Ohrakupunktur

Synonyme

„französische Ohrakupunktur“
Auriculo-Therapie oder Auriculomedizin

Definition

Bei der Ohrakupunktur handelt es sich um ein völlig anderes Behandlungskonzept, als bei der Körperakupunktur. Im Gegensatz zu letzterer, welche in China schon seit vielen tausend Jahren praktiziert wird, ist die Ohrakupunktur eine europäische und relativ junge Entdeckung. Sie geht zurück auf den französischen Arzt Dr. Paul Nogier und wird deshalb oft französische Ohrakupunktur genannt. Nach der Entwicklung 1951, stellte Nogier fünf Jahre später seine Methode auf einem Akupunkturkongress vor.

Historie

Nogier entdeckte damals im Ohr eines Patienten eine kleine Brandverletzung und erfuhr, dass der Mann bei einem akuten Ischias (mächtigste Nerv des Körpers, der bei Verletzung z.B. durch Einklemmung oder Komprimierung durch eine Bandscheibe, stärkste Schmerzen hervorrufen kann) einen Schäfer aufgesucht hat, welcher ihm mit einer glühenden Nadel ins Ohr gestochen hat. Dadurch wurde er angeblich schmerzfrei. Zum Glück gehörte Nogier nicht zu den Ärzten, die Wissen aus der Volksmedizin, einfach als belanglos abtun. Er ging der Sache nach und entdeckte, dass der von dem Schäfer am Ohr gestochene Punkt am Körper genau der Stelle entspricht, an welcher der Ischiasnerv, welcher für die Schmerzen des Patienten verantwortlich war, aus dem Rückenmark tritt.

Nogier und seine Mitarbeiter konzentrierten sich nun auf die Untersuchung des Ohres und entdeckten die gesamte Somatotopie der Ohrmuschel. Sie konnten nachweisen, dass sich der ganze Körper in die Ohrmuschel projiziert und jeder Teil des Körpers, seien es Knochen, Gelenke, Muskeln, Nerven, Arterien oder innere Organe eine Projektionsstelle am Ohr hat. Darüber hinaus kann man auch Projektionstellen für Störfelder, Mangelzustände (Vitamine und Spurenelemente) und sogar emotionale Entgleisungen (Depression, Wut, Eifersucht, Angstzustände) finden.

Erkrankt ein Körperteil, so entsteht am Ohr ein sogenannter Ohrakupunkturpunkt, der sich durch verschiedene Eigenschaften von der übrigen Haut unterscheidet. Oft ist er nicht größer als eine Nadelspitze. Im Gegensatz zum Körperakupunkturpunkt, der immer nachweisbar ist, entsteht ein Ohrakupunkturpunkt nur, wenn ein Körperteil in seiner Funktion gestört ist. Aus diesem Grund kann man über das Ohr eine sehr präzise Diagnostik durchführen. Projiziert man das Bild eines Embryos in zusammengekauerter Stellung, den Kopf abwärts gerichtet in das Ohr, so findet man eine Übereinstimmung der Ohrreflexpunkte mit den Organen und Körperabschnitten des Embryos.

 


Anwendungsgebiete

Was behandelt nun aber die Ohrakupunktur und wo liegen ihre Grenzen?
Es können alle Arten von Schmerzen behandelt werden, besonders diejenigen an der Wirbelsäule und den Gelenken, jedoch auch Migräne, Angina pectoris, Krampfzustände der Eingeweide, funktionelle Störungen und Anregung von Körperfunktionen (Verstopfung, Herzinsuffizienz, zu viel Magensäure), Allergien (vor allem Heuschnupfen und allergisches Asthma), Zustände nach Schlaganfall und andere neurologische Störungen, psychische Störungen und psychosomatische Erkrankungen, sowie hormonelle Störungen (vor allem klimakterische Beschwerden). Eine besondere Bedeutung kommt der Ohrakupunktur bei der Suchtbehandlung zu. Verschiedene Behandlungsprogramme zur Entwöhnung bei Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabusus, zur Raucherentwöhnung oder bei der Bekämpfung der Esssucht geben dem Behandler die Möglichkeit, sich der individuellen Situation des Suchtkranken stellen.
Allerdings muss einschränkend bemerkt werden, dass Alkohol- und Drogensucht nur begleitend zu einer Psychotherapie behandelt werden sollten, da sonst die Rückfallgefahr zu hoch ist. Die Erfolgsquoten der Ohrakupunktur bei der Suchtbehandlung hängen natürlich von der Erfahrung des Behandelnden ab. Gleichwohl sind die Erfolge generell sehr hoch und es gibt bereits Drogenzentren in Deutschland und in Amerika, die diese Suchtprogramme als festen Bestandteil ihres Behandlungskonzeptes führen.

Kontraindikationen

Kontraindikationen sind Notfälle, Erschöpfungszustände, Entzündungen oder Verletzungen des Ohres und außergewöhnlich starke Druckempfindlichkeit der Reflexpunkte, sowie lokale Entzündungen, Hautinfekte oder Narben im Akupunkturgebiet. Während in bestimmten Fällen der Schmerz behandelbar ist, sind Krankheitszusammenhänge wie eine schwere Hypertonie, akute koronare Herzerkrankungen oder karzinomatöse Geschehen grundsätzlich kontraindiziert. Die Schwere der Krankheit bestimmt dabei den Grad der Kontraindikation.
Vorsicht ist geboten bei schweren Infektionserkrankungen, unklaren Schmerzzuständen, einigen starken Medikamenten sowie nach Fastenkuren.

Komplikationen

Komplikationen können Kreislaufreaktionen wie z.B. Kollaps oder Synkope sein, eine Infektion an der Einstichstelle und das Auftreten von Erstverschlechterungen.

Diagnostik

Liegen Beschwerden oder Erkrankungen in einem Organ oder Körperabschnitt vor, so wird sich der entsprechende Ohrreflexpunkt als besonders druckschmerzhaft erweisen, vielleicht sogar sichtbar durch Rötung, Abblassung, Schuppung oder Rauhigkeit verändern. Der Hautwiderstand an solchen Punkten ist verringert.
Auf diese Weise ist es möglich durch Betasten des Ohres mittels einer speziellen Tastsonde, das Ohr als diagnostisches Mittel heranzuziehen. Soll heißen, dass der Behandelnde mittels Inspektion des Ohres oder durch elektrische Hautwiderstandsmessgeräte etc., Stellen am Ohr identifizieren kann, die sich vom Rest des Ohres unterscheiden. Anhand des „Ohrhumunkulus“ lässt sich dann herausfinden, welches Organ oder welche Körperregion betroffen ist. Projektionen des Kopfes und der Sinnesorgane sind zum Beispiel am Ohrläppchen zu finden.
Auch in der Diagnostik entwickelte Nogier eine weitere Methode, indem er die Veränderung des Radialpulses (Handgelenkspuls) während der Tastung empfindlicher Ohrreflexpunkte beobachtete.

Therapie

Durch Nadelung der Ohrreflexpunkte lässt sich ein therapeutischer Reiz auf das korrespondierende Organ oder Körpergebiet ausüben.
Die Anzahl der Ohrakupunkturnadeln pro Ohr sollte 5 nicht überschreiten. Wie bei der Körperakupunktur gilt auch hier: bei akuter Erkrankung eher weniger Nadeln mit kurzer Liegedauer und kurzen Behandlungsintervallen, wohingegen chronische Erkrankungen eher mit mehr Nadeln, längerer Liegedauer und längerem Behandlungsintervall therapiert werden. Es werden sehr dünne und kurze Nadeln verwendet. Die durchschnittliche Verweildauer beträgt zwischen 20 und 40 Minuten.
Bei der Therapie von chronischen Erkrankungen oder bei Suchtbehandlungen werden auch gerne Dauernadeln eingesetzt. Es handelt sich dabei um etwa 2 mm lange Nadeln, die mit einem kleinen Pflaster fixiert, für 2 bis 5 Tage im Ohr gelassen und vom Patienten selber durch drücken oder bewegen regelmäßig stimuliert werden.
Zur Dauerbehandlung werden auch Sandkornpflaster eingesetzt, dies sind Pflaster mit kleinen Körnern, die den Ohrreflexpunkt akupressieren. Dieser Effekt ist aber etwas schwächer als bei der Akupunktur.
Entsprechend der Händigkeit des Patienten wird das Ohr der dominanten Seite (Linkshänder linke Seite und Rechtshänder rechte Seite) bei Erkrankungen von paarig angelegten oder zentralen Organen und bei übergeordneten/vegetativen Punkten behandelt. Bei unpaarigen Organen wird das Ohr der zugehörigen Seite genadelt. Zum Beispiel werden so die jeweiligen Ohrpunkte bei Erkrankungen der Milz auf der linken Seite genadelt. Ebenso erfolgt die Behandlung von Schmerzpunkten auf der betroffenen Seite.
Die Anwendung der Ohrakupunktur ist relativ leicht, da die Ohrreflexpunkte nach ihren Indikationen benannt sind, z.B.: „Leberpunkt“, „Blutdruckregulierender Punkt“, „Ischiaszone“ usw. Somit ergeben sich die zu nadelnden Punkte aus der Indikation und / oder aus der Tastung auf Druckschmerzhaftigkeit.
Eine chinesische Diagnose unter Berücksichtigung der 5 Wandlungsphasen, der 8 Leitkriterien usw. spielt für die Ohrakupunktur keine Rolle.
Natürlich gibt es wie auch bei der Körperakupunktur für viele Beschwerden bewährte Punktkombinationen.

Weiterführende Informationen

Weitere Informationen zur Naturheilkunde finden Sie unter:

Qualitätssicherung durch: Gerret Hochholz      |     Letzte Änderung: 14.12.2017
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