Therapie akutes LWS-Syndrom

Was viele Patienten nicht wissen, schon in der Akutphase eines Bandscheibenvorfalles kann durch physiotherapeutische Anwendungen eine deutliche Beschwerdelinderung herbeigeführt werden.
Die physiotherapeutische Behandlung beim Bandscheibenvorfall richtet sich in erster Linie nach den aktuellen Beschwerden des Patienten, sowie der Phase der Erkrankung.

Während der akuten Phase des LWS Syndrom sollte das Hauptaugenmerk des Physiotherapeuten auf der schnellen Schmerzlinderung liegen. Die charakteristischen Schmerzen beim Bandscheibenvorfall entstehen dadurch, dass von der geschädigten Bandscheibenstruktur ein Druck auf die im Zwischenwirbelloch der Wirbelsäule austretenden Nervenwurzel ausgeübt wird. Im Rahmen der Physiotherapie wird also zunächst versucht, diesen Druck durch gezielte Lagerungen, Mobilisationstechniken sowie manualtherapeutische Techniken zu verringern.

Die Stufenlagerung

Eine ganz einfache Lagerungsposition, die häufig bereits eine deutliche Schmerzreduktion bei einem LWS Syndrom bewirkt ist die sogenannte Stufenbettlagerung.

Hierbei liegt der Patient in Rückenlage, die Beine werden auf einem Schaumstoffwürfel abgelegt, wobei die Hüftgelenk- und Kniegelenke annähernd einen 90° Winkel aufweisen sollten.

Der Lagerungswinkel der Beine kann auch individuell, je nach bequemster Position, variiert werden. Manche Patienten bevorzugen bei einem LWS Syndrom eine etwas flachere Lagerung in dem sie sich eine Wolldecke o.ä. unter die Unterschenkel legen. Die Liegefläche sollte eher hart sein. Ziel ist durch diese entlordosierte (das Hohlkreuz ausgleichende) Lagerung die Lendenwirbelsäule zu entlasten und die Zwischenwirbellöcher (Neuroforamen) für die bedrängten Nervenwurzeln zu erweitern. Gut ergänzen lässt sich diese Lagerung durch eine lokale Wärmeanwendung, indem man ein flaches Warmpack, eine Wärmflasche oder ein warmes Handtuch unter die Lendenwirbelsäule legt, ohne natürlich in eine erneute Hohlkreuzposition zu gelangen. Diese Positionierung ist in der akuten Schmerzphase des LWS Syndrom sehr gut zur Eigenbehandlung für zu Hause geeignet.

Der Schlingentisch

Eine noch wirkungsvollere Lagerungsposition bei einem LWS Syndrom, die im Prinzip den gleichen Effekt nutzt wie die Stufenbettlagerung, ist die die Becken-Bein Aufhängung im sogenannten Schlingentisch. Eine Schlingentischbehandlung bieten vorwiegend physiotherapeutische Praxen oder physiotherapeutische Abteilungen in Kliniken an. In diesem speziellen Gerät werden das Becken und die Beine in besonderen Gurtsystemen fixiert und in der oben beschriebenen Positionierung ausgerichtet. Durch die Schlingenkonstruktion wird eine gewisse „Schwerelosigkeit“ simuliert und die Entlastung für die Bandscheibenstrukturen bringt häufig eine erhebliche Besserung der Beschwerden.

Die Traktionsbehandlung

Eine weitere effektive physiotherapeutische Behandlungsmethode des Bandscheibenvorfalles (Prolaps) ist die Traktionsbehandlung (Streckbehandlung). Dabei wird manuell (durch den Physiotherapeuten / Krankengymnasten), oder im Schlingentisch über ein Zusatzgewicht, ein Zug in Längsrichtung der Wirbelsäule ausgeführt. Durch diesen dosierten Zug versucht man, die Wirbelkörper minimal auseinander zu ziehen und die betroffenen Bandscheiben und Nervenwurzeln zu entlasten. Allerdings sollte diese Therapie des LWS Syndroms nur von einem qualifizierten Therapeuten durchgeführt werden, der die Intensität der Traktion der jeweiligen Situation angepasst dosieren kann.

Physikalische Therapie

Von den pysikalischen Therapiemaßnahmen des LWS Syndrom versprechen Wärmeanwendungen (Thermotherapie) in der Akutphase eine Beschwerdelinderung, da durch die Einwirkung einer Fangopackung oder anderer Wärmemedien eine Entspannung der häufig schmerzhaft verkrampften Muskulatur erreicht wird. Eine Massagetherapie ist in der Akutphase eines Bandscheibenvorfalles häufig nicht empfehlenswert, da durch intensive Grifftechniken eine zusätzliche Reizung der betroffenen Nervenstrukturen erfolgen kann. Weiterhin können natürlich die Möglichkeiten der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ausgeschöpft werden. Der bekannteste Teilbereich der TCM ist sicherlich die Akupunktur, jedoch auch die Moxa-Therapie (Abbrennen von Heilkräutern auf Akupunkturpunkten) oder auch Fußreflexzonentherapie können erfolgreich zur Anwendung kommen.

Die krankengymnastische Behandlung eines Bandscheibenvorfalles der Halswirbelsäule in der Akutphase ähnelt sehr stark der Physiotherapie beim HWS - Syndrom.

Muskeltraining

In der subakuten (die stärksten, immobilisierenden Schmerzen sind überstanden) Phase des LWS Syndroms/ Bandscheibenvorfalles zählt zu den wichtigsten Aspekten der krankengymnastischen Behandlung ein gezieltes Training der Rumpfmuskulatur (Bauch- und Rückenmuskulatur). Die oben erwähnten Therapiemethoden und auch die ärztliche Behandlung sind in erster Linie symptomorientiert.
Einen lang anhaltenden und präventiven Therapieeffekt erzielt man dagegen nur durch ein gut durchgeführtes Muskelaufbautraining und durch das Erlernen eines rückengerechten Alltagsverhaltens. Wurde in den letzten Jahren dabei großer Wert auf das Auftrainieren der Rücken- und Bauchmuskulatur gelegt, zeichnet sich in letzter Zeit eine Trendwende ab. Neuere Konzepte vernachlässigen den Aspekt des Bauchmuskeltrainings immer mehr und setzten die Schwerpunkte eindeutig im Training der Rückenmuskulatur. Auch ist es durchaus sinnvoll, nach einem Bandscheibenvorfall die Rotationsbewegungen der Wirbelsäule zu beüben (in einem gewissen zeitlichen Abstand). Komplexere Übungen, wie zum Beispiel die Rotationskomponente der Wirbelsäule, sollten jedoch nur unter fachlicher Anleitung in einer physiotherapeutischen Praxis oder einem Fitnessstudio mit physiotherapeutischer Betreuung erfolgen, da durch ein fehlerhaftes Training mehr Schaden als Gutes angerichtet werden kann. Auch ein Training mit freien Gewichten (Hanteln) rückt wieder mehr in den Vordergrund.

Einfachere, aber dennoch wirkungsvolle Übungen sind jedoch auch ohne größeres Fachwissen und Geräte gut zu Hause durchzuführen. So sind beispielsweise Übungen im Vierfüßlerstand sehr gut geeignet, um die gesamte Rückenmuskulatur effizient zu stärken. Wichtig ist dabei in erster Linie, auf eine gute Ausgangsstellung zu achten. So sollte die komplette Wirbelsäule muskulär stabilisiert werden, um Ausweichbewegungen zu vermeiden.

Manuelle Therapie

Ein weiteres wichtiges Krankheitsbild, welches sehr häufig zu einem akuten LWS-Syndrom führt, ist die „Blockierung“ eines oder mehrerer Wirbelgelenke. Eine Blockierung, im medizinischen Sprachgebrauch als segmentale artikuläre Dysfunktion bezeichnet, beschreibt eine vorübergehende Bewegungsstörung eines Gelenkes. Klassischerweise berichten Patienten bei einer akuten Blockierung eine Wirbelgelenkes über einen plötzlichen, hexenschussartigen Rückenschmerz, der zur sofortigen Aufgabe jedweder Tätigkeiten führt. Bewegungen sind kaum oder gar nicht mehr möglich. Die Ursache für derartige Blockierungen ist häufig ein ruckartiges Heben von schweren Gegenständen, manchmal aber auch einfach nur eine ungünstige Bewegung in gebückter Position. In kürzester Zeit verspannt sich die umgebende Lendenwirbelsäulenmuskulatur enorm, als Ausdruck dafür, dass der Körper versucht das schmerzauslösende Bewegungssegment (das blockierte Wirbelgelenk) ruhig zu stellen. Blockierungen können aber auch weniger dramatisch ablaufen. Die Patienten beklagen dann eher einen unspezifischen Rückenschmerz oder haben das Gefühl „irgendwie schief zu sein“.

Therapeutische Behandlungsmethoden zielen darauf ab das physiologische (natürliche) Gelenkspiel wieder herzustellen und den blockierten Wirbelkörper aus seiner Zwangslage zu befreien.

Die am häufigsten angewandten Behandlungstechniken um dieses Ziel zu erreichen sind die Manipulationstechniken und die Mobilisationstechniken. Beide Techniken sind Bestandteil der Manuellen Therapie. Bei den Manipulationstechniken werden gezielte, schnelle Impulse in den Bereich der Blockierung gesetzt. In der Bevölkerung wird diese Technik als das klassische „Einrenken“ verstanden.

Die Mobilisationstechniken sind Muskelenergietechniken, die ohne schnelle Impulse arbeiten und die eigene Muskelkraft des Patienten ausnutzen, um das blockierte Wirbelgelenk zu befreien.

Das „Einrenken einer blockierten Wirbelsäule“ ist in Deutschland den Ärzten mit spezieller Zusatzausbildung (Chirotherapie / manuelle Therapie) vorbehalten. Mobilisationstechniken werden, aufgrund der geringeren Komplikationsmöglichkeiten, von Ärzten und Physiotherapeuten, welche in der Manuellen Therapie geschult sind, gleichermaßen ausgeführt. Beide Techniken sind bei sachgemäßer Anwendung gleichermaßen gut geeignet eine Blockierung zu lösen.

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Autor: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 06.05.2012