt dem Schüler konkrete Arbeitsaufträge, die innerhalb einer Woche oder einem anderen ausgemachten Zeitraum bearbeitet sein müssen. Die Arbeitsaufträge bestehen meistens aus Pflicht- und Wahlpflichtaufgaben, die dem Niveau des Schülers angepasst sind. Der Schüler gestaltet sein Zeitmanagement selber.
Eine weitere Methode ist die freie Arbeit oder auch Freiarbeit genannt. Diese Freiarbeit ist wie andere Unterrichtsfächer fest im Stundenplan mit einigen Stunden in der Woche verankert. Die Schüler haben eine große Auswahl von Lernmaterialien zu einem schon vorbehandelten Thema aus einem Unterricht. Nun können sie sich mit Materialien ihrer Wahl, die ihrem Leistungsstand entsprechen, selbstständig in die Thematik vertiefen und auch sich auch für eine Sozialform frei entscheiden.
Darüber hinaus gibt es den Projektunterricht. Einzelne Schüler oder Schülergruppen sollen in einem Projekt eine Sache bzw. ein Problem eigenständig bearbeiten und zu lösen versuchen, möglichst ohne Lehrerhilfe.
Eine weitere Methode des offenen Unterrichts ist das Stationenlernen, was mit dem Zirkeltraining im Sport verglichen werden kann. Die Schüler bekommen eine Einweisung pro Station, die handlungsorientierte Lernmaterialien der unterschiedlichsten Art bereit stellt, und können anschließend selbstständig und frei jede Station bearbeiten.

Wie sieht offener Unterricht in der Grundschule aus?

Es existieren in Deutschland nur wenige Grundschulen, die das Prinzip des offenen Unterrichts umsetzten. Die Öffnung des Unterrichts an einer Grundschule hängt in hohem Maße von der jeweiligen Schule und dessen Verständnis vom offenen Unterricht ab, weil es kein vorgegebenes Konzept oder Definition einer Unterrichtsöffnung gibt.

Des Weiteren wird durch die pädagogische Freiheit der Lehrpersonen die gemeinsame Vorstellung des offenen Unterrichts ganz individuell umgesetzt. Wird sich an den Vorgaben von Peschel orientiert, dann lernen auch schon die Kinder in einer Grundschule selbstverantwortlich, dürfen selber entscheiden, was sie tun und lernen.

Das freie Lernen findet in einem vorgegebenen Rahmen statt, sodass es den Kindern nicht an Orientierung fehlt, entsprechend ist der offene Unterricht an einer Grundschule nicht mit eine Laisser-faire-Pädagogik zu verwechseln. Es wird ein besonderes Augenmerk auf leistungsschwache Kinder geworfen und für sie eine individuelle Förderung angeboten.

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Welche Qualitätskriterien für den offenen Unterricht gibt es?

Die Qualität eines offenen Unterrichts ist ansich schwer zu beurteilen. Der Lehrer sollte eine aktive Unterstützung für die Schüler sein. Seine Präsenz ist enorm wichtig, sodass sie die Schüler nicht allein gelassen fühlen und bei Fragen immer einen Ansprechpartner haben.

Des Weiteren sollte eine zielorientierte und differenzierte Rückmeldung von Seiten der Lehrer regelmäßig kommen. Die Lernmaterialien sollten eine anspruchsvolle, aber nicht überfordernde Lernaktivität anregen und zur Reflexion anregen. Das Klassenmanagement sollte eine aktive und effiziente Lernzeitnutzung besitzen, so dass sich die Schüler nicht gegenseitig stören sondern unterstützen.
Dabei ist besonders wichtig, dass es genügend Räume gibt, damit sich Schülergruppen, die eventuell etwas lauter sind zurück ziehen können, um nicht andere Schüler zu stören.

Wie sieht Inklusion im offenen Unterricht aus?

Die Inklusion in einem offenen Unterricht umzusetzen ist sehr schwierig, denn Inklusionsschüler benötigen eine besondere Förderung und Unterstützung von Sonderpädagogen und den Lehrern. In den meisten Fällen ist es für solche Kinder sehr schwierig unabhängig zu lernen und ihr eigenes Zeitmanagement erfolgreich zu gestalten. Darüber hinaus ist es gut möglich, dass die frei wählbare Sozialform zur Folge hat, dass weniger beliebte Schüler von dem Rest der Klasse ausgeschlossen werden.

Ein Vorteil für die Schüler, die im Zuge der Inklusion Regelschulen besuchen, wäre eindeutig, dass die Schüler in ihrem eigenen Tempo arbeiten könnten und so nicht immer wieder die Leistungsdifferenz zu anderen Klassenmitgliedern spüren würden. Einige Schulen mit offenem Unterricht nehmen auch Kinder mit Behinderung auf, in anderen hingegen ist es weniger üblich.

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Qualitätssicherung durch: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 16.02.2019
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