Motorisches Lernen

Synonyme im weitesten Sinne

Motorische Lernfähigkeit, Lernphasen, Bewegungslernen, Bewegungsverbesserung

Englisch: motor learning, acquisition of motor skills

Definition motorisches Lernen

Motorisches Lernen umfasst alle Prozesse des Erwerbs, Erhalt und Veränderung von primär motorischen, aber auch sensorischen und kognitiven Strukturen. Ziel ist die Verbesserung jeglicher Bewegungskoordination in Sportmotorik, Alltags- und Arbeitsmotorik.

Einleitung

Gehen, Laufen, Springen und Werfen sind motorische Fertigkeiten, die im Laufe der Entwicklung eines Menschen automatisiert wurden. Niemand macht sich bewusst Gedanken darüber, wie er beim Gehen den einen Fuß vor den anderen setzt. Wer zum Trinken nach einem Glas greift, wird sich sicher keine Gedanken über motorische Prozesse machen, wie er seine Bewegung koordinieren muss, damit die Hand in der richtigen Position mit adäquaten Krafteinsatz zugreift. Doch all diese Formen der Alltagsbewegungen sind nicht voraussetzungslos.
Sie müssen wie alle anderen motorischen Bewegungen erst erlernt, stabilisiert und automatisiert werden. Man betrachte dabei lediglich Kleinkinder, die erste Gehversuche unternehmen. All diese Bewegungen deren unbewusste Steuerung verschiedenen Zentren im ZNS (Zentrales Nervensystem) übernehmen, werden als Bewegungsfertigkeiten bezeichnet. Wir absolvieren diese Bewegungen in Perfektion, da wir sie Tag ein Tag aus vollziehen. Man könnte somit sagen, wir trainieren ständig unsere Alltagsbewegungen. Betrachtet man Spitzensportler einer Sportart wie Turnen, so ist es für Außenstehende fast unmöglich zu begreifen, wie Sportler Bewegungskombinationen aus Saltos, Überschlagbewegungen etc. in diesem Ausmaß turnen können. Doch durch jahrelanges Training werden diese komplizierten Bewegungsformen, die für Außenstehende schier unmöglich erscheinen, automatisiert. Die Bewegung in ihrer Erscheinungsform ist somit immer ein Ergebnis des motorischen Lernens.

Motorisches Lernen und Zentralnervensystem

Der Ursprung jeder Bewegung liegt im ZNS. Einzelne Impulse werden in Form von Aktionspotentialen an tiefere Zentren des Nervensystems weitergeleitet. Durch eine Umschaltung im Rückenmark erfolgt die Weiterleitung über das alpha- Motoneuron an die motorische Endplatte. Diese leitet eine Muskelkontraktion ein.

Die Verbesserung sportlicher Bewegung ist somit aufgrund von Veränderungsprozessen im Zentral- Nerven- System zurückzuführen. Im Kleinhirn werden Bewegungsschablonen erstellt, die der Koordination von Körperbewegungen dienen. Dem Sportler wird somit ermöglicht, bei einem erhöhten Leistungsniveau die Bewegung noch während ihrer Ausführung zu korrigieren und mögliche Ausweichhandlungen neu zu programmieren. Ausnahmefälle sind Bewegungen, dessen Ausführung schneller als 200ms ablaufen. Da diese Bewegungen schneller ablaufen als die Signale im ZNS weitergeleitet werden sind Regelungsprozesse während des Bewegungsablaufs nicht mehr möglich.

Ontogenese (motorische Entwicklung)

Die Ontogenese oder auch Humanontogenese genannt beschäftigt sich mit einem funktionellem Geflecht aus physiologischen, neurophysiologischen, morphologischen, konditionellen, koordinativen, psychomotorischen und motorischen Prozessen in der lebenslangen Entwicklung des Menschen. Fragen zur motorischen Entwicklung hinsichtlich auf bestes Lernalter für spezielle Technik-, Taktik- oder Konditionsschulung können aufgrund der Ontogenese beantwortet werden.

Phasen der motorischen Entwicklung nach RÖTHIG

Motorischer Bestand bei der Geburt:

Ein Neugeborenes ist aus motorischer Sicht ein Mängelwesen, das erst einzelne motorische Fähigkeiten erlernen muss. Es stehen ihm jedoch alle Türen für das motorische Lernen offen.

Die Motorik ist auf unbedingte Reflexe beschränkt.

Entwicklung im 1. Lebensjahr:

Der Aktionsradius des Neugeborenen vergrößert sich. Einzelnen Bewegungen wie greifen, aufrechte Haltung etc. ermöglichen erste Kontakte mit der Umwelt.

Entwicklung im Vorschulalter:

Bis zum Ende des 6. Lebensjahrs sollten die motorischen Grundeigenschaften wie werfen, springen, fangen etc. ausgebildet sein. Kinder in diesem Alter haben von Natur aus einen Bewegungsdrang, der auch ausgelebt werden muss. Ein sportliches Training sollte rein auf die Ausbildung der koordinativen Fähigkeiten ausgelegt sein.

Entwicklung von 7. – 9. Lebensjahr:

In dieser Phase der motorischen Entwicklung kommt es zu ersten Gestaltwandlungen von Gliedmaßen und Veränderungen in den Proportionen. Die Motorik wird Leistungsfähiger und die Mobilität wird vergrößert.

Spätes Kindesalter:

Dieses Lernalter wird auch als bestes Lernalter für die Entwicklung der Koordination bezeichnet. Kinder lernen in dieser Phase besonders schnell, da der Antrieb und das Leistungsstreben aus eigenem Antrieb erfolgt. Bessere Beobachtungs-, und Wahrnemungsfähigkeiten ermöglichen rasches Lernen, nicht nur im Bezug auf die Motorik. Eltern, Lehrer und Trainer sollten diese sensible Phase der motorischen Entwicklung besonders beachten, denn verpasste koordinative Entwicklungen können im späteren Verlauf nur sehr schwer nachgeholt werden. Die Kinder können in dieser Phase des motorischen Lernens für Sportarten spezialisiert werden, eine vielseitige Ausbildung sollte jedoch weiterhin im Vordergrund stehen.

Frühes Jugendalter (11.- 15. Lebensjahr)

Nach MEINEL/SCHNABEL wird diese Phase als Umstrukturierung der motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten bezeichnet. Es erfolgt ein Längenwachstum, welches sich negativ auf die Entwicklung der Bewegungskoordination auswirkt. Die Schnelligkeit und Kraft ist in diesem Alter schon in einem gewissen Maße ausgeprägt.

Ein gezieltes Training der Kraft und Schnelligkeit darf in diesem Alter jedoch nicht erfolgen.

Die Entwicklung der Ausdauer sollte bei den konditionellen Fähigkeiten im Vordergrund stehen.

Spätes Jugendalter (13.- 18. Lebensjahr)

Diese Phase, auch Adoleszenz bezeichnet, ist gekennzeichnet durch ausgeprägte gesellschaftliche Differenzierung, fortschreitende Individualisierung und zunehmende Stabilisierung. Die Motorik wird variabler die Ausdrucksstärke der Motorik nimmt zu.

Motorik im Erwachsenenalter:

Die Bewegung wird ökonomischer und zweckmäßiger. Es kommt zu Automatisierungen und präzise Steuerung der Bewegungen. Im Alter kommt es zu einem Rückgang der Motorik.

Aufbau des motorischen Lernens nach Lernphasen

Betrachten wir beispielsweise eine Gruppe Sportler, die im Schwimmunterricht die Bewegung des Delphinschwimmens erlernen soll. Anfänglich wird die Bewegung noch sehr grobmotorisch ausgeführt und die Bewegung vom Delphinschwimmen ist nur in seiner groben Struktur erkennbar. Durch häufiges Widerholen dieser Bewegung kommt es zu einer verbesserten Ausführung der Bewegung. Einzelne Bewegungsmerkmale wie die wellenförmige Bewegung des Körpers sind nun erkennbar. Armbewegung und Beinbewegung sind aufeinander abgestimmt und das Erreichen einer längeren Distanz ist mittels Delphinbewegung erreichbar. Im weiteren Lernvorgang wird der Sportler eine Phase erreichen, in dem die Bewegung in einer perfektionierten Form ausgeführt wird. Die Bewegung kann in ihrer Ausführung durch äußere Störfaktoren nicht beeinträchtigt werden. Diese Strukturierung kann auf alle Bereiche des motorischen Lernens übertragen werden. Nach dem Dreiphasenmodell von SCHNABEL u. MEINEL kann die motorische Entwicklung in drei Phasen eingeteilt werden (siehe unten). Ob in Rückschlagsportarten wie Tennis, Squash etc. oder in der Leichtathletik und Turnen, beim Erlernen sportlicher Bewegungen durchläuft jeder Sportler diese drei Phasen. Dieses Modell ist in Anlehnung an die Regelkreisebenen der Bewegungskoordination erstellt worden. Das Operationalisieren sportlicher Leistung hinsichtlich des motorischen Lernens erfolgt über die Kriterien der Bewegungsqualität und der Bewegungsleistung.

Phase der Grobkoordination

In dieser Phase der Bewegungskoordination muss sich der Sportler zunächst mit der Bewegung kognitiv auseinandersetzten. Eine zumindest grobe Vorstellung über den Bewegungsvollzug muss vorliegen. Diese gedankliche Vorbeschäftigung mit der Bewegung kann anhand Lehrbildreihen, Videos, Animationen und Vormachen geschehen. Während der Ausführung kann der Sportler die Bewegung nicht selber korrigieren, und eine Rückmeldung über die Bewegung selbst erfolgt nur mittels gelungen oder nicht gelungen. Am Beispiel Aufschlag: Der Sportler hat eine Vorstellung von der Bewegung. Die Ausführung des Aufschlags ist durch fehlende Dynamik der Teilkörperbewegungen gekennzeichnet. Korrekturen können aufgrund fehlender kinästhetischer Prozesse während des Bewegungsvollzugs nicht erfolgen. Die Priorität der Rückmeldung muss daher beim Trainer liegen. Wenn sich Technikfehler der Bewegung in dieser Phase einschleichen, sind spätere Korrekturen nur noch sehr schwer ausgleichbar.

Für den Trainer gilt. Keine Fehlerkorrektur, sondern Aufmerksamkeitspunkte für einzelne Technikelemente festlegen und darauf positive oder negative Rückmeldung geben. Je ein Aufmerksamkeitspunkt mit einer Rückmeldung. Am Beispiel Aufschlag im Tennis könnte dies sein: Achte darauf, dass der Ball mit gestrecktem Arm weit oben getroffen wird.

Phase der Feinkoordination

Wird die Bewegung häufig wiederholt, kommt es zur Erstellung von Bewegungsschablonen im Kleinhirn. Diese Schablonen dienen dem SOLL- IST- Wert Vergleich und ermöglichen dem Sportler Korrekturen während des Bewegungsvollzuges vorzunehmen. Dadurch ist die Bewegung stabilisiert und erfüllt räumlich, zeitlich und dynamische Aspekte. Die Rolle des Trainers und Übungsleiters tritt mit zunehmendem Könnenstand im Hinblick auf Technikschulung immer weiter in den Hintergrund. Die Steuerung der Bewegung übernehmen subkortikale Zentren. Siehe Bewegungskoordination.

Phase der Feinstkoordination

Diese Phase im motorischen Lernen wird auch Stabilisierung der Feinstkoordination oder variable Verfügbarkeit genannt. Die Koordination der Bewegung ist auf einem Leistungsniveau angelangt, bei dem alle leistungsrelevanten Bewegungsmerkmale optimal aufeinander abgestimmt sind. Die Teilbewegungen sind zeitlich, räumlich und dynamisch so aufeinander abgestimmt, dass Technikfehler von außen kaum noch erkennbar sind. Man betrachte beispielsweise die Beurteilung im Turmspringen, die einem Leihen durchaus Probleme bereiten könnte. Die externale Rückmeldung der Bewegungsausführung (durch Trainer etc.) spielt hierbei keine Rolle mehr. Ein Hochleistungsturner erkennt mögliche Fehler in der Bewegungsausführung besser als jeder Trainer. Aufgaben der Trainer sind in dieser Könnensstufe anderer Natur. Die Steuerung der Bewegung übernehmen spinale und supraspinale Zentren im Unterbewusstsein. In der Literatur wird häufig die Bezeichnung der variablen Verfügbarkeit verwendet. Auf den Aufschlag im Tennis übertragen bedeutet dies, die Ausführung ist auch dann noch mit hoher Sicherheit und Präzision zu absolvieren, wenn äußere Störgrößen wie Wind, Sonne oder schlechter Ballwurf einwirken.

Weitere Infos

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Qualitätssicherung durch: Tobias Kasprak      |     Letzte Änderung: 02.10.2016
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