Stuhlinkontinenz

Synonyme

Darminkontinenz, anale Inkontinenz

Einleitung

Unter dem Begriff Inkontinenz (Stuhlinkontinenz) versteht man eine Erkrankung, die mit der Unfähigkeit sowohl Stuhlgang, als auch Darmwinde willkürlich zurückzuhalten, einhergeht.

Die Stuhlinkontinenz kann Menschen aller Altersgruppen betreffen. In der Regel sind ältere Menschen jedoch wesentlich häufiger betroffen.

Patienten, die an dieser Form der Inkontinenz leiden, erleben einen enormen sozialen und psychischen Leidensdruck.

Dachte man bislang, dass die Stuhlinkontinenz ein eher seltenes Krankheitsbild ist, welches vor allem ältere Menschen betrifft, so geht man mittlerweile sogar davon aus, dass immerhin 1-3 Prozent der Bevölkerung (in Deutschland also ungefähr 800.000 Personen) unter Stuhlinkontinenz in verschiedenen Schweregraden leiden.

Unter den betroffenen Personen liegt das Geschlechterverhältnis in etwa bei 1:1.
Wobei unter den Männern eher leichte Formen (Stuhlschmiere) und unter den Frauen schwergradige Arten der Stuhlinkontinenz anzutreffen sind.

Ursachen

Für die Entstehung der Stuhlinkontinenz gibt es eine Reihe unterschiedlicher Ursachen. In den meisten Fällen wird diese Form der Inkontinenz nicht bloß durch einen einzelnen, sondern durch die Kombination mehrere Faktoren ausgelöst.

Die Einleitung des Stuhlgangs durch den Organismus wird durch verschiedene Mechanismen, die wie Zahnräder ineinander greifen, koordiniert.
Fällt bloß einer der zugrunde liegenden Faktoren aus, so kann dies in der Regel durch Kompensationsstrategien des Körpers ausgeglichen werden.

Zur Auslösung einer Stuhlinkontinenz müssen aus diesem Grund mehrere Unregelmäßigkeiten vorliegen die in ihrer Gesamtheit nicht mehr kompensiert werden können.


Zu den häufigsten Ursachen dieser Art der Inkontinenz zählen verschiedene Störungen in der Impulsverarbeitung.

Dies bedeutet, dass das Zusammenspiel zwischen Kontinenzapparat und der Steuerung (beziehungsweise Verarbeitung) auf Ebene des Gehirns nicht mehr fehlerfrei funktioniert.

Ursächliche Störungen können unter anderem durch eine Schlaganfall, Morbus Alzheimer, Multiple Sklerose oder Gehirntumore unterschiedlicher Lokalisation verursacht werden.
Darüber hinaus führen Unterbrechungen der Impulsüberleitung in vielen Fällen zur Entstehung einer Stuhlinkontinenz. Die Informationen bezüglich des Zurückhaltens und/oder Entleerens des Darmes finden demnach nicht den Weg vom Gehirn zum Kontinenzapparat.

Das ursächliche Problem liegt also nicht im Gehirn selbst, sondern auf Höhe des Rückenmarks. Auslöser dieser Problematik können Querschnittslähmungen (Tetraplegie), das sogenannte Spina bifida Syndrom und die Multiple Sklerose sein.

Auch sensorische Störungen im Bereich des Enddarms und/oder Rektums können die Entstehung einer Stuhlinkontinenz provozieren.
Zu den zugrunde liegenden Ursachen zählen Hämorrhoiden, starke Durchfälle, ein Rektumprolaps und chronische Entzündungen des Dickdarms.

Auf muskulärer Ebene kann das reguläre Absetzen von Stuhl durch Tumore, Fisteln, Dammrisse, Abszesse und angeborene Fehlbildungen behindert werden.

Darüber hinaus kann eine mit dem Altern einhergehende Absenkung des Beckenbodens und die Überdehnung des Darmes durch häufige Verstopfungen zur Stuhlinkontinenz führen.

Neben diesen körperlichen Ursachen können auch verschiedene Medikamente wie Psychopharmaka oder hochdosierte Abführmittel (zum Beispiel Paraffine) eine Stuhlinkontinenz verursachen.

Des Weiteren lassen sich Unregelmäßigkeiten in der Fähigkeit des Stuhlrückhaltes besonders häufig bei Patienten mit ausgeprägten Psychosen beobachten.

Einteilung und Schweregrade

Zur Einteilung der Schweregrade der Stuhlinkontinenz existieren verschiedene Systeme. Im klinischen Alltag findet aber vor allem die Klassifikation der Stuhlinkontinenz nach Parks Anwendung.
Dieses System unterteilt die Stuhlinkontinenz in drei Grade:

Grad 1: Es handelt sich um die leichteste Form
Darmwinde können nicht zurückgehalten werden und gehen unkontrolliert ab.

Grad 2: Es handelt sich um die mittelschwere Form
Dünnflüssige Stühle können nicht zurückgehalten werden und gehen unkontrolliert ab.

Grad 3: Es handelt sich um die schwerste Form
Selbst geformter Stuhl kann nicht zurückgehalten werden.

Diagnose

Der erste und gleichzeitig wichtigste Schritt in der Diagnose der Stuhlinkontinenz ist ein ausführliches Arzt-Patienten-Gespräch (Anamnese).

Im Zuge dieses Gesprächs sollte der Patient von seinem individuellen Beschwerdebild berichten.
Darüber hinaus erfragt der Facharzt während der Anamnese wichtige Faktoren wie etwa die Stuhlfrequenz, Beschaffenheit des Stuhls und Umstände des unfreiwilligen Stuhlabgangs.
Auch die Einnahme von Medikamenten, mögliche Vorerkrankungen und/oder vorhandene Allergien sollten während des Arzt-Patienten-Gesprächs besprochen werden.

Anschließend erfolgt die Inspektion der Analregion.
Der behandelnde Arzt achtet im Zuge dessen auf Irritationen, Veränderungen der Haut im Bereich des Anus, Fissuren, Narben, Hämorrhoiden und Fisteln.

Danach wird eine sogenannte digital-rektale-Untersuchung in Linksseitenlage durchgeführt. Während dieser Untersuchung beurteilt der Arzt sowohl die Anatomie, als auch Funktion des äußeren Schließmuskels. Verminderte Verschlussmöglichkeiten können bereits an dieser Stelle der Diagnose nachgewiesen werden.

Ergänzend können manometrische Untersuchungen wie etwa die sogenannte Durchzugsnanometrie oder eine Messung der Füllungsdruckwerte durchgeführt werden.

In viele Fällen empfiehlt sich zusätzlich die Durchführung von Prokto- und Rektoskopie.

Bei unklarem Befund sollte der Umfang der diagnostischen Maßnahmen erweitert werden.
Die Messung der Kneiffähigkeit und Haltedauer des äußeren Schließmuskels stellt eine weitere Möglichkeit der Diagnostik einer Stuhlinkontinenz dar.

Darüber hinaus gilt die sogenannte Elektromyographie der Muskeln als Möglichkeit der Abgrenzung eines für die Inkontinenz ursächlichen Nervenschadens.

Verletzungen, Schäden im Bereich des äußeren Schließmuskels oder der Beckenmuskulatur können durch eine Ultraschalluntersuchung ausgeschlossen werden.
Die Anfertigung einfacher Röntgenaufnahmen des Enddarms wird eher selten durchgeführt.
Wesentlich häufiger dient der sogenannte Kolon-Kontrasteinlauf (Kontrastmitteluntersuchung des Dickdarms) der Diagnose einer Stuhlinkontinenz.

Sämtliche Untersuchungen zur Diagnose der Stuhlinkontinenz sind in der Regel vollkommen schmerzfrei. Dennoch empfinden die meisten Patienten die Untersuchungsmethoden als unangenehm oder peinlich.

Therapie

Bei der Wahl der geeigneten Behandlung eines Patienten mit Stuhlinkontinenz spielt der eigentliche Auslöser eine entscheidende Rolle.
Nach ausgiebiger Diagnose und Feststellung der zugrunde liegenden Erkrankung kann gemeinsam mit dem betroffenen Patienten ein Behandlungsplan erstellt werden.

Im Falle von entzündlichen Veränderungen des Darms und/oder Rektums wird in den meisten Fällen eine medikamentöse Therapie eingeleitet.

Tumore können während einer Operation abgetragen werden.
Liegt die Ursache der Stuhlinkontinenz im Bereich der Schleimhäute oder der Darmwand so kann auch in diesen Fällen eine chirurgische Abtragung durchgeführt und das Problem auf diese Weise behoben werden.

Die sogenannte „Sakrale Nervenstimulation“ stellt eine vollkommen neue Behandlungsmethode bei Patienten die an Stuhlinkontinenz leiden dar.
Bevor die sakrale Nervenstimulation erstmals bei Patienten mit Stuhlinkontinenz angewendet wurde, galt sie über Jahre als Wundermittel in der Therapie der Harninkontinenz.
Im Grunde kann dieses Verfahren mit der Funktionsweise eines Herzschrittmachers verglichen werden.

Während der Durchführung dieser Behandlungsmethode stimulieren Impulse eines Schrittmachers über kleine, mittels Punktion eingebrachte Elektroden das Nervengeflecht im Bereich des Kreuzbeins (Os sacrum).
Durch gezielte Stimulation kann der äußere Schließmuskel dazu angeregt werden wieder eine ausreichende Muskelkraft aufzubauen.
Darüber hinaus wirkt sich die elektrische Stimulation auch auf die Wahrnehmung von Darminhalt und damit auf die Haltefähigkeit aus.

Das Verfahren der sakralen Stimulation eignet sich vor allem zur Behandlung von neurologisch bedingter Stuhlinkontinenz.

Formen der Inkontinenz, die durch das Herabsinken des Beckenbodens verursacht werden, können durch regelmäßige und gezielte Krankengymnastik effektiv therapiert werden.
Schon das mehrmals tägliche Zusammenkneifen des Schließmuskels kann dazu beitragen das Haltevermögen zu steigern.

Die medikamentöse Therapie der Stuhlinkontinenz zielt darauf ab, unerwartete Stuhlentleerungen zu verhindern.
In diesem Sinne können Abführmittel in Form von Zäpfchen oder Klistieren dazu verwendet werden, den Darm zu einem bestimmten Zeitpunkt zu entleeren.

Die Anpassung der Ernährung, beispielsweise eine Anreicherung der Lebensmittel mit Ballaststoffen, wirkt sich nachweislich positiv auf den Kontinenzapparat aus.

Des Weiteren können leichte Formen der Stuhlinkontinenz durch ein gezieltes Toilettentraining behandelt werden. Bei dieser Methode soll der betroffene Patient lernen den Stuhlgang täglich zu einer bestimmten Zeit zu absolvieren.

In der Anfangsphase dieses Stuhltrainings kann die Darmentleerung durch Abführzäpfchen unterstützt werden. In der Regel wird innerhalb der ersten Woche ein Zäpfchen mit Bisacodyl (zum Beispiel Dulcolax) verwendet.
Bei Erfolg des Trainings kann im Anschluss auf den Wirkstoff Glyzerin (zum Beispiel Glycilax) umgestiegen werden.
Nach ungefähr zwei bis drei wöchiger Anwendung der Zäpfchen sollte ein kompletter Auslassversuch stattfinden.

Der Darm des unter Stuhlinkontinenz leidenden Patienten sollte sich innerhalb dieses Zeitraums bereits an die regelmäßige „Stuhlzeit“ gewöhnt haben.
Den meisten Patienten hilft während des Trainings das Führen eines sogenannten Stuhltagebuchs in dem jeder Stuhlgang genau aufgezeichnet wird.

Prognose

Die Prognose der Stuhlinkontinenz ist von Patient zu Patient recht unterschiedlich.
Sowohl die Ursache, als auch das Alter des betroffenen Patienten spielen bei den Chancen die Inkontinenz zu beheben eine entscheidende Rolle.

Durch geeignete Therapiemaßnahmen kann die Lebensqualität des Betroffenen jedoch in den meisten Fällen zumindest deutlich verbessert werden.
Dennoch kann eine vollständige Kontinenz (Stuhlkontrolle) nicht bei jedem Patienten wieder hergestellt werden.

Weitere Informationen zu diesem Thema

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Eine Übersicht immer unter: Innere Medizin A-Z.

Qualitätssicherung durch: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 20.10.2017
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