Speichenbruch, Radiusfraktur, Handgelenksbruch

Synonyme

Radius = Speichenknochen des Unterarmes

  • Speichenbruch
  • Radiusbruch
  • Radiusbasisfraktur
  • Radiusextensionsfraktur
  • Radiusflexionsfraktur
  • Handgelenksbruch
  • Colles-Fraktur
  • Smith-Fraktur

Definition

Distale Radiusfrakturen sind körperferne Brüche des Speichenknochens und gewöhnlich Resultat eines Sturzes auf das Handgelenk.

Der Speichenbruch ist die zweithäufigste Fraktur nach dem Schlüsselbeinbruch des menschlichen Köpers.

Ursachen

distale Radiusfraktur

Die handgelenksnahe (distale) Radiusfraktur an typischer Stelle (loco typico) ist der häufigste Knochenbruch des Menschen überhaupt (ca. 20-25% aller Frakturen).

Ursächlich sind Stürze mit dem Versuch „sich abzufangen“ auf das meist gestreckte (extendierte), seltener gebeugte (flektierte) Handgelenk.

Die weit überwiegende Radiusextensionsfraktur (Sturz auf das gestreckte Handgelenk, ca. 85% aller Radiusfrakturen) entsteht bei einer Handgelenkstreckung zwischen 40 und 90 Grad. Ist das Handgelenk noch mehr gestreckt, werden eher die Handwurzelknochen verletzt, während bei geringerer Streckung oft Unterarm oder Ellenbogen verletzt werden.

Bei gebeugtem Handgelenk entstehen die handgelenksnahen Radiusflexionsfrakturen. Betroffen sind häufiger ältere Menschen mit schlechter Knochensubstanz (Osteoporose).

Die Ursachen warum Patienten stürzen sind natürlich ganz unterschiedlich. Im Sommer sind es häufig bei Jugendlichen die Trendsportarten, wie Skateboard - Fahren oder Inliner - Fahren, die zu handgelenksnahe Speichenbruch führen, im Winter spielt Glatteis die größte Rolle.


Abbildung Speiche

Abbildung rechter Unterarm mit Speiche (rot) von vorn (A) und von hinten (B)
  1. Speichenschaft -
    Corpus radii
  2. Ellenschaft -
    Corpus ulnae
  3. Oberarmschaft -
    Corpus humeri
  4. Oberes Speiche-Ellen-
    Gelenk -
    Articulatio radioulnaris
    proximalis
  5. Unteres Speiche-Ellen-
    Gelenk -
    Articulatio radioulnaris distalis
  6. Rauigkeit der Speiche -
    Tuberositas radii
  7. Speichenhals - Collum radii
  8. Ringband der Speiche -
    Lig. anulare radii
  9. Speichenkopf - Caput radii
  10. Zwischenknochenmembran -
    Membrana interossea antebrachii
  11. Griffelfortsatz der Speiche -
    Processus styloideus radii

Eine Übersicht aller Abbildungen von Dr-Gumpert finden Sie unter: medizinische Abbildungen

Klassifikation

Die einfachste und am meisten verbreitete Einteilung ist die in:

  • Radiusextensionsfrakturen (Colles - fracture = Colles - Bruch): Sturz auf das gestreckte Handgelenk.
  • Radiusflexionsfrakturen (Smith - fracture = Smith - Bruch): Sturz auf das gebeugte Handgelenk

Es handelt sich dabei lediglich um eine grobe Fraktureinteilung, die viele therapieweisende Fragen unbeantwortet lässt.

Detaillierter, aber auch komplizierter ist die allgemein anerkannte und verbreitet verwendete AO-Klassifikation:

Klassifikation der distalen Radiusfrakturen

A-Fraktur: Radiusfraktur / Speichenbruch ohne Handgelenksbeteiligung

  • A1 Fraktur der Ulna (Elle), Radius (Speiche) intakt
  • A2 Fraktur des Radius, einfach und impaktiert
  • A3 Fraktur des Radius mehrfragmentär

B-Fraktur: Radiusfraktur mit teilweiser Handgelenksbeteiligung

  • B1 Fraktur Saggitalfraktur
  • B2 Fraktur Dorsalfraktur
  • B3 Fraktur Volarfraktur

C-Fraktur: Radiusfraktur mit Handgelenksbeteiligung (artikulär)

  • C1 Fraktur artikulär einfach, metaphysär einfach (metaphysär=handgelenksnaher Schaftbereich)
  • C2 Fraktur artikulär einfach, metaphysär mehrfragmentär
  • C3 Fraktur artikulär und metaphysär mehrfragmentär

Mit dieser Klassifikation lassen sich alle distalen Radiusfrakturen abbilden und konkrete Therapieentscheidungen ableiten.

Symptome und Beschwerden

Dem Arzt stellt sich das klassische Bild einer distale Radiusfraktur (Handelenksbruch) folgendermaßen dar:

  • Schwellung
  • Schmerzen, tw. Schmerzen im Kahnbein
  • Fehlstellung (diese lässt Rückschlüsse auf den Verletzungsmechanismus und Schweregrad)
  • Funktionseinschränkung (Funktio laesa) = eingeschränkte Beweglichkeit

Das betroffene Handgelenk wird vom Patienten in einer Schonhaltung dargeboten, eine eigentätige Bewegung im Handgelenk findet nicht mehr statt (Funktio laesa).

Bei der genaueren Betrachtung ist das Handgelenk geschwollen und im Falle einer sehr verschobenen Verletzung liegt eine Bajonettfehlstellung des Handgelenkes vor, d.h. der handgelenksnahe Speichenbruch hat sich handrückenwärts und gleichzeitig speichenwärts verschoben, wodurch das typische Bild einer Bajonettstellung des Unterarmes imponiert.

Über den Knochenbruch (Fraktur) lassen sich empfindliche Druckschmerzen auslösen. Jeder Versuch der Handgelenksbewegung wird als extrem schmerzhaft empfunden, oft lassen sich dabei Reibegeräusche des gebrochenen Knochens erzeugen (Krepitationen).

Dauer

Je nach Therapieform ist auch eine andere Heilungsdauer zu erwarten:

Vor jeder Therapie müssen die gebrochenen Stücke des Knochens wieder in ihre ursprüngliche Stellung gebracht werden. Um die Bruchstücke wieder einzurichten wird ein örtliches Betäubungsmittel (Lokalanaesthetikum) in den Bruchspalt eingespritzt. Im Anschluss wird durch Zug an den Fingern und Gegenzug am Arm die ursprüngliche Stellung wiederhergestellt.

Sind die Bruchstücke nicht verschoben kann direkt ein Gips angelegt werden, der den Bruch für mindestens sechs Wochen stabilisiert. Da sich der Bruch nachträglich verschieben kann muss die Stellung in regelmäßigen Röntgenkontrollen begutachtet werden. Um Einsteifungen zu vermeiden, sollten trotz Ruhigstellung Fingerübungen und Muskelübungen durchgeführt werden.

 

Bei einer Verschiebung der Bruches sind Operationen erforderlich, die sich je nach Grad der Verschiebung unterscheiden:

Ist der Speichenbruch nur gering verschoben und das Gelenk nicht beteiligt, genügen Spickdrähte (Kirschner-Drähte) zur Stabilisierung. Nach Einrichtung des Bruchs werden diese über kleine Hautschnitte im Knochen befestigt. Dies kann ambulant durchgeführt werden. Im Anschluss muss der Speichenbruch durch einen Gips mindestens sechs Wochen geschient werden. Eine nachträgliche Verschiebung kann auch hier nicht ausgeschlossen werden. Nach Ablauf der sechs Wochen werden die Drähte in örtlicher Betäubung entfernt.

Ist der Speichenbruch instabil oder das Gelenk mitbetroffen, sind sogenannte Plattenosteosynthesen. Dies sind kleine Metalplatten, die auf den Knochen mit Nägeln oder Schrauben befestigt werden. Beim Speichenbruch wird diese Platte vor allem beugeseitig angebracht. Eine Irritation (Reizung) der Sehnen kommt häufiger bei streckseitigen Metallplatten kommt, weshalb die streckseitige Position vermieden wird. Durch die Verplattung kann der Arm frühzeitig wieder bewegt werden und einer Versteifung bzw. einem Muskelabbau durch Physiotherapie entgegengewirkt werden. Dies bezeichnet man auch als Übungsstabilität.

Die Entfernung der Platten ist nicht notwendig und eine weitere schmerzhafte Behandlung kann dem Patienten so erspart werden.

Heilung mit Perspektive / Prognose

Die Prognose der Heilung hängt entscheidend von der Bruchform der Radiusfraktur, der Bruchversorgung und der Nachbehandlung (Physiotherapie) ab.
Nur wenn es gelingt den Bruch stufenlos einzurichten und stabile Verhältnisse im Bruchbereich zu schaffen, darf mit guten Ergebnissen gerechnet werden. Andernfalls kann es zur Falschgelenkbildung (ungenügende Stabilität) und zur Handgelenksarthrose (Präarthrose durch Gelenkstufe) kommen.
Die Folgen wären Schmerzen, Bewegungseinschränkung und Funktionsverlust des Handgelenkes mit Auswirkungen auf den ganzen Arm.

Prinzipiell besteht bei ausgedehnten Handgelenksverletzungen auch bei optimaler Therapie eine schlechtere Prognose als bei unkomplizierten distalen Radiusfrakturen. Ein unkomplizierter Speichenbruch heilen normalerweise folgenlos aus.

Lesen Sie mehr zum Thema: Speichenbruch Dauer

Komplikation

Komplikationen können bei der konservativen wie bei der operativen Therapie vorkommen.

Komplikationen bei konservative Therapie:

  • Abrutschen der Fraktur (Sekundäre Dislokation)
  • Druckschäden durch Gips
  • Falschgelenkbildung (Pseudarthrose)
  • Morbus Sudeck
    Der Morbus Sudeck oder auch CRPS genannt, ist eine der gefürchtetsten Komplikationen des Handgelenksbruchs.

Komplikationen bei operative Therapie:

  • Gefäß- Sehnen- und Nervenverletzungen
  • Infektion
  • (Abrutschen der Fraktur)
  • Implantatlockerung
  • Falschgelenkbildung (Pseudarthrose)
  • Morbus Sudeck
    Ein Mobus Sudeck oder CRPS tritt nach opertiver Versorgung deutlich häufiger auf, als nach Gips-Therapie.
    Grundsätzlich kann man aber nicht unterscheiden, ob der Bruch (Gewalteinwirkung) oder die Operation den CRPS ausgelöst hat.

Speichenbruch bei Kindern

Die Radiusfraktur kann in jedem Alter vorkommen. Eine Häufung liegt jedoch im Alter zwischen sechs und zehn Jahren vor. Unterarmbrüche gehören bei Kindern mit ca. 25% zu den häufigsten Brüchen. Bei Kindern kommt es in den meisten Fällen durch Stürze beim Sport wie Handball spielen, Skateboard oder Snowboard fahren zu einem Speichenbruch.

Da der Knochen bei Kindern sich noch in der Entwicklung befindet und der Knochenmantel relativ weich ist, kann eine sogenannte Grünholzfraktur vorliegen. Hier ist der Knochen gebrochen, die Knochenhaut, die den Knochen umgibt, jedoch unbeschädigt. Der Name Grünholzfraktur kommt von der Beobachtung eines grünen Zweigs, der im inneren gebrochen sein kann, aber von außen durch eine unbeschädigte Rinde weiterhin ummantelt wird. Diese Art von Speichenbruch tritt vor allem bei Kindern auf, da ihr Knochenmantel flexibel ist und so das Risiko eines Bruchs vermindert ist.

Bei Kindern erfolgt die Therapie weitaus häufiger konservativ als bei Erwachsenen. Die unbeschädigte Knochenhaut stabilisiert den Bruch und eine konservative Therapie mit einer drei bis vierwöchigen Gipsanlage reicht meistens aus. Nach der Gipsentfernung kann sich trotz Ausheilung des Bruchs eine Fehlstellung darstellen. Ist diese nicht allzu groß, ist eine spontane Selbstkorrektur möglich. Voraussetzung für eine konservative Therapie ist ein Kontakt der Bruchenden und eine bestimmte nicht zu überschreitende Fehlstellung. Ist die Fehlstellung zu groß oder komplett verschoben werden auch hier Spickdrähte eingesetzt.

Die Heilungsprognose ist hier durch die spontane Heilungstendenz bei Kindern sehr gut. Eine Kontroverse besteht darüber, wann die Notwendigkeit einer operativen Therapie gegeben ist. Man sollte bedenken, dass Metallplatten bei Kindern oftmals nicht notwendig sind und diese durch die zusätzlichen Prozeduren wie einer Narkose und dem Eingriff an sich vermehrt belastet werden.

Lesen Sie mehr zum Thema: Arm gebrochen beim Kind

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Autor: Dr. Nicolas Gumpert.      |     Letzte Änderung: 15.11.2016
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