Steißbein

Synonyme

Coccyx, Os coccygis

Einleitung

Evolutionär betrachtet stellt das Steißbein ein entwicklungsbedingtes Artefakt dar. Es gilt als Überbleibsel des Schwanzes menschlicher Vorfahren.
Aus anatomischer Sicht bildet das Steißbein des aufrecht stehenden Menschen den in Richtung Boden zeigenden unteren Abschnitt der Wirbelsäule. Neben den Hals-, Brust-, Lenden- und Kreuzwirbeln stellt das Steißbein somit den letzten Teil der Wirbelsäule dar.

Obwohl es aus fest miteinander verschmolzenen Untereinheiten besteht, spielt es bei verschiedenen Bewegungsabläufen eine wichtige Rolle. Diese Tatsache ist darin zu begründen, dass das Steißbein als Ansatz- beziehungsweise Ursprungspunkt verschiedener Bänder und Muskeln des Beckenraumes dient. Vor allem die Strukturen des Beckenbodens und des Hüftgelenks werden durch Verbindungen zum Steißbein befestigt.

Anatomie

Das eigentliche Steißbein setzt sich aus ungefähr vier bis fünf einzelnen Steißbein-Wirbeln zusammen. Diese Wirbel sind jedoch durch eine sogenannte Synostose zu einem einzelnen einheitlichen Knochen verschmolzen.
Der Begriff Synostose beschreibt in diesen Zusammenhang einen Zustand, bei dem zwei knöcherne Strukturen, die zuvor lediglich über Knorpel oder Bindegewebe in Verbindung zueinander standen, über die Zeit miteinander verschmelzen. Im Vergleich zu den Wirbelkörpern der Hals-,Brust- oder Lendenwirbelsäule sind im Bereich des Steißbeins nahezu alle typischen anatomischen Merkmale verschwunden.

Abbildung Steißbein und LWS

Lendenwirbelsäule (blau)

  1. Erster Halswirbel (Träger) - Atlas
  2. Zweiter Halswirbel (Dreher) - Axis
  3. Siebenter Halswirbel -
    Vertebra prominens
  4. Erster Brustwirbel -
    Vertebra thoracica I
  5. Zwölfter Brustwirbel -
    Vertebra thoracica XII
  6. Erster Lendenwirbel -
    Vertebra lumbalis I
  7. Fünfter Lendenwirbel -
    Vertebra lumbalis V
  8. Lenden-Kreuzband-Knick -
    Promontorium
  9. Kreuzbein - Os sacrum
  10. Steißbein - Os soccygis

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Erkrankungen des Steißbeins

Gerade bei Stürzen auf das Gesäß ist das Steißbein besonders gefährdet. Zudem entstehen Traumata im Bereich des Steißbeins häufig durch direkte Krafteinwirkungen (zum Beispiel einen Fußtritt) gegen diese knöcherne Struktur.
Sowohl klassische Frakturen, als auch Luxationen gehören zu den häufigsten Erkrankungen des Steißbeins. Charakteristisch für Traumata des Wirbelsäulen-Endknochens sind starke, zum Teil über Wochen anhaltende Schmerzen, die beim Sitzen oder Laufen verstärkt werden. Betroffene Personen versuchen den auftretenden Schmerzreiz meist durch Gewichtsverlagerung auf eine Seite des Beckens zu minimieren.
Die Einnahme von Schmerzmitteln kann die Symptome vorerst lindern. Vor allem Paracetamol® (kurz: PCM) oder Ibuprofen® eignen sich zur Akut-Behandlung von Schmerzen im Bereich des Steißbeines. Da sich die Probleme jedoch nach Wirkungsende der Schmerzmittel recht zügig erneut bemerkbar machen, sollte bei Schmerzen des Steißbeins unbedingt ein Arzt aufgesucht und eine entsprechende Diagnostik eingeleitet werden.

Steißbeinluxation

Luxationen des Steißbeins sind im Vergleich zu Verrenkungen des Hüft- oder Schultergelenks recht selten. In den meisten Fällen wird das Vorliegen einer Luxation des Steißbeins nicht einmal als solche diagnostiziert.
Betroffene Patienten leiden unter starken Schmerzen, die das normale Sitzen nahezu unmöglich machen. Die Behandlung der Steißbeinluxation ist im Grunde recht einfach. Nach erfolgreicher Diagnose wird der behandelnde Arzt den Zeigefinger in den Mastdarm einführen. Anschließend muss der Knochen vom Mastdarm aus mit dem eingeführten Finger gegriffen und fixiert werden. Der Daumen des Behandlers sollte während des gesamten Procedere von außen Druck auf das Steißbein ausüben. Um die Luxation zu lösen und das Steißbein in seine ursprüngliche Position zu führen, muss es mit dem Zeigefinger leicht vom Kreuzbein weggezogen werden. Gleichzeitig sollte das Kreuzbein in Richtung der Füße gedrückt werden.
Bei erfolgreicher Reposition kann mit einem sofortigen Rückgang der Schmerzsymptomatik gerechnet werden. Sollte eine dementsprechende Schmerzlinderung ausbleiben kann davon ausgegangen werden, dass sich das Steißbein weiterhin in einer Luxationsstellung befindet und die Behandlung somit nicht erfolgreich war.
Des Weiteren besteht die Möglichkeit, dass trotz Luxations-typischen Beschwerden keine Problematik im Bereich des Steißbeins vorliegt. Sollten während des Repositionierungsversuches starke Schmerzen links oder rechts neben dem Kreuzbein ausgelöst werden, so liegt eine Erkrankung des jeweiligen Iliosakralgelenks nahe.

Steißbeinbruch

Auch bei Frakturen des Steißbeins (Steißbeinbruch) verspürt der betroffene Patient in der Regel schnell einsetzende, starke Schmerzen. Des Weiteren verdeutlicht sich ein Bruch des Steißbeins klinisch durch das Auftreten von Blutergüssen (Fachwort: Hämatom), die während des Sitzens deutlich hervor treten.

Während eine einfache Prellung oder eine Luxation im Zuge einer digital rektalen Untersuchung diagnostiziert und gegebenenfalls behandelt werden kann, stellt der Steißbeinbruch oftmals eine Herausforderung dar. Die Diagnose von Frakturen im Bereich des Steißbeins kann durch Anfertigung von Röntgenaufnahmen gestellt werden.
Das Ruhigstellen einer solchen Fraktur ist auf Grund der Lokalisation so gut wie unmöglich. Therapiert wird der Steißbeinbruch in den meisten Fällen mit Hilfe von Schmerzmitteln. Da die betroffenen Patienten zumeist unter sehr starken Schmerzen leiden können höher dosierte Schmerzmittel eingenommen werden.
Zusätzlich kann zur Entlastung während des Sitzens ein sogenanntes Ringkissen genutzt werden. Der durch die Körpermasse entstehende Druck wird dann nicht auf das Steißbein sondern vermehrt auf die Gesäßmuskulatur geleitet.
Sollte die Schmerzsymptomatik trotz dieser Maßnahmen nicht innerhalb weniger Wochen zurückgehen, so kann eine operative Versorgung der Fraktur notwendig sein. Während des chirurgischen Eingriffs kann der Steißbeinbruch fixiert werden. In extrem seltenen Fällen muss jedoch das Endstück des Steißbeins vollständig entfernt werden.

Steißbeinfistel

Bei einer Steißbeinfistelhandelt es sich um eine chronisch auftretende entzündliche Erkrankung, die im Bereich der Gesäßfalte auftritt.
Im Grunde rührt sie nicht vom knöchernen Steißbein her, sondern entsteht wesentlich häufiger durch in die Haut eingedrungene Haare. Trotzdem können Steißbeinfisteln auch durch starke Prellungen oder angeborene Fehlbildungen des Steißbeins bedingt sein.
Klinisch zeigt sich eine solche Fistel durch das plötzliche Auftreten starker Schmerzen, Schwellungen und Rötungen im Bereich der Gesäßfalte. Zudem leiden die betroffenen Patienten unter einer teilweise extremen Druckempfindlichkeit. Bei weit fortgeschrittenen Steißbeinfisteln kann regelmäßig das Austreten von blutigen oder eitrigen Sekreten aus der Fistelöffnung beobachtet werden. Bei Vorliegen einer solchen Fistel stellt die operative Versorgung die Therapie der Wahl dar. Eine solche Operation kann wahlweise ambulant oder stationär durchgeführt werden.

Man unterscheidet verschiedene Stadien der Steißbeinfistel:

  • Die sogenannte blande Verlaufsform ist eine milde Form der Steißbeinfistel und bei ihr zeigen sich keine Entzündungszeichen. Selten ist jedoch die Fistelöffnung an der Haut erkennbar.
  • Die akut abszedierende Steißbeinfistel ist vereitert, da sie sich (meist durch starke Behaarung, Schweiß, das Reiben von Kleidung, etc.) entzündet hat.
  • Als drittes Stadium gibt es die chronische Steißbeinfistel, die zwar keine akuten Entzündungszeichen aufweist, jedoch durch ständige Blut- und Eiterabsonderung und Juckreiz für Beschwerden sorgt. Sie lässt sich oft erst durch Blut-/Eiterflecken in der Unterwäsche feststellen.

Als Prophylaxe, gerade nach einer operierten Steißbeinfistel, wenn also bekannt ist, dass eine Neigung zur Bildung einer Steißbeinfistel besteht, sollte die Behaarung in der Region mittels Laser-Epilation entfernt werden, sodass die Haare bis in die Wurzel zerstört werden. Die Region sollte nach der Operation stets auch durch gründliche und regelmäßige Rasur haarfrei gehalten werden.

Weitere Informationen erhalten Sie auch unter unserem Thema: Steißbeinfistel

Operation einer Steißbeinfistel

Um die Steißbeinfistel erfolgreich zu behandeln, ist eine chirurgische Eröffnung des Fistelgangs und somit eine Operation absolut notwendig. Andere Formen der Behandlung werden derzeit als nicht erfolgversprechend angesehen.
Bei der klassischen Operationsmethode wird die Steißbeinfistel meistens mit Methylenblau angefärbt. Dann wird das so markierte Gewebe entsprechend großflächig entfernt. Bei der Operation wird bis hinunter auf das Steißbein geschnitten und die Knochenhaut dort abgeschabt, damit Rezidive zuverlässig vermieden werden.
Operiert wird unter Vollnarkose, kann jedoch in weniger schweren Fällen eventuell auch unter örtlichen Betäubung durchgeführt werden. In schweren Fällen kann notwendig sein, dass ein stationärer Krankenhausaufenthalt bis zu vier Tagen eingehalten wird. Meist wird die Operation mittlerweile jedoch ambulant durchgeführt.

Die großzügige Exzision (Herausschneiden) der Steißbeinfistel stellt die klassische Therapie der Steißbeinfistel dar.
Alternativ gibt es jedoch auch minimal invasive Operationstechniken, wie beispielsweise die Steißbeinfisteloperation nach Karydakis oder das Pit-Picking nach Bascom.

Diese Operationstechniken gelten als im Vergleich zur klassischen Variante schmerzarme Operationstechniken. Sie werden teilweise endoskopisch durchgeführt und sind deutlich aufwändiger als die klassische Operation der Steißbeinfistel.

Es gibt Operationstechniken mit Lappenplastiken (Limberg-Plastik, Rhomboid-Plastik, V-Y-Plastik), die mit verschobenen Hautlappen arbeiten. Sie sind sehr aufwändig, können aber bei erfolgreicher Durchführung für ein ästhetischeres Erscheinungsbild des Wundgebietes sorgen und die Heilungsraten sind deutlich erfolgreicher.

Weitere Informationen zum Thema Steißbein

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Qualitätssicherung durch: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 23.02.2017
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