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Schulterluxation

Synonyme

Luxation des Schultergelenkes, Verrenkung des Schultergelenkes, luxatio humeri, Auskugeln der Schulter, habituelle Luxation, rezidivierende Luxation, auskugeln Schulter, Schulterverrenkung

Definition

Man unterscheidet Schulterluxationen (Schulterverenkung) hinsichtlich ihres Entstehungsmechanismusses. Demnach gibt es:

  • Traumatische Schultergelenksluxationen, als Folge eines direkten Unfallereignisses.
  • Von einer posttraumatisch rezidivierenden Luxation spricht man, wenn es nach einer primär rein traumatisch bedingten Schulterluxation bereits bei geringen Traumen zu wiederkehrenden Verrenkungen kommt.
  • Atraumatische Schultergelenksluxationen, die auch habituelle Schulterluxation genannt wird. Hierbei kommt wiederholt sich das Herausspringen des Schultergelenkes ohne jegliches Trauma, beispielsweise bei der Ausführung gewohnheitsmäßiger Bewegungen. Die Ursachen für die Entstehung habitueller Schulterluxationen sind anlagebedingt. Als Beispiel hierfür können angeborene Pfannendysplasien oder angeborene schlaffe Bänder, etc. genannt werden.

Epidemiologie

Die Schulterluxation als solches tritt recht selten auf. Man geht von 15 pro 100.000 Patienten jährlich aus.

Röntgenbild Schulterluxation

  1. Leere Schulterpfanne
  2. Oberarmkopf (Humerus)

Die grünen Flächen bilden bei einem
normalen Gelenk die Gelenkpartner

Wie kommt es zu einer Schulterluxation?

Wie bereits oben kurz geschildert, gibt es unterschiedliche Ursachen für das Auftreten einer Schulterluxation (siehe Ursachen Schulterluxation). Am häufigsten ist jedoch eine hebelnde Bewegung des Oberarms bei gleichzeitiger Außenrotation zu sehen, bei der sich der Arm vom Körper wegbewegt. Der Kopf des Oberarmknochens springt bei einer Schulterluxation meist nach unten vorn (Luxatio axillaris) oder nach vorn (Luxatio subcoracoidea). Verrenkungen nach hinten sind eher untypisch. Nur ganz selten luxiert eine Schulter bei nach oben ausgestrecktem Arm. In der Regel haben Schulterluxationen traumatische Ursachen: Stürze, Sport-, Fahrrad- oder andere Verkehrsunfälle sind diesbezüglich zu erwähnen.

Die eher seltener auftretenden habituellen (gewohnheitsmäßigen) Schulterluxationen (siehe oben) führen ohne adäquates Trauma (Bagatell-Traumen) aufgrund individueller Begebenheiten (z. B. angeborene Schulterpfannendysplasie) zur Verrenkung.

Welche Ursachen führen zu einer Schulterluxation?

Im Hauptthema Schulterluxation wurde bereits auf die Unterscheidung zwischen einer traumatischen und einer atraumatischen Schulterluxation unterschieden. Hier sollen weitere Ursachen für das Entstehen der beiden Formen der Schulterluxation genannt werden. Die posttraumatisch rezidivierende Schulterluxation setzt dabei eine traumatische Erstluxation voraus und kann daher als eine Teilform der traumatischen Schulterluxation gewertet werden.

Traumatische (unfallbedingte) Schulterluxation

Die Ursachen einer traumatischen Schulterluxation liegen beispielsweise in:

  • Unfällen oder
  • Krafteinwirkungen

von außen begründet. Eventuelle begünstigende Faktoren können dabei eine wichtige Rolle spielen.

Posttraumatisch rezidivierende Schulterluxation

Ursachen und Verletzungsmechanismen der posttraumatisch rezidivierenden Schulterluxation gelten als weitestgehend geklärt. Sie gelten aufgrund ihrer Bezeichnung als „rezidiv“, sodass bereits eine traumatische (unfallbedingte) Erstluxation vorgelegen haben muss, die darüber hinaus u. U. nicht planmäßig verheilte.

Die häufigsten Ursachen für die Entstehung einer posttraumatisch rezidivierenden Schulterluxation sind:

  • Verbliebene Schäden nach traumatischer Erstluxation, die in der Regel im Erwachsenenalter erstmals auftritt.
  • Knorpelige/ knöcherne Bankart-Läsion (= Abriss des Labrum glenoidale im Rahmen einer vorderen Schultergelenksluxation)
  • Hill-Sachs-Läsion (= Impression am dorsolateralen (zum Rücken hin, seitlichen) Rand des Humeruskopfes; bei habitueller Luxation)
  • Schwäche des Kapsel-Band-Apparates
  • Verlust der Propriozeption (= Verlust der Wahrnehmung und Kontrolle der Lage des Körpers im Raum; Sensibilitätsstörung)
  • Muskelschwäche trotz adäquater Rehabilitation

Habituelle (multidirektionale) Schulterluxation

Im Bereich der habituellen Schulterluxation sind sowohl Ätiologie als auch die Krankheitsentstehung noch nicht hinreichend geklärt. Klassischerweise liegt im Rahmen dieser Untergruppierung eine Erstluxation vor, die in der Regel zum processus coracoidia (= Rabenschnabelvortsatz), nach vorne unten gerichtet ist. Eine habituelle Erstluxation tritt überwiegend im Kindes- bis Jugendalter auf. Dabei bleibt in der Regel eine Instabilität vorhanden, die sich meist sehr schmerzarm auswirkt. Darüber hinaus geht man von gewissen Faktoren aus, die sich auf die Entstehung einer habituellen Schulterluxation begünstigend auswirken können:

  • Anomalien im Bereich des Kapselbandapparates
  • Veränderte Kollagenvernetzung bzw. -zusammensetzung der Kapsel
  • Dysplasie der Schulterpfanne (Minderanlage der Pfanne)
  • Verstärkte Neigung der Pfanne nach vorne, verminderte Drehbarkeit des Humeruskopfes nach hinten
  • angeborene Bindegewebsschwäche

    • Ehlers-Danlos-Syndrom (Hyperelastizität, erhöhte Vulnerabilität und Wundheilungsstörung der Haut, Gelenksüberstreckung mit Neigung zur Luxation; erbliches Krankheitsbild)
    • Marfan-Syndrom (erbliches Krankheitsbild, spezielle Bindegewebserkrankung: Veränderung der Augen, des Habitus und des kardiovaskulären Systems)

  • Muskuläre Fehlansteuerung

--> Weiter zum Thema Therapie der Schulterluxation

Anatomie

Das Schultergelenk (= Articulatio humeri) liegt zwischen dem Humeruskopf und der Gelenkpfanne (Cavitas glenoidales) des Schulter- blattes. Es zählt aufgrund der Form des Gelenkes zu den beweglichsten Gelenken des gesamten Körpers. Man nennt diese Form der Gelenke: KUGELGELENKE.

Der relativ große Bewegungsumfang des Schultergelenkes liegt in seiner Anatomie begründet. Die Schulterpfanne ist beispielsweise im Vergleich zum Humeruskopf recht klein. Hinzu kommt, dass Muskeln und Gelenkkapseln aufgrund ihrer relativ lockeren Spannung ein weites Spiel zu lassen.

Ein relativ großer Bewegungsumfang erscheint auf den ersten Blick nicht mit Nachteilen behaftet. Je größer die Bewegungsfreiheit, desto mehr Möglichkeiten der Bewegung hat der Mensch. Treten allerdings traumatische Ereignisse ein oder sind individuelle (angeborene) Ursachen vorhanden, so kommt es umso leichter zu einer “atraumatischen” (habituellen) Luxation.

Abbildung gesunde Schulter

  1. Oberarmkopf (Humerus)
  2. Schulterhöhe (Acromion)
  3. Schultereckgelenk
  4. Schlüsselbein (Clavicula)
  5. Rabenschnabelfortsatz (Coracoid)
  6. Schultergelenk (Glenohumeralgelenk)

Klassifikation

Da es verschiedene Formen der Schulterluxation gibt, versucht man sie möglichst verständlich zu klassifizieren. Bisher gibt es keine allgemein gültige Klassifikationsform. Man beschreibt sie mittels Ursache und der Richtung der Luxation, sowie hinsichtlich der Form und des Grades. Nachfolgende Kriterien treten demnach in Kombination miteinander auf, um die jeweils vorliegende Luxation zu beschreiben.

Pathogenese (Ursache):

  • Traumatisch

    • unidirektional

  • Atraumatisch
  • Folgende Luxationsformen können im Rahmen einer atraumatischen Schulterluxation auftreten:

    • Habituell unidirektional
    • Habituell willkürlich
    • Habituell multidirektional

Lokalisationen der Schulterluxation:

  • Anterior-inferior (vorne-unten) = Luxatio subcoracoidea
  • posterior-superior (hinten-oben)
  • Kombinationen

Schweregrad der Schulterluxation:

  • Grad I (Distorsion):

    • Dehnung
    • Kapsel und Muskulatur sind intakt
    • Einige Faserrisse sind vorzufinden

  • Grad II (Subluxation):

    • Partielle Muskelläsion
    • Kapselruptur, bzw. Kapselablösung

  • Grad III (Luxation):

    • Kapsel- Band- Läsionen sind immer vorhanden
    • In der Regel erfolgt die Luxation nach vorne (in etwa 96% aller Fälle)

Diagnose eine Schultergelenksluxation

Zur Diagnostik im Rahmen einer Schulterluxation zählt in erster Linie die klinische Untersuchung. Je nach Schweregrad kann diese allerdings unter Umständen schwierig sein. Insbesondere bei Distorsionen und Subluxationen ist daher auch die Anamnese sehr richtungsweisend, um zwischen den verschiedenen Schwereformen zu unterscheiden.

Notwendige apparative Untersuchungen

  • Röntgen der Schulter in 2 Ebenen zur Abgrenzung des Types und zur Bestimmung eventueller knöcherner Begleitverletzungen. Mittels Röntgenbild lässt sich auch feststellen, ob Ursachen für die Luxation(z.B. Dysplasie, etc.) vorliegen.

Im Einzelfall nützliche apparative Untersuchungen

  • Sonographie (vor allem zum Ausschluss einer Rotatorenmanschettenläsion)
  • Spezielle Röntgen-Aufnahmen, z.B.: Velpeau-Aufnahme (Lage-beziehung Humeruskopf-Pfanne), ventrodorsale 60°-Innenrotationsaufnahme (Hill-Sachs-Darstellung), Pfannenprofilaufnahme
  • MRT vom Schultergelenk
  • CT (ggf. Luft-Arthro-CT)

Prognose

  1. Bei traumatischen (rezidivierenden) Schultergelenksluxationen
  2. Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer rezidiven (= erneuten) Luxation ist umso größer, je jünger der Patient und je größer seine sportliche Aktivität ist.
  • Die Einschränkungen durch das individuell unterschiedliche Ausmaß der Gelenkbeteiligung einer Luxation und der damit verbunden unterschiedlichen Art und Dauer der durchgeführten Therapiemaßnahmen, spielen hinsichtlich der Gefahr einer weiteren Luxation eine große Rolle, so dass nur der behandelnde Arzt die individuelle Prognose stellen kann.

  1. bei atraumatischen, habituellen Schultergelenksluxationen

    • Die Wahrescheinlichkeit eines erneuten Auftretens ist stark erhöht, da durch die Repositionierung und die nachfolgende Behandlung – sofern nicht operativ durchgeführt – keinerlei Veränderungen im Hinblick auf die teilweise angeborene Ursache bewirkt wurden

Prävention

  • Adäquate Ruhigstellung und konsequente Krankengymnastik nach der Erstluxation
  • Anpassung der körperlichen/sportlichen Aktivitäten, ggf. Meidung schulterbelastender Beanspruchungen
  • Ggf. auch frühzeitige operative Rekonstruktion zur Verhütung von Reluxationen

Perspektive

Mit einer Erweiterung bzw. Verbesserung der arthroskopischen Techniken ist zu rechnen.
Mittel- und langfristige Ergebnisse der arthroskopischen Operationen sowie der Lasertechniken bleiben abzuwarten.
Ob eine frühzeitige Rekonstruktion nach Erstluxation einen Einfluss auf die Rezidivrate hat, muss erst noch durch Studien belegt werden.

Autor: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 28.11.2016
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