Beckenschiefstand - Was steckt dahinter?

Einleitung

Als Becken (auch: Pelvis) bezeichnet man im Allgemeinen eine Gruppe von drei Knochen, die miteinander eine funktionelle Einheit bilden.
Diese sind zum Einen die beiden Hüftbeine mit dem Hüftschaufeln und mittig das Kreuzbein. Sie bilden zusammen den sogenannten Beckengürtel oder Beckenring.
Insgesamt stellt das Becken die Verbindung zwischen der Wirbelsäule und den Beinen dar und ist für die Gesamtstabilität und die Haltung des menschlichen Körpers von großer Bedeutung.

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Häufig ist das Becken in der waagrechten Achse nicht ganz symmetrisch, was als Beckenschiefstand bezeichnet wird.
Studien zufolge ist dies bei der Mehrheit der Menschen der Fall, meist ist der Schiefstand jedoch nur leicht ausgeprägt und bereitet keine weiteren Beschwerden.

Treten hingegen Schmerzen oder andere Beschwerden ein, spricht man von einem pathologischen Beckenschiefstand.
Man unterscheidet dabei zwei Formen, den funktionellen und den strukturellen Beckenschiefstand.
Beim strukturellen Beckenschiefstand besteht meist eine Beinlängendifferenz, was bedeutet dass die Beine unterschiedlich lang sind.

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Der funktionelle Beckenschiefstand hingegen kommt aufgrund von muskulären Verspannungen, falscher Haltung oder gar Erkrankungen wie Skoliose (also einer Wirbelsäulenverkrümmung) zustande.

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Ursachen

Als Ursachen für einen Beckenschiefstand kommen viele Faktoren in Frage.

Einem strukturellen Beckenschiefstand beispielsweise liegt meist eine Beinlängendifferenz zugrunde, die meist anlagebedingt ist. Um dennoch eine gerade und aufrechte Haltung ermöglichen zu können, passt sich der Körper durch Kippen in der Hüfte an diese Situation an.

Nicht immer sind aber unterschiedlich lange Beine pathologisch. Erst wenn die Differenz einen gewissen Wert überschreitet, führt es meist zu Beschwerden.
Wenige Millimeter bereiten meist keine Probleme, doch ab einem Unterschied von etwa sechs bis sieben Millimeter oder mehr sollte dies genauer abgeklärt werden, um langfristige Fehlbelastungen frühzeitig zu verhindern.

Die Beinlängendifferenz kann aber auch erst im Laufe des Lebens erworben werden, beispielsweise durch einen Unfall, Prothesen oder andere Erkrankungen wie etwa Arthrose in großen Gelenken.
Auch hierbei haben Betroffene nach dem Ereignis meist einen Beckenschiefstand.

Ein funktioneller Beckenschiefstand kommt eher durch das dysbalancierte Zusammenwirken von Muskulatur und Bandapparat zustande, was letztlich eine Fehlhaltung hervorruft.

Häufig führen einseitige Verspannungen der Muskulatur im Gesäß oder im Bereich der Lendenwirbelsäule zu einer Fehlposition des Beckens.
Begünstigende Faktoren dafür sind sehr langes Sitzen, Bewegungsarmut und Fehlhaltungen, wie beispielsweise am Computer. Werden die Verspannungen gelöst beziehungsweise wieder behoben, verschwindet meist auch der Beckenschiefstand.

Eine andere Ursache für einen funktionellen Beckenschiefstand kann auch eine Skoliose sein. Sie kann zum einen einen Beckenschiefstand bewirken, es ist aber auch möglich, dass ein Beckenschiefstand langfristig durch die damit einhergehende Fehlhaltung der Wirbelsäule zu einer Skoliose führt.

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Symptome

Schmerzen

Das wohl führende Symptom eines klinisch relevanten Beckenschiefstands sind Schmerzen.

Dabei handelt es sich primär meist um Rückenschmerzen.
Diese wiederum führen dann häufig zu Fehlhaltungen und Fehlbelastungen, welche dann langfristig dazu führen können, dass auch andere Körperregionen in Mitleidenschaft gezogen werden.

Beispielsweise klagen dann Betroffene neben den ursprünglichen Rückenschmerzen über Nacken- und Schulterschmerzen mit häufigen daraus resultierenden Spannungskopfschmerzen.

In manchen Fällen empfinden Betroffene jedoch auch Schmerzen in den Beinen, etwa im Knie- oder Fußgelenk.

Die Schmerzsymptomatik tritt dann meist bevorzugt nach langem Sitzen oder Stehen auf und ist primär Ausdruck für Verschleiß an den Gelenkstrukturen.
Langfristig bedeutet dies, dass die Schmerzen im unbehandelten Zustand auch nicht besser werden oder gar verschwinden, sie werden in der Regel durch die langfristige Belastung nur noch schlimmer.

Diagnostik

Für die Diagnose eines Beckenschiefstandes findet zunächst eine orthopädische Untersuchung durch den behandelnden Arzt statt.
Er beurteilt dabei die Wirbelsäule und die Beckenknochen und kann beispielsweise durch Abtasten feststellen, ob Verkrümmungen, Asymmetrien oder sonstige Abweichungen vom Normalbefund vorliegen.
Auch ein geschulter Blick kann bereits Muskelverspannungen oder subtile Zeichen einer Fehlstellung durch bloßes Anschauen erkennen.

Gibt es den Verdacht auf eine Beinlängendifferenz werden beide Beine ausgemessen um die Differenz somit genau zu quantifizieren.

Weiterhin gibt es bildgebende Verfahren, die für die weitere Abklärung eine genauere Beurteilung ermöglichen.
Zum Einen kann man durch eine Röntgenuntersuchung beispielsweise gut einen strukturellen Beckenschiefstand erkennen.

Ein weiteres Verfahren ist die sogenannte 3D-Wirbelsäulenmessung.
Damit kann sich der Arzt mit Hilfe von Lichtstrahlen, die auf den Rücken und das Becken des Patienten projiziert werden, ein sehr detailliertes, dreidimensionales Bild auf dem Computer darstellen lassen. Der größte Vorteil dieser Methode ist sicherlich, dass es komplett auf Röntgenstrahlung verzichtet.

Dadurch ist es auch für Kinder und für häufige Verlaufskontrollen besonders gut geeignet.

Therapie / Behandlung

Die Behandlung eines Beckenschiefstands kann sehr unterschiedlich aussehen. Grundsätzlich wird er aber erst behandelt, wenn der Beckenschiefstand auch tatsächlich zu Beschwerden führt oder der dieser so groß ist, dass sich die Wirbelsäule kompensatorisch verkrümmt.

Für die Wahl des passenden Therapieansatzes muss dann im Vorhinein zunächst die genaue Ursache abgeklärt werden.

Handelt es sich beispielsweise um einen strukturellen Beckenschiefstand aufgrund von Beinlängendifferenz, ist das primäre Ziel der Behandlung der Ausgleich dieser Differenz. Ist diese nur wenige Millimeter bis maximal etwa ein Zentimeter groß, kann dies meist durch orthopädisch individuell angepasste Schuheinlagen problemlos ausgeglichen werden.
Es sollte nach Anlage der Schuheinlagen jedoch eine Verlaufskontrolle stattfinden, bei der kontrolliert wird, ob die Einlagen auch wirklich gut passen und zum gewünschten Ziel führen.
Sollte dies nicht der Fall sein, hat der Orthopäde jederzeit die Möglichkeit, Anpassungen daran vorzunehmen und somit künstlich generierte Fehlbelastungen auszuschließen.

Ist die Beinlängendifferenz jedoch etwas größer und beträgt bis zu drei Zentimeter rät der Orthopäde meist zu einer Absatz- beziehungsweise Schuhsohlenerhöhung.

Bei noch größeren Beinlängendifferenzen sollte die Möglichkeit einer korrigierenden Operation erwogen werden.
Es handelt sich hierbei jedoch um ein sehr langwieriges Behandlungskonzept, weshalb diese Option auch nur bei entsprechendem Beschwerdebild hinzugezogen werden sollte.
Bei dieser Operation wird künstlich eine Wachstumsfuge in den Oberschenkelknochen des kürzeren Beines gebohrt, um dann durch Anlage von Zugschrauben ein Knochenwachstum an dieser Stelle zu erzwingen. Die Schrauben werden direkt in den Knochen angebracht und sollen ihn zum einen fixieren und zum Anderen leichten Zug ausüben.
Man bezeichnet dieses System auch als automatisierten Innenfixateur, da sich dieses eingebaute System von Außen mithilfe ein passenden Programms verstellen lassen.
Meist können Betroffene einige Wochen nach der Operation das Krankenhaus wieder verlassen und müssen lediglich im Rahmen von Kontrolluntersuchungen zum Orthopäden, der dieses System dann immer wieder neu anpasst. Insgesamt kann sich diese Art der Therapie jedoch über mehrere Jahre hinwegziehen.

Handelt es sich hingegen um einen funktionellen Beckenschiefstand, ist das Behandlungskonzept vollkommen verschieden.
Oft liegen Muskelverspannungen zugrunde, die meist einseitig lokalisiert sind. Diese lassen sich mithilfe von gezielter Physio- und Ergotherapie lockern.

Außerdem kann man durch gezieltes Training wichtige Muskelgruppen der Gegenseite trainieren und somit langfristig eine aufrechte, stabile Haltung erzielen.
Dann verschwindet auch der Beckenschiefstand und die entsprechenden Folgen meist wieder von alleine. Auch Bewegungen im Alltag werden trainiert, um chronische Fehlbelastungen zu vermeiden.
Und nicht zuletzt können auch Entspannungsübungen wie Yoga hierbei unterstüzend mitwirken.

Besteht der funktionelle Beckenschiefstand aufgrund einer Skoliose, sollte diese zunächst behandelt werden. Mögliche Therapieansätze hierfür wären zum Einen das Tragen eines Wirbelsäulenkorsetts, aber auch Krankengymnastik mit physiotherapeutischen Übungen zur Muskelkräftigung sind dabei von großer Bedeutung.

Das Behandlungkonzept bei einer Skoliose ist zudem abhängig vom Alter des Betroffenen, als auch vom Schweregrad der Verkrümmung selbst.
Als allerletzte Option gibt es auch die Möglichkeit der Operation. Diese wird allerdings meist nur bei sehr stark ausgeprägten Verkrümmungen der Wirbelsäule durchgeführt.

Beckenschiefstand einrenken

Eine andere Form des Beckenschiefstands kann durch eine mechanische Blockade, auch sogenanntes Verrenken entstehen.

Auch hierbei handelt es sich definitionsgemäß um einen funktionellen Beckenschiefstand. Dieser kann jedoch relativ einfach mithilfe von manueller Therapie behandelt werden.
Diese sollte durch eine erfahrene Person erfolgen, die dann mit einem speziellen Handgriff meist das betroffene Gelenk wieder einrenken kann.
Die umgebende Muskulatur, die zuvor durch die Blockade womöglich verpannt war, entspannt sich dann meist durch das Einrenken wieder von selbst und der Beckenschiefstand ist somit in den meisten Fällen vollständig behoben.

Einlagen bei einem Beckenschiefstand

Einlagen oder Schuhsohlenerhöhungen sollten immer dann zum Einsatz kommen, wenn eine symptomatische Beinlängendifferenz besteht. Dadurch kann meist ein Ausgleich geschaffen werden, bei dem der zuvor entstandene Beckenschiefstand verschwindet.

Auch chronischen Fehlbelastungen mit verstärkten Verschleißerscheinungen kann man hiermit relativ einfach und frühzeitig vorbeugen. Die Einlagen sollten dazu jedoch immer von einem Orthopäden individuell verordnet werden und im Verlauf im Rahmen von Kontrolluntersuchungen gegebenenfalls angepasst werden.

Lesen Sie mehr zum Thema: Schuheinlagen

Folgen und Auswirkungen eines Beckenschiefstandes

Die häufigste Folge eines Beckenschiefstandes ist die oben bereits beschriebene Schmerzsymptomatik.

Besteht der Schiefstand allerdings für eine lange Zeit, kann es als chronische Folge auch zur Ausbildung einer Skoliose (also einer Wirbelsäulenverkrümung) kommen.
Diese entsteht dadurch, dass der Rücken versucht, die Fehlhaltung permanent auszugleichen. Dies gelingt durch den besonderen Aufbau der Wirbelsäule auch meist relativ gut.

Dauert diese Situation jedoch längerfristig an, kommt es durch die verstärkte Abnutzung zu Umbauprozessen und Verkrümmungen an der Wirbelsäule, die meist nicht mehr ohne Weiteres reversibel sind.
Zudem wird eine Skoliose während der Enstehungszeit von Betroffenen meist als ziemlich schmerzhaft empfunden.
Ist die Skoliose einmal entstanden, befindet sich die Wirbelsäule in einer seitlichen Verkrümmungslage, was wiederum zu weiteren Beschwerden führen kann.
Beispielsweise kann es dann zu Bandscheibenvorfällen, Veränderungen an den Wirbelkörpergelenken und sogar zu Nerveneinklemmungen kommen, die wiederum mit Sensibilitätsausfällen einhergehen können.

Außerdem können auch in Gelenken des Beckenrings selbst (Iliosakralgelenk, ISG) oder in darunter liegenden Gelenken wie dem Kniegelenk oder dem Sprunggelenk Verschleißerscheinungen auftreten.
Diese gehen meist mit Knorpelschäden einher und führen dauerhaft zu einer Bewegungseinschränkung der betroffenen Extremität.

Zusammenfassung

Ein Beckenschiefstand kann diverse zugrundeliegende Ursachen haben. Man unterscheidet dabei prinzipiell zwischen einem strukturellen und einem funktionellen Beckenschiefstand.

Die Diagnostik ist meist mit wenig Aufwand verbunden und lässt sich ohne Strahlenbelastung auch sehr schonend für den Patienten gestalten.

Je nach Ursache stehen unterschiedliche Therapiekonzepte zur Verfügung, mit denen sich aber in den meisten Fällen bei professioneller Anwendung gute Ergebnissen erzielen lassen.

Die Prognose eines Beckenschiefstandes ist somit insgesamt bei frühzeitiger Therapie sehr gut und in vielen Fällen sogar vollständig reversibel.

Weitere Informationen

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter:

Eine Übersicht aller Themen aus dem Bereich der Orthopädie finden Sie unter: Orthopädie A-Z

Qualitätssicherung durch: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 15.01.2018
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