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Marfan-Syndrom

Synonyme im weiteren Sinne

Typ-1-Fibrillopathie; Arachnodaktyliesyndrom; Spinnenfingrigkeit; Achard-Marfan-Syndrom; MFS

Definition

Beim Marfan-Syndrom handelt es sich um eine seltene, genetisch bedingte Erkrankung des Bindegewebes mit abnormalen Veränderungen an Herz, Gefäßen, Auge und Skelett mit dem Leitsymptom der Lang-, Schmal- oder Spinnengliedrigkeit. Grundlage des Marfan-Syndrom ist eine Genveränderung (Mutation) des Fibrillin-1-Gens die entweder autosomal-dominant von den Eltern vererbt werden kann oder vereinzelt als Neumutation auftreten kann.

Epidemiologie

Mit einer Prävalenz (Krankheitshäufigtkeit) von 1:10.000 und ca. 8000 betroffenen Menschen in Deutschland, kann das Marfan-Syndrom zu den seltenen Erkrankungen gezählt werden. Männer und Frauen sind davon gleich stark betroffen, da die Erkrankung nicht die Geschlechtschromosomen betrifft. Seinen Namen erhielt das Marfan-Syndrom von einem seiner Erstbeschreiber, Antoine Marfan, der 1896 bei einem kleinen Mädchen abnorm lange und schmale Finger beobachtete.

Das Bindegewebe

Das Bindegewebe des menschlichen Körpers befindet sich außerhalb der Zellen, man spricht auch von der extrazellulären Matrix die überall im Körper vorkommt. Zu finden ist es vor allem im Knochen, Knorpel, Sehnen und Blutgefäßen, aber auch in allen anderen Organsystemen hat das Bindegewebe die Aufgabe zu binden, zu umhüllen und als Leitstruktur zu dienen. Zusammengesetzt wird das Bindegewebe aus Proteinen (Aminosäuren) und Zuckerketten (Saccharide). Diese Proteine können sich mit den Zuckerketten zu großen Aggregaten zusammenlagern und bilden dann z.B. die Kollagenfibrillen (Bausteine der Kollagenfasern) der Knochen oder der Haare. Auch die Mikrofibrillen des Bindesgewebes sind solche Aggregate, die aus Fibrillin-Bestandteilen, weiteren Proteinen und Zuckern zusammengesetzt sind. Diese Mikrofibrillen kommen in den meisten Bindegeweben vor und sind immer an der Oberfläche von elastischen Fasern zu finden, die z.B. den Geweben der Haut ihre Elastizität verleihen. Aber auch in den Fasern von Knorpeln und Sehnen haben sie ihre Aufgaben. Von jedem der unterschiedlichen Fibrilline, die das Rückgrat der Mikrofibrillen bilden, befindet sich die genetische Information, die zur Herstellung dieser Proteine benötigt wird, auf verschiedenen Chromosomen.

Zu den Aufgaben des Fibrillin-1 gehört unter anderem die Bildung von Mikrofibrillen, dazu muss es aber bei seiner Herstellung (Synthese) in der Zelle (Fibroblast) richtig gefaltet worden sein, also die richtige Struktur angenommen haben. Bei der Bildung der Mikrofibrillen benötigt das Fibrillin verschiedene Helfermoleküle, die bei der Quervernetzung der Fibrillen zur Stabilisierung notwendig sind. Dazu gehört auch das Kalzium.

So ist es auch verständlich, dass das Fehlen von funktionstüchtigen Mikrofibrillen zu einer Erweiterung der Hauptschlagader (Aortendilatation) führen kann, da ihre stabilisierende Funktion durch den Defekt des Fibrillins entfällt.

Das übermäßige Wachstum der Gliedmaßen ist auf die fehlende regulierende Funktion der Mikrofibrillen im Längenwachstum der Röhrenknochen zurückzuführen. Ebenso verhält es sich bei den Zonulafasern des Auges (Aufhängeapparat der Augenlinse) die immens an Stabilität verlieren und so zum „Linsenschlottern“ führen.

Um also diese notwendige korrekte Faltung der Fibrillen und deren Aggregatbildung vorzunehmen, müssen diese an Kalzium gebunden werden, das sie vor allem auch vor dem vorzeitigen Abbau beschützt. Oft ist aber genau die Region im Fibrillingen von der Mutation betroffen, die für die Kalziumbindung verantwortlich ist. Folglich kann dann die Faltung fehlschlagen und die Mikrofibrillen sind einem beschleunigten Abbau ausgesetzt.

Zusammengefasst sind also für die verschiedenen Symptome des Marfan-Syndrom geschwächte oder gar fehlende Mikrofibrillen verantwortlich, die aufgrund eines defekten Fibrillin-Gens nicht ordnungsgemäß aufgebaut werden konnten.

Therapie

Erster Schritt der Therapie des Marfan Syndrom ist in der Regel ein sofortiges Anpassen der Lebensweise nach Diagnosestellung. Schwere Verletzungen wie ein Schleudertrauma (Akzelerationstraumata) oder Zusammenstöße mit anderen, wie sie beim Basketball, Volleyball oder Fußball vorkommen, sollten beim bestehenden Marfan-Syndrom möglichst vermieden werden, da hierdurch die Gefahr einer Aufspaltung der Aorta (Dissektion) erhöht werden kann. Dies ist gerade deswegen problematisch, da viele Patienten mit Marfan-Syndrom aufgrund ihrer Körpergröße Sportarten wie Basketball gewählt haben. Die gleiche Gefahr findet sich bei Sportarten, bei denen maximal erhöhte Blutdruckwerte (Blutdruckspitzen) auftreten, wie es z.B. beim Bodybuilding der Fall ist. Eine regelmäßige Kontrolle des Zustands der betroffenen Gefäße ist in jedem Fall bei einem Marfan-Syndrom angezeigt. Bei einem Aortendurchmesser von unter 40 Millimetern ist eine jährliche Kontrolle ausreichend. Ist die Gefahr einer Ruptur der Aorta gegeben, ist eine Operation unumgänglich.

Bei dringendem Kinderwunsch, Familienanamnese mit Aufspaltung der Aorta oder gleichzeitig bestehendem mangelndem Verschluss der Herzklappen (Aorten- oder Mitralklappeninsuffizienz) kann eine Operation schon bei einer Ausweitung der Aorta (Aneurysma) von 50 Millimetern erfolgen. Die Letalität des Eingriffs steigt von 1% bei geplanten Operationen auf 27% bei Notfalloperationen.

In Regel besteht die Technik darin, den erweiterten Teil der Aorta zu entnehmen (Operation nach Bentall). Hierbei werden die aufsteigende Aorta und die Aortenklappe durch eine klappentragende „Composite“-Prothese ersetzt. Nachteilig ist bei diesem Verfahren die lebenslang notwendige Einnahme von Blutgerinnungshemmern (Antikoagulantien). Um das zu vermeiden wird vermehrt die klappenerhaltende Technik nach David oder Yacoub angewandt, wobei nur die Aorta durch eine Prothese ersetzt wird. Oft degeneriert die erhaltene Klappe aber im Lauf der Jahre, was eine zweite Operation notwendig macht. Liegt dagegen eine Schwäche der linken Herzklappe vor (Mitralklappeninsuffizienz) sollte diese durch eine Klappenprothese ersetzt werden, um eine weitere Aufweitung der aufsteigenden Aorta zu vermeiden. Auch hier wird eine lebenslange Hemmung der Blutgerinnung unvermeidbar. Findet eine Rekonstruktion der Mitralklappe statt, kann auf diese Medikamente verzichtet werden, was vor allem bei jungen Patienten von Vorteil ist.

Die Therapie der Linsenluxation besteht in der Regel in der operativen Entfernung der Linse und der Versorgung mit einer entsprechend stark brechenden Brillenkonstruktion oder das Entfernen der überlangen Linsenfasern mit Erhalt der Linse und des Augenlichts. Oft ist aber auch eine Korrektur der Kurzsichtigkeit durch das Anpassen einer Brille oder Kontaktlinsen ausreichend.

Im Bereich des Skelettsystems kann die bei der Hälfte der Patienten auftretende Skoliose der Wirbelsäule durch ein Korsett vor allem bei Kindern hilfreich sein. Ziel ist es, eine Verschlechterung der verbogenen Wirbelsäule während des Wachstums zu verhindern. Eine permanente Begradigung bewirkt sie jedoch nicht. Liegt eine Skoliose über 40 Grad vor, sollte eine operative Begradigung der Wirbelsäule durch einen Orthopäden in Betracht gezogen werden, um Lungenproblemen und Rückenschmerzen vorzubeugen.

Eine Therapie der Trichter- oder Kielbrust wird in den meisten Fällen nur aus kosmetischen Gründen vorgenommen, nur in den seltensten Fällen liegt eine Kompression von Lunge, Herz oder Aorta vor, die operativ behoben werden muss.

Die Beschwerden im Falle eines Plattfußes können durch Einlagen und angemessenes Schuhwerk Schmerzen lindern und den Gehkomfort verbessern. Nur selten ist eine operative Wiederherstellung des Fußgewölbes bei einem Marfan-Syndrom notwenig.

Die Vorwölbung der Hüftpfanne wird nur bei ca. 5% der betroffenen Erwachsenen aufgrund von Hüftschmerzen und Bewegungseinschränkungen behandlungspflichtig und wird mit einem künstlichen Hüftgelenk therapiert.

Prophylaxe

Der prophylaktische Einsatz von Blutdruck senkenden Medikamenten, den Betablockern, zur Verzögerung der Erweiterung der Aorta, zeigt sich vor allem bei jüngeren, nicht operierten Patienten mit Marfan-Syndrom als effektiv. Bei älteren oder bereits behandelten Patienten konnte keine Wirksamkeit festgestellt werden.

Eine Endokarditisprophylaxe, also einer Antibiotikatherapie zur Vermeidung einer Entzündung der Herzinnenhaut, ist bei Marfan-Patienten bei allen Eingriffen oder größeren Verletzungen vorzunehmen, da sie hierfür infolge der geschädigten Gefäße und Herzklappen besonders anfällig sind.

Prognose

Die Marfan Syndrom Lebenserwartung ist bei unbehandelten Patienten deutlich erniedrigt. Mit optimaler Therapie können jedoch bis zu 60 Lebensjahre erreicht werden, vorausgesetzt, es findet eine frühzeitige Diagnose der Erkrankung sowie ihrer lebensbedrohlichen Komplikationen statt. Jedoch ist die prognostische Einschätzung bei Patienten, die nicht alle Kriterien für eine Erkrankung erfüllen, problematisch. Da das Marfan-Syndrom ein phänotypisches Kontinuum ist, das vom neonatalen Marfan-Syndrom mit einer Lebenserwartung von unter einem Jahr bis zur milden Ausprägung ohne äußere Manifestationen und fast ohne Komplikationen im Herz- und Gefäßbereich reichen kann, fällt es oft schwer, den zeitlichen Verlauf genau einzuschätzen.

Weiterführende Informationen

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Qualitätssicherung durch: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 01.03.2019
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