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Tics
Synonyme im weitesten Sinne
Ticks, Tic-Syndrom, Tic- Störung, Tourette- Syndrom
häufige Tippfehler: Tiks
Definition
Tics sind einfache oder komplexe, plötzlich auftretende, kurz dauernde, unwillkürliche oder halbwegs willkürliche Bewegungen (motorischer Tic) oder Geräusch- und Lautäußerungen (vokaler Tic). Mit einer innerlich wachsenden Spannung können sie für kurze Zeit unterdrückt werden. Patienten nehmen die Tics wie einen inneren Zwang wahr und spüren häufig Missempfindungen in der entsprechenden Körperregion, die dann der Anlass zum Ausführen der Bewegung sind.
Epidemiologie
Die Zahlen zur Häufigkeit von einem Tic oder Tics in der Allgemeinbevölkerung variieren sehr stark. Bei einer Untersuchung von 7-jährigen in Großbritannien fand man eine Häufigkeit der Tics von 4% mit gleicher Geschlechterverteilung. Bei einer Untersuchung an Pariser Schulen waren es jedoch nur 0,87%. Dieser Unterschied ist auf die verschiedenen Methoden der Datenerhebung zurückzuführen. So sind zum Beispiel bei der einen Studie Patienten mit geringerer Ausprägung der Symptomatik in den Zahlen enthalten, in einer anderen eben nicht.
Generell lässt sich aber wohl sagen, dass vorübergehende Tics im kindlich-jugendlichen Alter (siehe auch: Kinderheilkunde) mit einer Häufigkeit von etwa 4,8% weltweit in der Bevölkerung vorkommen, wobei Jungs öfter und schwerer betroffen sind als Mädchen. Das Geschlechterverhältnis entspricht etwas 3:1.
In Deutschland handelt es sich um eine Häufigkeit von etwa 6,6% der Gesamtbevölkerung.
Historie
Im Zusammenhang mit dem Tourette-Syndrom, dessen Symptome sowohl vokale als auch motorische Tics sind, wurden Tics das erste Mal 1825 von Jean Itard, einem französischen Arzt und Pädagogen (1774-1838), in der medizinischen Literatur erwähnt. Er beschrieb das auffällige Verhalten der Marquise de Dampierre, die seit ihrem 7. Lebensjahr komplexe vokale Tics hatte.
60 Jahre später veröffentlichte der französische Neurologe George Gilles de la Tourette eine Studie über die Marquise de Dampierre und acht weitere Patienten, die an ähnlichen Tics litten. Die Studie erschien unter dem Titel: „Étude sur une affection nerveuse caracterisée par l'incoordination motrice accompagnée d'écholalie et de coprolalie de la Neurologie, paris 9, 1885, 19-42 et 158-200“ Dr. Tourette bezeichnete die Krankheit, die uns heute als Tourette-Syndrom bekannt ist, als die „Maledie des Tics.“
Klassifikation
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten der Klassifikation: Es werden motorische und vokale Tics unterschieden:
- Motorische Tics sind Bewegungen des Körpers.
- Vokale Tics sind Geräusch-, Laut- oder Sprachäußerungen.
Es werden chronische und vorübergehende (transitorische) Tics unterschieden:
- Transitorische Tics sind während der Kindheit sehr häufig. Dabei handelt es sich um einzelne oder mehrere Tics, die meistens Blinzeln, Grimassen oder Kopfschütteln beinhalten. Die Tics beginnen vor dem 18. Lebensjahr und dauern bis zu zwölf Monaten.
- Chronische Tic-Störungen können motorischen oder vokalen Charakter haben, aber nur eines von beiden. Dabei können es eine oder mehrere motorische oder vokale Tics sein. Die Dauer ist länger als ein Jahr.
- Wenn motorische und vokale Tics kombiniert vorkommen, handelt es sich um das Tourette-Syndrom.
Es werden einfache von komplexen Tics unterschieden:
- Einfache motorische Tics: auf eine Muskelregion beschränkte Bewegungen Einfache vokale Tics: lediglich Laute, keine Worte
- Komplexe motorische Tics: koordinierte Bewegungen mehrerer Muskelregionen
- Komplexe vokale Tics: Worte oder Sätze
Ursachen
Die Ursache der Tics ist nicht geklärt. Allerdings nimmt man Funktionsstörungen im Bereich der Systeme des Gehirns an die den Botenstoff (Transmitter) Dopamin haben, wie es zum Beispiel in den Basalganglien der Fall ist. Transmitter sind Stoffe, die der Signalübertragung im Gehirn dienen und bei Vorkommen von Tics übermäßig aktiv sind. Die These wird gestützt durch die Tatsache, dass Gegenspieler des Dopamins (Dopaminantagonisten) die Tics reduzieren, wogegen Stoffe, die die Wirkung von Dopamin imitieren (Dopamimetika) und so die Dopaminwirkung erhöhen, ebenso wie Substanzen wie Amphetamine, Tics auslösen. Außerdem entspricht die Anzahl der Andockstellen (Rezeptoren) für das Dopamin (D2-Rezeptor) dem Ausprägungsgrad der Erkrankung.
Ebenso werden als Ursache auch Störungen in den Systemen angenommen, in denen Serotonin als Botenstoff vorhanden ist. Es wird außerdem angenommen, dass es sich bei den Tics um eine erbliche (hereditäre) Erkrankung handelt. Bei 60% der Patienten lassen sich Tics bei Familienmitgliedern feststellen, es gibt also eine sogenannte „positive Familienanamnese“. Der Erbvorgang ist vermutlich dominant oder auch semidominant, d.h. nur ein Elternteil muss das kranke Gen haben, damit ihr Kind ebenfalls an Tics erkrankt. Jedoch muss die Erkrankung nicht in dem gleichen Ausprägungsgrad vererbt werden, sondern kann auch nur leichte Tics beinhalten. Generell lässt sich sagen, dass Frauen weniger oft und weniger stark betroffen sind als Männer.
Tics wurden außerdem bei Absetzen von sogenannten Nervendämpfungsmitteln (Neuroleptika) und Medikamente gegen Epilepsie (Antiepileptika) beobachtet.
Symptome
Einfache motorische Tics können sein:
Augenzwinkern, Augenrollen, Gesichtsgrimassen, Naserümpfen, Lippen spitzen, Schulter hochziehen, Kopfschütteln, Armschleudern, Bauch einziehen, Bauch ausstülpen, Fingerbewegungen, Mund aufsperren, Zähneklappern, Körperanspannung, rasche Schleuderbewegungen verschiedener Körperteile, Augenbrauen hochziehen, Stirn runzeln
Komplexe motorische Tics können sein:
Hüpfen, klatschen, Gegenstände/Personen oder sich selbst berühren, Stofffalten glatt streichen, durch das Haar fahren, Wurfbewegungen, sich auf die Zunge oder Lippen oder in den Arm beissen, Kopf einschlagen, ausschlagende Bewegungen, sich zwicken oder kratzen, Stossbewegungen, Schreibbewegungen, krümmende Zuckungen, Zunge herausstrecken, küssen, immer wieder den gleichen Brief oder das gleiche Wort schreiben, den Stift zurückziehen während des Schreibens, Papier oder Bücher zerreissen, wiederholen gerade gesehener koordinierter Bewegungen (Echopraxie), unanständige Bewegungen wie zum Beispiel Masturbationsbewegungen (Kopropraxie).
Einfache vokale Tics können sein:
Ächzen, Stöhnen, Schneuzen, Pfeifen, Husten, Schnüffeln, Schmatzen, Bellen, Grunzen, Gurgeln, Räuspern, Rülpsen, Kreischen, Schnalzen, u.u, eee, au, oh und andere Laute
Komplexe vokale Tics können sein:
wiederholtes Ausstoßen obszöner und aggressiver Ausdrücke (Koprolalie), wiederholen von Lauten oder Wörtern, die gerade gehört worden sind (Echolalie), wiederholen von Silben (Palilalie), Sprechstörungen, ungewöhnliche Sprechrhythmen, Rituale wie die Wiederholung eines Satzes bis er „genau richtig“ ist.
Die Koprolalie lässt sich weiter unterteilen in:
- Sexuelle und körperliche Flüche: „Scheixxe, Fixxxn, Basxxxd, Arsxxxxxh“
- Theologische Flüche: „Gottverdammt, Himmel“
- Rassistische und ethnische Beschimpfungen: „Krüppel“
- Komplexe und aggressive sexuelle Beschreibungen: „Sie fetter Bastard einer Hxxe.“
- Komplexe widersprüchliche Äußerungen: „Ich mag sie, ich hasse sie.“
Die Tics können einige Zeit lang unterdrückt werden. Das Auftreten der Tics ist bei manchen Patienten mit einer Missempfindung wie Jucken, Kribbeln oder Brennen verbunden. Diese Missempfindungen werden als sensorische Tics bezeichnet. Die Ausführung des Tics soll zur Verminderung der Missempfindung führen, zum Beispiel durch Blinzeln oder Räuspern. Sämtliche Tics verschlimmern sich häufig bei Stress und werden bei Konzentration schwächer. Während des Schlafes setzen sie aus, das Einschlafen und der Schlaf selbst sind jedoch oft gestört (siehe Schlafstörungen). Die Entspannung vor dem Einschlafen führt oft zu einem Auslösen der Tics.
Selten können sich aggressive Tics entwickeln, die gegen sich oder andere gerichtet sind. So kann es zum Beispiel dazu kommen, dass sich Patienten mit einem Schreibgerät die Augen verletzen oder Zigaretten auf der Haut ausdrücken. Das Verletzen anderer Person ist jedoch äußerst selten.
Diagnose
Die Diagnose erfolgt durch Befragung (Anamnese) des Patienten und Beobachtung der Symptome über einen länger Zeitraum, damit der Schweregrad der Erkrankung erfasst werden kann. Dies wird mithilfe von Fragebögen und Schätzskalen gemacht. Wichtig ist auch die Beurteilung der Krankengeschichte des Patienten selbst und seiner Familie. Es gibt aber keine spezifische Untersuchung, weder labortechnisch noch bildgebend. Jedoch können eine Messung der Gehirnströme (Elektroenzephalogramm, EEG) und ein Verfahren zur Herstellung von virtuellen Schnittbildern (Single-Photon-Emissionscomputertomographie, SPECT) des Gehirns zur Abgrenzung des Tic-Syndroms von anderen Erkrankungen dienen.
Differentialdiagnose
Es ist schwierig, motorische Tics von Zwangsstörungen zu unterscheiden.
Zwangsstörungen sind mit zwanghaften Befürchtungen verbunden, sodass ein ängstliches Unwohlsein entsteht, wenn die Handlung unterdrückt wird. Wie auch bei Tics ist eine bestimme Anzahl an Wiederholungen der Handlung notwendig um die zwanghaften Befürchtungen abwenden zu können. Die Befürchtungen sind dem Patienten allerdings nicht verständlich oder sogar unsinnig, wogegen Patienten mit einer Tic-Störung die vorhergehende Missempfindung als fassbar erleben. Die Zwangshandlungen selbst werden willentlich, gezielter und langsamer ausgeführt als die Bewegungen bei motorischen Tics. Außerdem sind Tics von Anfang an für andere sichtbar, Zwänge können jedoch oft lange verheimlicht werden. Auch die Prognose beider Erkrankungen ist unterschiedlich: Im Vergleich zu Tics ist ein vollständiges Nachlassen (Remission) der Zwangsstörung eher selten.
Die motorischen Tics müssen von raschen unwillkürlichen Muskelzuckungen (Myoklonien) und Bewegungsstörungen (Dystonien) unterschieden werden. Tics können für einen gewissen Zeitraum unterdrückt werden, Myoklonien dagegen gar nicht und Dystonien nur bis zu einem gewissen Grad. Zusätzlich werden Tics von einer vorausgehenden Missempfindung begleitet, die die eigentliche Bewegung auslöst. Diese sensorische Komponente ist der wesentliche Unterschied zu anderen Bewegungsstörungen.
Therapie
Viele der Patienten lernen mit der Zeit selbst mit ihren Tics umzugehen und benötigen weder eine psychotherapeutische (siehe auch: Physiotherapie) noch eine medikamentöse Behandlung. Sollte aber eine Therapie benötigt werden, kann diese nur symptomatisch erfolgen, d.h. die Symptome, also die Tics selbst, werden behandelt, die Ursache jedoch ist meist ungeklärt und kann nicht therapiert werden.
Oft ist eine Verhaltenstherapie sinnvoll, in der gelernt werden soll wie man die Tics im Alltag meistert. So werden die Tics bei Konzentration auf eine Sache oder eine Handlung schwächer, bei Stress jedoch stärker. Eine medikamentöse Therapie wird meist nur bei chronischen Tics eingesetzt, die länger als ein Jahr dauern oder die für die Umgebung so erschreckend sind, dass der Patient zu sehr eingeschränkt wird. Auch bei aggressiven Tics, die gegen den Patienten selbst oder andere Menschen gerichtet sind, ist eine medikamentöse Behandlung sinnvoll. Die wirksamsten Tic-reduzierende Medikamente sind Neuroleptika wie Haloperidol, Pimozid und Fluphenazin, deren Wirkung durch die Beeinflussung von Dopamin-Rezeptoren zustande kommt. Jedoch muss hier zwischen dem Nutzen der Therapie und den eventuellen Nebenwirkungen der Medikamente abgewogen werden. Die Einnahme von Neuroleptika führen zu Müdigkeit und nachlassender Motivation, was vor allem bei Schulkindern problematisch ist. Zusätzlich bergen Neuroleptika das Risiko einer Störung von Bewegungsabläufen (Dyskinesie), weswegen sie nur in schweren Fällen verschrieben werden sollten. Clonidin, Tiaprid und Sulpirid sind zwar weniger nebenwirkungsreich, aber dafür auch nicht so effektiv.
Achtung:
Medikamente, die zur Behandlung von Hyperaktivität oder Zwangsstörungen bei Kindern eingesetzt werden, können zu einer Zunahme der Tics führen!
Prognose
Bei etwa 60% der Patienten kommt es zu einer spontanen vollständigen Remission oder zumindest zu einer erheblichen Besserung. Wenn die Erkrankung bereits im Kindesalter aufgetreten ist, sind die Chancen auf eine Besserung noch höher, etwa zwei Drittel werden hier gegen Ende des ersten oder Anfang des zweiten Lebensjahrzehnts frei von Tics.
Zusammenfassung
Tics sind plötzliche, schnelle, sich wiederholende Bewegungen oder Lautäußerungen. Sie können mit einer wachsenden Spannung vorübergehend unterdrückt werden. Sie werden wie ein innerer Zwang erlebt und haben oft Missempfindungen in den betreffenden Körperregionen, die zur Ausführung der Bewegung führen. Die Diagnose erfolgt durch genaue Befragung (Anamnese) und Beobachtung des Patienten über einen längeren Zeitraum. Die Therapie ist symptomatisch und häufig auch psychotherapeutisch. Manche Patienten lernen aber auch ohne Therapie mit ihrer Erkrankung zurechtzukommen. Eine medikamentöse Therapie mit Neuroleptika wird nur in Fällen von extremen Leidensdrucks empfohlen. In vielen Fällen kommt es zu einer Besserung oder sogar zum vollständigen Nachlassen der Tics.
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