Vorderer Kreuzbandriss

Englisch: anterior cruciate ligament ruptur

Synonyme im weiteren Sinne

  • VKB-Ruptur
  • Kreuzbandläsion
  • vordere Knieinstabilitätanteriore
  • Knieinstabilität
  • vordere Kreuzbandinsuffizienz
  • chronische Insuffizienz des vorderen Kreuzbandes
  • Kreuzbandruptur
  • Kreuzbandplastik
  • vorderes KreuzbandKreuzbandverletzung

Definition

Ein frischer vorderer Kreuzbandriss ist die vollständige oder teilweise Kontinuitätsunterbrechung (Riss) des Bandes nach Überschreiten der Überdehnungsreserve durch äußere Gewalteinwirkung. Eine alte vordere Kreuzbandruptur ist ein dauerhaft bleibender meist unfallbedingte Bandverletzung.

Ursache für Kreuzbandrisse

Ursachen sind häufig sogenannte "Flexions-Valgus-Außenrotations-Verletzungen". Das heißt, dass das Knie unfreiwillig gebeugt, in die X-Bein-Stellung und nach außen gedreht wird.
Typischerweise beim Skifahren oder Fußball passieren solche Verletzungen bei feststehendem Unterschenkel.
Eine Instabilität des Kniegelenkes durch die Auslockerung des Kapselbandapparates können sich einstellen.
Folge ist eine Entgleisung des Roll-Gleitmechanismus und zunehmenden degenerativen (verschleißbedingte) Knorpelschaden und Meniskus.

Beschwerden und Symptome

Ein wichtiges Symptom bei jeder akuten Bandverletzung am Kniegelenk besteht in einem ausgeprägtem Schmerz, der unmittelbar im Augenblick des Traumas auftritt, anschließend sofort nachläßt und bei erneuter Belastung wiederkehrt.
Durch das Zerreißen der Bandstrukturen kommt es gleichzeitig zuneiner Ruptur von Gefäßen. Dadurch kommt es zu einer Blutung in das Kniegelenk (Hämarthros). Wird bei einer Kniegelenkspunktion Blut punktiert ist dies immer hochverdächtig auf eine Bandverletzung im Kniegelenk.
Individuell verschieden stellt sich nach abklingen der Akutsymptome eine Instabilität des Kniegelenkes ein. Über eine Instabilität wird insbesondere beim Treffenabsteigen geklagt. Teilweise wird ein Kreuzbandriss erst nach Jahren nach dem Unfallereignis diagnostiziert.
Teilweise kann ein vorderer Kreuzbandriss mit einem hinterer Kreuzbandriss kombiniert sein.
Mehr zu den Symptomen eines Kreuzbandrisses lesen Sie unter unserem Thema: Symptome Kreuzbandriss

Diagnose

Die Patienten leiden bei einem Kreuzbandriss teilweise unter stärksten Schmerzen im Kniegelenk, dieses schwillt meistens innerhalb der ersten Stunden an. Der Arzt wird versuchen, mit sogenannten Stabilitätstests das Knie zu untersuchen.
Dies ist wegen der allgemeinen Schmerzhaftigkeit nicht allzu leicht möglich, da der Patient mit seinen Muskeln gegenspannt.
Durch die Untersuchung kann in den meisten Fällen erst einige Tage nach der Riss des vorderen Kreuzbandes festgestellt werden, da erst dann die Schmerzen durch den Unfall soweit reduziert sind, dass der Betroffene sich ohne Abwehrspannung untersuchen lässt.

Ein normales Röntgenbild gibt Aufschluss über eventuell gleichzeitig vorliegende knöcherne Verletzungen. Ein größerer Gelenkerguss sollte punktiert werden, um den Knorpel und die restlichen Weichteile zu entlasten. Wenn der Erguss blutig ist, liegt der Verdacht auf einen Kreuzbandriss nahe, obwohl dies kein Beweis ist.
Mit der allgemeinen Verbreitung der Kernspintomographie, mit der die Kreuzbänder oder deren Reste sehr gut sichtbar sind, lässt sich die Diagnose relativ sicher vorhersagen. Im Bild oben deuten die roten Pfeile auf das gerissen Kreuzband (Ruptur vorderes Kreuzband) hin.
Mit Hilfe der Kernspintomographie kann der Schaden verifiziert werden. Die Schichtaufnahmen zeigen den Verlauf der Kreuzbänder und deren Ansätze am Ober- und Unterschenkelknochen. Im Falle einer Ruptur sind die Faserverläufe nicht durchgängig und die Lokalisation des Ausrisses wird möglich.

Noch vor einigen Jahren müssten alle Patienten aus Mangel an Diagnosemöglichkeiten operiert werden.
Diese Zeiten sind vorbei, da sich mit der Kernspintomographie / MRT - Untersuchung sehr genau der eingetretene Schaden abschätzen lässt und eventuell nötige Operationen geplant werden können. Das Röntgenbild ist normalerweise beim isolierten Kreuzbandriss unauffällig. Da aber ähnliche Symptome z. B. auch durch einen Meniskusriss verursacht werden können, ist es für den Laien schwierig, die Diagnose zu stellen.
Hier nochmal alle Untersuchungsmethoden um eine vordere Kreuzbandverletzung zu diagnostizieren

Klinische Diagnostik durch den Orthopäden:

  • Beurteilung von Knieschwellung, Gelenkerguss, Bewegungsumfang und Bewegungsschmerz
  • Beurteilung des Gangbildes, Beinachsen
  • Beurteilung des Femoropatellargelenkes (Gleitlager der Kniescheibe)
  • Beurteilung der Kniestabilität und Meniskus
  • Muskelatrophie (Verschmächtigung des Muskelreliefs)
  • Beurteilung benachbarter Gelenke
  • Beurteilung von Durchblutung, Motorik und Sensibilität (Gefühl auf der Haut)

Apparative Diagnostik (Diagnose durch Geräte)

Notwendige apparative Untersuchungen
Röntgen
: Kniegelenk in 2 Ebenen, Patella (Kniescheibe) tangential

Im Einzelfall nützliche apparative Untersuchung

  • Röntgen: Kniegelenk p.a. im Stehen in 45 Grad Flexion
  • Friksche Aufnahme (Tunnelaufnahme) um einen knöchernen Ausriss des vorderen Kreuzbandes am Oberschenkelknochen darzustellen
  • Gehaltene Aufnahmen
  • Ganzbeinaufnahmen unter Belastung
  • Funktionsaufnahmen und Spezialprojektionen
  • Sonographie = Ultraschall (z.B. für Meniskus, Bakerzyste)
  • Computertomographie (bei V.a. eine Tibiakopffraktur = Schienbeinkopfbruch)
  • Magnetresonanztomographie (Kreuzbänder, Menisken, Knochenverletzung)
    Das MRT stellt bei einem vorderen Kreuzbandriss die wertvollste Diagnostikum dar, da durch das MRT besonders Teilschäden beurteilt werden können. Ein MRT bei einem Kreuzbandriss hilft die Prognose des Kniegelenks besser einschätzen zu können.
    Lesen Sie hierzu auch unser Thema: MRT bei einem Kreuzbandriss
  • Punktion mit Synovialanalyse (bei Erguß im Knie (Wasser im Knie) und Blut im Kniegelenk)
  • Maschinelle Schubladenprüfung (keine Standarduntersuchung)

Klassifikation

Um das Ausmaß einer Kreuzbandverletzung (Riss vorderes Kreuzband) zu dokumentieren wird häufig der vordere Schubladentest durchgeführt. Dabei wird das Kniegelenk 90° gewinkelt, der Fuß wird auf der Grundlage fixiert. Nun zieht der Untersucher kniegelenksnah am Unterschenkel und beurteilt, ob der Unterschenkel sich gegenüber dem Oberschenkel hervorziehen läßt.

Klassifikation des vorderen Schubladenzeichens nach Debrunn

Grad I (+): leichte Verschiebung 3-5 mm

Grad II (++): mittlere Verschiebung 5-10 mm

Grad III (+++): ausgeprägte Verschiebung > 10 mm

Test "vordere Schublade"

Abbildung vordere Schubladentest

Bild links mit freundlicher Genehmigung Prof. J. Jerosch, Neuss

MRT bei einem Kreuzbandriss

Bei einem erfahrenen Untersucher ist die Diagnose eines Kreuzbandrisses meist schon ohne Bildgebung sehr schnell und zuverlässig möglich. Trotzdem hat sich das MRT als Standardmethode etabliert. Im MRT lassen sich, im Gegensatz zu Röntgen oder CT, nämlich alle Bänder und Weichteile des Knies darstellen und so vorhandene Risse prinzipiell erkennen.

Teilrisse können aber auch im MRT oft nur sehr schlecht dargestellt werden. Insofern hat das MRT zur Stellung der Diagnose eine geringere Zuverlässigkeit, als eine gute Untersuchung durch einen erfahrenen Untersucher.

Dennoch ist eine MRT-Untersuchung vom Knie nach einer Verletzung, bei der das Kreuzband auch betroffen sein kann, oft sinnvoll.
So kann der Arzt durch das MRT oftmals abschätzen, welche Behandlung nun nötig ist und wie schnell, falls erforderlich, operiert werden muss. Auch eventuell vorliegende Verletzungen anderer Strukturen (Meniskus, Innen- und Außenband) des Knies kann man im MRT oft gut erkennen.
Auch diese Informationen haben dann einen wesentlichen Einfluss darauf, ob und wie schnell operiert werden muss.

Wenn aber bei der Untersuchung schon eindeutig ein Kreuzbandriss vorliegt und der Unfallhergang nicht vermuten lässt, dass auch weitere Strukturen geschädigt sind, ist ein MRT nicht unbedingt nötig und liefert oftmals keine neuen Informationen. Lässt sich eine Verletzung auch im MRT nicht genau erfassen und eingrenzen, ist dann meist eine Kniespiegelung nötig.

Lesen Sie umfangreichere Informationen hierzu unter unserem Thema: MRT bei einem Kreuzbandriss

MRT Bild Knie mit Kreuzbandriss

  1. Quadricepssehne
  2. Oberschenkelknochen (Femur)
  3. gerissenes vorderes Kreuzband (roter Pfeil zeigt Rissstelle)
  4. Schienbein (Tibia)
  5. Kniescheibe (Patella)
  6. Hoffa´scher Fettkörper
  7. Kniescheibensehne (Patellarsehen)

OP beim Kreuzbandriss

Eine minimal invasive Art und Weise zu operieren ist die Kniespiegelung, auch Arthroskopie genannt.

Eine OP ist bei einem Kreuzbandriss in der Regel die Methode der Wahl.
Nur bei einem Riss des hinteren Kreuzbandes, oder bei ganz leichten Einrissen, kann unter Umständen auf eine OP verzichtet werden.
Allerdings geht man damit dann immer das Risiko ein, dass das Knie langfristig weniger stabil und belastbar ist. Daher ist die Operation gerade bei jüngeren Menschen, vor allem bei sportlicher Aktivität, sehr zu empfehlen.

Die OP wird allerdings erst dann durchgeführt, wenn die Entzündung und Schwellung des Knies ausreichend abgeklungen ist. Das ist meist nach etwa 4-6 Wochen der Fall.
Diese Wartezeit ist wichtig, da eine Operation in gereiztem Gewebe zu wesentlich schlechteren Ergebnissen führen kann. Eine Operation direkt nach der Verletzung wird nur bei sehr schweren Fällen mit Beteiligung von Knochenstrukturen durchgeführt.

Dabei kann der Kreuzbandriss mittlerweile sehr gut minimal invasiv operiert werden, was die Komplikationen verringert und die Heilung beschleunigt.
Das Ganze wird also dann im Rahmen einer Kniespiegelung (Arthroskopie) durchgeführt. Die OP selbst besteht dann darin, das zerstörte Kreuzband durch andere Bandstrukturen komplett zu ersetzen. Eine Reparatur des alten Bandes führt nur zu unzureichenden Ergebnissen. Daher entnimmt man meist Bandanteile benachbarter Bänder.

Dazu eignet sich zum Beispiel das Band der Kniescheibe (Patella) oder eines Oberschenkelmuskels. Dabei werden die Anteile dort so entnommen, dass diese Bänder ihre eigene Funktion trotzdem noch problemlos erfüllen können. Das entnommene Stück Band wird dann so genau wie möglich angepasst, um die Funktion des gerissenen Kreuzbandes übernehmen zu können.
Bei dieser Methode kann es allerdings zu teilweise recht starken Schmerzen an der Entnahmestelle kommen. Das ist vor allem bei der Entnahme eines Teils der Patellasehne der Fall. Dafür wächst diese Art von Implantat meist etwas schneller ein.

Auch im Rahmen der Organspende gewonnene Bandanteile können verwendet werden, diese haben allerdings den Nachteil, dass es zu Abstoßungsreaktionen auf das körperfremde Material kommen kann. Dafür werden die Schmerzen an den Entnahmestellen der Eigensehnen vermieden.

Zur Befestigung des Bandes am Knie werden verschiedene Systeme verwendet: Zum einen simple metallische Schrauben oder Fixationsknöpfe, aber auch absorbierbare Materialen können zum Einsatz kommen.
Das Ergebnis der OP wird dann natürlich auch von einer guten Rehabilitation bestimmt.

Lesen Sie mehr hierzu unter: Operation bei einem Kreuzbandriss

Komplikationen einer Operation

Neben den allgemeinen Komplikationen einer Operation u.a. wie:

  • Infektion
  • Blutung
  • Taubheit / Lähmung

bestehen für eine Kreuzbandoperation spezielle Risiken. Sogenannte operationspezifische Komplikationen sind u.a.:

  • Arthrofibrose - eine besonders gefürchtete Komplikation. Hierbei handelt es sich um eine Teilversteifung des Kniegelenks nach Kreuzbandplastik durch Vernarbung. Die Gefahr einer Arthrofibrose ist insbesondere wenn kurzfristig nach dem Unfall operiert wird besonders hoch.
  • Zyklopssyndrom - durch Vernarbung des Kreuzbandes, was ein Streckdefizit nach sich zieht
  • Kreuzbandplastikimpingement - das Kreuzbandtransplantat klemmt sich beim Strecken zwischen den Oberschenkelrollen ein, was eine vollständige Streckung vom Kniegelenk verhindert.

Prognose

Wissenschaftlich nachgewiesen ist, das ein Kreuzbandschaden ein irreperablen Schaden am Kniegelenk hervorrufen kann. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird ein Kniegelenk nach erlittenem Kreuzbandschaden einen verfrühten Verschleiß des Kniegelenkes (Arthrose) nach sich ziehen.
Nach wissenschaftlicher Studienlage kann dieser Verschleiß durch Implantation einer vorderen Kreuzbandplastik günstig beeinflußt, aber nicht vollständig gestoppt werden.

Dauer der Heilung

Bis zur vollständigen Heilung eines Kreuzbandrisses sollte man etwa 6-9 Monate einplanen. Erst danach ist das Knie in der Regel wieder vollständig belastbar. Unmittelbar nach der Verletzung muss das Knie zunächst für etwa 4-6 Wochen konservativ behandelt werden.
Dabei sind vor allem entzündungshemmende und abschwellende Maßnahmen wichtig. Erst danach erfolgt meist die eigentliche Operation.

An diese schließt sich dann die Rehabilitationsphase an, die etwa 12 Wochen in Anspruch nimmt. In der ersten Zeit nach der OP geht es dabei zunächst wieder um abschwellende und entzündungshemmende Maßnahmen und Stabilisierung des Knies durch eine Schiene. Für einige Wochen müssen Unterarmgehstützen verwendet werden.

Dann erfolgt eine teilweise Belastung des Knies und eine auf den jeweiligen Stand angepasste Physiotherapie. Nach etwa 6 Wochen ist oft bereits ein leichtes Training auf dem Fahrradergometer oder leichtes Walking möglich. Weniger belastenden Sportarten können dann nach etwa 3-4 Monaten wieder aufgenommen werden. Mit das Knie stark belastenden Sportarten, wie Tennis oder ähnlichen, kann man meist nach etwa 6-9 Monaten wieder beginnen, wenn eine volle Belastbarkeit wieder möglich ist.

Lesen Sie mehr zu diesem Thema unter: Dauer eines Kreuzbandrisses

Anwendung von Schienen

Schienen finden beim Kreuzbandriss zu zwei Zeitpunkten Anwendung. Zunächst kann eine Schiene eingesetzt werden, um das Knie unmittelbar nach der Verletzung zu stabilisieren und das Abschwellen und den Rückgang der Entzündung bis zur Operation zu unterstützen.

Der zweite wichtige Einsatzbereich ist die Phase unmittelbar nach der Operation. In dieser Zeit ist es wichtig, das Knie zu stabilisieren und nur Bewegung in einem bestimmten Rahmen zuzulassen. Schließlich muss das in der OP befestige Bandimplantat erst noch mit dem Knochen verwachsen, um langfristig wirklich stabil zu sein.
Dabei nutzt man Schienen, bei denen sich der Bewegungsradius genau einstellen und begrenzen lässt, sodass nur ein bestimmtes Maß an Beugung oder Streckung im Knie möglich ist. So kann das Knie in einer bestimmten Stellung zunächst fixiert werden.

Unter dieser Stabilisierung und im Rahmen der Bewegungen, die die Schiene zulässt, kann nach einigen Wochen bereits mit einer Physiotherapie begonnen werden. Im Verlauf der Heilung kann der Bewegungsradius und damit die Belastung des Knies immer der individuellen Heilung angepasst werden.

So wird das Risiko stark verringert, dass man durch unvorsichtige Bewegungen oder Überlastung nach der OP das neue Band wiederum schädigt oder die Heilung verzögert.

Autor: Dr. N. Gumpert      |     Letzte Änderung: 31.08.2016
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