Iontophorese

Strom zur Behandlung beim Physiotherapeuten ist für viele Menschen schon lange nichts Neues mehr und gehört mehr oder weniger zum Standardprogramm bei der Behandlung beispielsweise von Knieproblemen. Aber den Strom nutzen um damit Stoffe in den Körper zu transportieren ist für viele von uns neu. Genau das macht jedoch die Iontophorese. Wie jedoch schafft sie es die Stoffe durch unser größtes Schutzschild, die Haut zu transportieren?

Um das Prinzip zu verstehen muss man sich erst ein paar Dinge über Strom bewusst machen. Strom besteht aus sehr kleinen fließenden Teilchen, den Ionen (daher der Namen IONtophorese). Wie bei einem Magneten gibt es, vergleichbar mit einem Plus- und einem Minuspol, zwei verschiedene Arten von Teilchen. Solche mit viel positiver (Plus) Ladung und weniger positiver, nämlich negativer Ladung. Auch diese „mögen“ sich nicht und stoßen sich ab. Positive "Plus"-Teilchen werden auch wie beim Magneten von einem Pluspol abgestoßen und vom Minuspol angezogen. Bei den "Minus"-Teilchen verhält es sich genau umgekehrt und sie werden vom Pluspol angezogen. Übertragen auf Strom bezeichnet man die Pole als Elektroden. Der Pluspol ist in diesem Fall die Anode, der Minuspol die Kathode. Legt man an diese zwei Elektroden Strom an so fangen die Teilchen an zu fließen. Dass der Strom, wenn er fließt auch ins Innere des Körpers eindringen kann ist allgemein bekannt, denn wer hat nicht schon mal einen Schlag am Weidezaun abbekommen.

Der Strom schafft es also irgendwie die Haut als unser Schutzschild zu überwinden, um ohne Irrwege zu seinem Pluspol oder Minuspol zu fließen. Die Iontophorese benutzt den Strom als Transporter. Man nimmt also auch ähnlich geladene Teilchen wie den Strom und diese fließen dann wenn man Strom anlegt (genauso wie ihre verwandten Teilchen) im Strom zum Minus- oder Pluspol. Man kann Medikamente so verändern, dass sie eine Plusladung erhalten und so dann beim Anlegen von Strom zum Minuspol (Anode) wandern oder natürlich auch, dass sie negativ geladen sind und zum Pluspol (Kathode) fließen. Da Strom ja bekanntlich jede Struktur des Körpers durchdringt können so auch Medikamente in sehr tiefe Strukturen und Gewebe oder gar ins Blut gelangen. Je länger er angewendet wird und je größer die Fläche auf der er zusammen mit dem Medikament angewendet wird umso mehr Medikament kann in den Körper eindringen und seine Wirkung entfalten.

Wie der Strom bei der Iontophorese in den Körper gelangt ist verschieden. Entweder man klebt die Elektroden direkt auf den Körper oder lässt den Strom durch Wasser in den Körper fließen. Die Klebeposition bei der direkten Stromabgabe kann dabei so gewählt werden, dass die Strecke zwischen den Elektroden die Fläche abdeckt, auf die das Medikament wirken soll.Die Zweite indirekte Methode ist die Leitungswasseriontophorese. Hierbei werden eine oder mehrere Kammern eines Bades mit Wasser gefüllt und die beiden Elektroden ins Wasser getaucht und der Strom fließt durch das Wasser. Man kann so durch Eintauchen ins Wasser komplette Hände oder Füße behandeln.


Wann wird Iontophorese angewendet?

Die Iontophorese ist sehr vielseitig einsetzbar und kann Medikamente sehr schnell zu Ihrem Wirkort bringen. Werden die Elektroden direkt auf die Haut geklebt, wird das Medikament oft als Salbe oder über ein Zellstoffpapier auf die Haut aufgebracht. So werden zum Beispiel Schmerzmittel (=Analgetika) bei Verletzungen eingebracht. Auch bei rheumatischen Erkrankungen oder Gelenkverschleiß (=Arthrose) findet die Methode Anwendung. Hier sollen die Medikamente dann direkt ins Gelenk eindringen. Bekanntestes Beispiel der Schmerzmittel ist sicherlich der Wirkstoff Diclofenac (=Voltaren®).

Weiterhin profitieren Betroffene mit Sehnenproblemen (=Tendinopathien). Auch Hautnarben können über den Wirkstoff Tretinoin behandelt werden. Zudem kann so Cellulite mit Androstanolon-haltigen Gels behandelt werden. In der Kosmetik werden Salben und Cremes im Gesicht über die Iontophorese eingebracht. Die Elektroden ähneln dabei Pinzetten und der Strom wird über angefeuchtete Wattepads geleitet.

Die Anwendung mit dem Bad kommt oft bei zu starkem Schwitzen (=Hyperhidrose) zum Zuge. Man legt dann das betroffene Körperteil ins Wasserbad, z.B. Hände oder Füße. Bei starkem Achselschweiß kann man statt Bädern auch in Wasser getränkte Schwämme in die Achselregion legen und so die Leitung durch das Wasser nutzen. Da hierbei nicht direkt Medikamente genutzt werden ist die Wirkungsweise bisher noch sehr unklar. Außerdem profitieren Betroffene mit zahlreichen, schwer behandelbaren Warzen, Narben, Karpaltunnelsyndrom oder lokalen Muskelschmerzen von der Behandlung mit Iontophorese im Wasserbad.

Auch bei der Feststellung der Erbkrankheit Mukoviszidose wird die Iontophorese angewendet. Bei dieser Krankheit ist die Schweißproduktion gestört und wird über das Einbringen des Medikamentes Pilocarpin getestet.

Wie sieht so eine Therapie aus?

Als Erstes wird die Haut an den betroffenen Stellen von Fett befreit. Dies stört die Stromleitung nämlich enorm. Hierzu reicht einfache Seife aus. Außerdem müssen Metallteile wie Ringe und Schmuck entfernt werden, da sie stromleitend sind und zu Verbrennungen führen könnten.

Man beginnt die Behandlung dann nachdem man das Medikament aufgebracht hat mit leichten Stromstärken und steigert diese langsam bis zu einer Größenordnung von 10-30mA steuerbar durch einen Regler am Gerät. Wegweisend ist hier das individuelle Empfinden des Patienten. Der Strom wird anhand des „Wohlfühlfaktors“ gesteigert. Schmerzen bedeuten eine zu hohe Stromstärke. Eine Muskelantwort kann man ab ca. 10mA spüren. Zum Vergleich arbeitet eine normale Glühbirne mit einer Stromstärke von 430mA.

Am Ende der Behandlung regelt man die Stromstärke dann wieder langsam herunter. Das Ganze geschieht in einem Zeitraum über etwa 10 Minuten bis hin zu einer viertel Stunde. Wenn Betroffenen so geholfen werden kann sind auch Heimgeräte verfügbar, wenn eine Dauerbehandlung nötig ist.
Im Durchschnitt werden zu Beginn 3-5 Sitzungen pro Woche empfohlen. Zur Erhaltung des Therapieerfolges wird dann später 1 Sitzung pro Woche empfohlen. Für die Leitungswasseriontophorese wurden von einem amerikanischen Hautinstitut Erfolgsquoten von über 80% beschrieben.

Das Bad ist kein Vollbad wie in der heimischen Badewanne. Vielmehr wird das Bad des Heimgerätes nur 3-4 cm mit Wasser gefüllt und nur die gewünschten Körperteile ins Wasser gehalten.

Wann darf man nicht mit Iontophorese behandeln?

Gegenanzeigen sind nicht sehr zahlreich aber bedeutend.

Durch den Stromfluss dürfen keinesfalls Patienten mit Herzschrittmachern mit Iontophorese behandelt werden. Nicht wegen der Medikamente, sondern wegen des Stromflusses. Dieser kann den „Stromhaushalt“ eines Herzschrittmachers empfindlich stören und er kann in seiner Funktion beeinträchtigt sein.
Da das Herz durch körpereigene Stromimpulse „angetrieben“ wird sollten Patienten mit Herzrhythmusstörungen nicht behandelt werden, da sie diese verschlimmern können und zu lebensgefährlichen Komplikationen führen könnten. Außerdem sollte bei offenen oder entzündeten Wunden oder Hautverletzungen keine Iontophorese angewendet werden. Kleinere Defekte können mit Vaseline bedeckt werden und sind somit vom Strom abgeschirmt und die Betroffenen können trotzdem behandelt werden.

Auch Schwangere sollten keinerlei Stromflüssen ausgesetzt werden. Wirkungen des Stroms auf das Kind wären unvorhersehbar und es gibt keine Studien, die die Unbedenklichkeit belegen. Auch bei Patienten mit Metallteilen am Körper sollten dass Für und Wider genauestens abgewogen werden. Piercings können einfach abgenommen werden, problematisch sind Gelenkprothesen an Knien oder Hüften oder auch Schrauben, Nägel oder Platten, die in gebrochene Körperteile eingebracht wurden. Auch die Spirale zur Schwangerschaftsverhütung besteht zum Teil aus Metall und sollte nicht im Behandlungsgebiet liegen. Auch Patienten mit gestörtem Schmerzempfinden wird von der Therapie abgeraten, da Verletzungen wie Verbrennungen eventuell zu spät oder nicht bemerkt werden könnten.

Was für Nebenwirkungen gibt es?

Allgemein ist der Strom für den Körper nicht schädlich. In wenigen Fällen kann es zu leichten Stromschlägen kommen (vor allem beim Hinein- und Herausnehmen der Körperteile). Bei vorsichtiger und richtiger Anwendung sollte dies jedoch zu verhindern sein.

Im Extremfall sind Schmerzen und Blasenbildung die Folge. Dies kann durch genaue Kontrolle der Haut unter den Elektroden während der Behandlung verhindert werden. Auch Kribbeln oder leichtes Stechen wurde beschrieben, dies verschwindet jedoch meist von alleine wieder. Direkt nach der Behandlung können die betroffenen Hautstellen gerötet sein und kleine Bläschen können auftreten.

Schlimmstenfalls können die veränderten Stellen unter den Elektroden durch Verätzungen geschädigt sein. Dies muss unbedingt dem Therapeuten mitgeteilt werden, um die nächsten Behandlungen zu optimieren und weitere Schäden zu verhindern.

Weiterführende Informationen

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Qualitätssicherung durch: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 04.01.2018
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