Lagerungsschwindel

Einleitung

Der gutartige, anfallsweise auftretende Lagerungsschwindel ist eine häufige, aber harmlose Erkrankung, die aber von den Betroffenen als sehr unangenehm und bedrohlich wahrgenommen wird.
Durch verzögerte Diagnosestellung und verlorene Zeit bis zum Therapiebeginn entwickeln sich zusätzlich unnötige Ängste, die zu einer weiteren Verschlechterung der Symptomatik führen können.

Synonyme

  • BPLS – benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel
  • BPPV - benigner paroxysmale positionale Vertigo
  • BPPV - benigner peripherer paroxysmaler Lagerungsschwindel
  • Canalolithiasis
  • Cupolithiasis


Definition

Der gutartige Lagerungsschwindel ist in der Neurologischen Ambulanz die am häufigsten gestellte Schwindeldiagnose.

Obwohl der gutartige Lagerungsschwindel an sich in den meisten Fällen mit einfachen Untersuchungsmethoden (Lagerungsprobe, Dix-Hallpike Test) festzustellen ist und bei richtiger Diagnose eine schnell wirksame, harmlose Behandlung erfolgversprechend angewendet werden kann, dauert die Abklärung häufig zu lange, bzw. es wird gar nicht die richtige Diagnose gestellt.

Manchmal sind noch weitere Untersuchungen zur differentialdiagnostischen Abklärung der Schwindelursache notwendig. Durch verzögerte oder falsche Diagnosestellung steigen sowie die Belastung für die Patienten, als auch die Kosten für unnütze Untersuchungen und vergebliche Therapieversuche.

Symptome

Beim gutartigen Lagerungsschwindel handelt es sich um einen episodischen, Kopf -und körperstellungsabhängigen Drehschwindel, dessen Ursache im Innenohr (Labyrinth) liegt. Der Schwindel setzt bei schneller Veränderung der Kopfposition z.B. beim Umdrehen im Bett, beim Hochkommen vom Liegen zum Sitzen oder raschem Bücken mit einer kleinen Verzögerung ein, und verursacht bei den Betroffenen das Gefühl, einmal um die eigene Achse gedreht zu werden. Ebenfalls kann es zum Schwindel beim Hinlegen kommen.

Typische auslösende Lageveränderung ist die Drehung des Körpers zum betroffenen Ohr hin und/oder eine Kopfdrehung zur betroffenen Seite, verbunden mit einer Streckung der Halswirbelsäule.

Begleitsymptome des Schwindels sind Nystagmus (schnelles, unkontrolliertes „Augenzittern“ bei Kopfneigung zur betroffenen Seite und Umkehr des Augenzitterns bei Wiederaufrichten) und Übelkeit bei klarem Bewusstsein.

Die Schwindelattacke des Lagerungsschwindels beginnt einige Sekunden nach dem Beginn der Kopfbewegung (bei langsamer Bewegungsausführung verläuft die Attacke schwächer oder tritt gar nicht erst auf) und dauert im Schnitt ca. 10 - 40 sec. Die Schwindelintensität steigt mit Beginn der Lageänderung sehr schnell an, um dann nach Erreichen der Ruheposition langsam wieder bis zur Schwindelfreiheit abzuklingen. Bei wiederholtem Auslösen des Schwindels durch die entsprechende Kopf- oder Körperbewegung nimmt die Intensität der Schwindelgefühle bis zum kompletten Verschwinden kontinuierlich ab. Zwischen den Schwindelattacken sind die Betroffenen symptomfrei.

Häufig verschwindet der gutartige Lagerungsschwindel nach einigen Wochen von alleine wieder, hat aber eine hohe Rezidivrate (Rückfallquote). Bei korrekter Diagnose und entsprechender Behandlung verschwindet der gutartige Lagerungsschwindel deutlich schneller, manchmal bereits nach einer Lagerungsübung.

Lesen Sie mehr zum Thema: Schwindel im Kopf.

Ursachen

Als Ursache für den gutartigen, anfallsweise auftretenden Lagerungsschwindel werden sogenannte Otolithen (Ohrsteine aus Calciumcarbonatkristallen) angenommen, die sich von dem Sinnesepithel eines Gleichgewichtsorgans (meist aus dem Utriculus) im Innenohr lösen, verrutschen und in einen der Bogengänge des Innenohrs gelangen (Canalolithiasis).

Warum es letzten Endes zu einer solchen Ablösung kommt, ist bisher noch nicht abschließend verstanden.

Die Otolithen dienen im Regelfall dazu, dass sie durch ihre Gewichtskraft und Masseträgheit der Wahrnehmung von Beschleunigungen und der Richtung der einwirkenden Schwerkraft dienen.

Bei verschiedenen Kopfbewegungen bewegen sich diese gelösten, in den Bogengängen befindlichen Otolithen hin und her, sodass spezifische Bogengangsrezeptoren gereizt und Nervenimpulse gesendet werden, die dem Gehirn scheinbare Bewegungen meldet, die andere Sinnesorgane nicht registriert werden. Diese unterschiedlichen Informationen (vestibulärer Mismatch), die oftmals komplett entgegengesetzt sein können, führen schließlich zu der typischen Drehschwindelsymptomatik.

Prinzipiell können sich die losgelösten Otolithen in allen drei Bogengängen befinden, am häufigsten gelangen sie jedoch in den hinteren, vertikalen (70-80%).

In der Ursache wird dabei jedoch noch unterschieden, ob es sich um intakte oder aber gealterte, degenerative Otolithen handelt, die sich ablösen:

Dadurch, dass der Lagerungsschwindel gehäuft im höheren Alter auftritt (>50%), liegt die Vermutung nahe, dass es sich häufiger um Otolithen handelt, die sich im Rahmen des Alterungsprozess ablösen und verrutschen.

Genauso können aber auch eigentlich noch vollkommen intakte Otolithen losgelöst werden, was wiederum jede Altersstufe betreffen kann. Faktoren, die das Risiko hierfür erhöhen, sind beispielsweise ein vorausgegangenes Schädelhirntrauma (20%), Entzündungen oder Funktionsstörungen des Innenohres (15%, z. B. Neuritis vestibularis), stattgefundene Innenohroperationen, eine bestehende Migräne oder ein bereits bekannter Morbus Menière.

Lesen Sie mehr zum Thema: Lagerungsschwindel Ursachen

Therapie

Die Behandlung des gutartigen Lagerungsschwindels besteht rein in der Durchführung von verschiedenen Übungen bzw. Manövern, die das Ziel haben, die losgelösten frei beweglichen Otolithen in dem jeweiligen Bogengang zu entfernen und zurück in das Gleichgewichtsorgan zu befördern.

Bei diesen sogenannten Befreiungsmanövern wird der Betroffene in einer bestimmten Reihenfolge mehrmals so umgelagert, dass, dass die Otolithen der Schwerkraft folgen und wieder in ihre ursprüngliche Position rutschen können.

Je nachdem, welcher Bogengang die Otolithen enthält, muss ein anderes Manöver angewendet werden: Der am häufigsten betroffene hintere, vertikale Bogengang kann durch das Sermont- oder Epley-Manöver befreit werden.
Ist einer der anderen beiden Bogengänge betroffen, kommen die Manöver nach Lempert und Tiel-Wilk oder Rahko in Frage.

Diese Übungen werden in der Regel von dem behandelnden Arzt durchgeführt, sie können jedoch auch von dem Betroffenen selbst zu Hause in Eigenverantwortung ausgeübt werden.

In der Regel kommt es bereits nach 1-7 Manöveranwendungen zu einer deutlichen Besserung, sodass in über 80% der Fälle diese Maßnahmen erfolgreich sind und innerhalb von 24h zum vollständigen Verschwinden der Symptomatik führen.

In einigen Fällen kann es jedoch auch zum Wiederkehren der Symptomatik bzw. des Schwindels führen.

Eine wirksame medikamentöse Therapie ist hingegen nicht bekannt. Genauso haben sich auch alternative Maßnahmen, wie chirotherapeutische Behandlungen im Bereich der Halswirbelsäule oder die Durchführung von Akupunktur als unwirksam erwiesen.

Medikamente können bei dieser Erkrankung nur der rein symptomatischen Behandlung dienen (z.B. Behandlung der eventuell einsetzenden Übelkeit), genauso können auch homöopathische Therapieansätze versucht werden.

Im Allgemeinen gilt, dass ein Vermeiden von Bewegungen eher hinderlich ist, auch wenn der Schwindel Unbehagen und Angst machen kann: Viel Bewegung ist förderlich.

Lesen Sie mehr zum Thema: Lagerungsschwindel Selbstbehandlung

Übungen

Zur Behandlung des gutartigen Lagerungsschwindels werden verschiedene Übungen bzw. sogenannte Manöver angewendet, die dazu dienen, die losgelösten, sich frei in dem jeweiligen Bogengang befindlichen Otolithen aus diesem zu entfernen und wieder zurück in das Geleichgewichtsorgan zu manövrieren. Die Manöver werden in der Regel durch den behandelnden Arzt durchgeführt, können aber auch eigenständig durch den Patienten selbst vollzogen werden. Lesen sie hierzu: Lagerungsschwindel Übungen

Dadurch, dass sich die Otolithen in den meisten Fällen in dem hinteren, vertikalen Bogengang befinden, kommen in erster Linie die Übungen bzw. Lagerungsmanöver nach Sermon und Epley zur Anwendung.

Bei dem Manöver nach Sermon sitzt der Patient zunächst aufrecht auf der Behandlungsliege. Als nächstes wird der Kopf um 45° zur gesunden Seite (also z.B. nach links bei betroffenem rechten Innenohr) gedreht. Anschließend wird der Patient abrupt zur kranken Seite in die Seitwärtslage gelegt, ohne das die Kopfhaltung geändert wird. Nach 2-3 Minuten, in denen Schwindel auftreten kann, kommt es zur schnellen Umlagerung um 180° auf die andere Seite in die Seitwärtslage gelegt, ohne den Kopf aus seiner Position zu bringen. Auch hier wird 2-3 Minuten verharrt, bis der Patient dann schließlich wieder in eine sitzende Position aufgerichtet wird und weitere 5 Minuten abwartet.

Die Übung nach Epley beginnt hingegen in einer aufrecht sitzenden Position auf der Untersuchungsliege, bei der sich die Beine ausgestreckt auf der Liege befinden. Nun wird der Kopf um 45° zur betroffenen Seite gewendet und der Patient anschließend abrupt in die Rückenlage positioniert, sodass der Kopf ohne Veränderung der Blickrichtung, über das Liegenende hinaus zum Liegen kommt. Nach einer Minute wird der Kopf dann schnell um 90° zur anderen Seite gewendet und wiederum kurz abgewarte. Anschließend dreht sich der Patient auf die gesunde Seite und richtet sich langsam in eine aufrechte Sitzposition auf.

In mehr als 80% der Fälle führen diese beiden Manöver zu einem Erfolg und der Lagerungsschwindel verschwindet. Viele Patienten erleiden jedoch nach einiger Zeit einen erneuten Lagerungsschwindel. Kommt es demnach zu so einem Rezidiv oder sind auch bestimmten Gründen die Manöver nach Sermon und Epley nicht anwendbar, kann das Manöver nach Brandt-Daroff in Erwägung gezogen werden: Der Patient sitzt wiederum in einer aufrechten Sitzposition auf einer Liege. Anschießend legt er sich schnell auf die betroffene Seite, wobei hier der Kopf in der geraden Position mit Blick geradeaus bleibt. Nachdem der Schwindel aufgehört hat, richtet sich der Patient wieder in die Sitzposition auf. Als nächstes wiederholt er gleiches zur gesunden Seite.

Sind in seltenen Fällen eine der anderen beiden Bogengänge betroffen, kommen andere Übungen wie die Manöver nach Lempert und Tiel-Wilk oder Rahko in Frage.

Homöopathie

In der Homöopathie gibt es verschiedene Mittel, die zum Einsatz bei der Behandlung von Schwindel im Allgemeinen eingesetzt werden.

Dadurch, dass Schwindel zahlreiche Ursachen haben kann und sich der Ort der Erkrankung, die zu einem Schwindel führt, bei den unterschiedlichen Schwindelerkrankungen ein anderer ist, wird in der homöopathischen Therapie in der Regel eine ausführliche und individualisierte Schwindelanamnese durchgeführt, um eine spezifische Arzneimittelwahl treffen zu können.

Anhand der individuell geschilderten Symptome, kann das aus einer großen Anzahl von Unterrubriken von Schwindel das passende Mittel ausgesucht werden.

Da es sich bei dem Lagerungsschwindel charakteristischerweise um akute einsetzenden Drehschwindel bei Positionsänderungen im Liegen (Umdrehen) oder Lagewechsel vom Liegen ins Stehen bzw. vom Stehen ins Liegen kommt, kommen vor allem Belladonna (Tollkirsche) und Conium maculatum (gefleckter Schierling) zum Einsatz.

Beide homöopathischen Mittel werden in Form von Globuli oder Tropfen gegeben, meist in den Potenzen D2 (Conium maculatum) bzw. D6 (Belladonna) bis D30.

Zusammenfassung

Der gutartige, anfallsweise auftretende Lagerungsschwindel ist eine häufige, aber harmlose Erkrankung, die aber von den Betroffenen als sehr unangenehm und bedrohlich wahrgenommen wird. Durch verzögerte Diagnosestellung und verlorene Zeit bis zum Therapiebeginn entwickeln sich zusätzlich unnötige Ängste, die zu einer weiteren Verschlechterung der Symptomatik führen können.

Weitere Informationen

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Qualitätssicherung durch: Carla Hötte-Schumacher      |     Letzte Änderung: 16.01.2018
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