Lidocain

Was ist Lidocain?

Lidocain (Handelsname z.B. Xylocain®) ist ein örtlich wirkendes Betäubungsmittel, ein sogenanntes Lokalanästhetikum.
Es ist sehr schnell und gut wirksam und wird sehr häufig eingesetzt. Auf die Haut oder Schleimhaut aufgetragen, lindert Lidocain schnell und effektiv Schmerzen, Juckreiz und Brennen. Um kleinere Wunden schmerzfrei nähen zu können und operative Behandlungen durchführen zu können, wird häufig Lidocain gegeben.
Außerdem kann es gegen Herzrhythmusstörungen und verabreicht werden und findet einige weitere Anwendungsgebiete.


Anwendung

Als Betäubungsmittel kann Lidocain entweder unter die Haut gespritzt werden, um so eine kleinere Stelle zu betäuben, zum Beispiel damit eine Platz- oder Schnittwunde genäht werden kann.

Man kann Lidocain aber auch direkt in die Nähe eines Nervs spritzen, somit wird ein größeres Areal betäubt und die Schmerzweiterleitung und Schmerzwahrnehmung von diesem Nerv wird verhindert. Deshalb nennt man diese Art der Betäubung auch Leitungsanästhesie.
Diese kommt für kleinere Operationen an den Extremitäten, z.B. die Versorgung eines Unteramspeichenbruchs (Radiusfraktur), in Frage. Aber auch bei einer Rückenmarksnarkose (Spinalanästhesie) wird Lidocain verwendet, um die Nervenwurzel des Rückenmarks zu betäuben. In der Geburtshilfe wird es eingesetzt, um eine Verminderung des Wehenschmerzes zu erreichen (Periduralanästhesie).

Lidocain muss ca. drei Minuten einwirken und wirkt dann je nach Dosis bis zu drei Stunden betäubend.
Sehr häufig wird Lidocain von Zahnärzten zur Zahnwurzelbetäubung angewendet, auch hier erfolgt die örtliche Betäubung mithilfe einer Lidocain-Spritze.
Bei schmerzhaften Entzündungen im Mund- und Rachenraum oder bei Halsschmerzen kann Lidocain als Spray oder Lutschtablette Linderung verschaffen.
Auch bei Säuglingen kann Lidocain lokal in der Mundhöhle aufgetragen werden, um Zahnungsschmerzen zu betäuben.

Es gibt Lidocain aber nicht nur als Spritzenlösung, sondern auch als Sprays, Salben oder Tropfen. Die Auftragung von Lidocain zur oberflächlichen Betäubung auf der Haut ist prinzipiell überall möglich und wird zum Beispiel als Pflaster zur Schmerzstillung bei schmerzhafen Infektionserkrankungen, wie nach einer Herpes-Zoster-Erkrankung, verwendet.
Lidocain kann auch als Zäpfchen zur Linderung von Beschwerden durch Hämorrhoiden gegeben werden.
Ein weiteres Anwendungsgebiet findet das Medikament bei einem Gicht-Anfall, bei einem akuten Schub der Rückenwirbelerkrankung Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) und bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis.

Auch bei einer akuten Cluster-Kopfschmerzattacke kann Lidocain in Form eines Nasensprays in die Nasenöffnung der vom Kopfschmerz betroffenen Seite gegeben werden. Dies kann innerhalb weniger Minuten zu einer Schmerzlinderung führen.

Lidocainhaltige Salben oder Cremes, sogenannte 'Verzögerungscremes' können von Männern zur Unterdrückung eines frühzeitigen Samenergusses verwendet werden. Diese sind rezeptfrei erhältlich und die Wirkung hält bis zu 60 Minuten an.

Ein weiteres Einsatzgebiet von Lidocain findet man bei Eingriffen am Herzen, die zu Herzrhythmusstörungen führen können. Beispielsweise bei einer Koronarangiographie, einer Katheteruntersuchung an den Herzkranzgefäßen, wird Lidocain im Vorfeld in die Vene injiziert, um der Gefahr von Herzrhythmusstörungen vorzubeugen. Besonders gut wirkt Lidocain gegen schnelle Herzrhythmusstörungen, wie das Kammerflimmern.

Wirkungsweise

Lidocain wirkt als örtliches Betäubungsmittel auf unsere Nerven ein. Ein Nerv nimmt einen Reiz wie Druck oder Temperatur über eine Vielzahl an Nervenendigungen war und leitet dieses Signal an das Rückenmark oder Gehirn weiter, dort nehmen wir den Reiz zum Beispiel als Schmerz wahr. Diese Weiterleitung geschieht mit Hilfe von Mineralien wie Kalium und Natrium.
Lidocain beeinflusst die Natriumkanäle und verhindert damit die Weiterleitung des Reizes. Somit kann für den Moment in dem Lidocain wirkt, der Schmerz nicht wahrgenommen werden, die Stelle ist betäubt.

Solche Natriumkanäle gibt es auch am Herzen, dort sind sie wichtig für die Herzfrequenz und den Herzrhythmus. Blockiert Lidocain am Herzen diese Kanäle, verlangsamt sich der Herzschlag und der Rhythmus kann sich normalisieren. Dies macht man sich zunutze in der Anwendung von Lidocain bei Herzrhythmusstörungen.

Wann darf Lidocain nicht angewendet werden?

Die lokale Betäubung ist in der Regel eine sehr schonende Form der Schmerzausschaltung. Man darf Lidocain jedoch nicht verabreichen, wenn bei dem Patient bereits eine Herzmuskelschwäche oder niedriger Blutdruck vorliegen. Bestimmte Herzrhythmusstörungen (wie ein AV-Block II-Grades), Schock, Epilepsie und Herzinfarkt stellen ebenfalls Gegenanzeigen für die Verwendung von Lidocain dar.

Lidocain kann zu allergischen Reaktionen führen und darf nicht angewendet werden, wenn bereits eine Überempfindlichkeit gegenüber Lidocain oder einem ähnlichen Wirkstoff besteht.
Außerdem stellen Infektionen am Ort der örtlichen Betäubung eine Kontraindikation für Lidocain dar. Patienten mit schweren Nieren- oder Lebererkrankungen sollten Lidocain nur in Ausnahmefällen erhalten, da es zu einer erhöhten Wirkstoffkonzentration im Blut kommen kann.

In der Schwangerschaft sollte Lidocain nur in Ausnahmefällen und unter ärztlicher Aufsicht als Injektionslösung verwendet werden, da es über die Plazenta dem Kind schaden kann. Eine oberflächliche Anwendung ist während der Schwangerschaft unbedenklich.

Lesen Sie mehr über Lokalanästhetika in der Schwangerschaft

Auch während der Stillzeit kann Lidocain angewendet werden, man sollte es jedoch nicht an der stillenden Brust auftragen.
Eine äußerliche Anwendung von Lidocain als Creme, Gel oder Salbe ist bei Kindern unbedenklich und darf eingesetzt werden. Soll Lidocain jedoch injiziert werden, sollte dies bei Kindern auch nur unter ärztlicher Aufsicht geschehen.

Bei der Anwendung von Lidocain am Rückenmark gibt es spezielle Einschränkungen. Hier ist bei Patienten mit Blutgerinnungsstörungen, erhöhtem Hirndruck oder verminderter Blutmenge besondere Vorsicht geboten.

Nebenwirkungen

Unerwünschte Wirkungen müssen nicht auftreten nach der Verwendung von Lidocain, jedoch können sie je nach Darreichungsform in unterschiedlicher Häufigkeit auftreten. Lidocain ist in der Regel gut verträglich, bei der Injektion treten gelegentlich Schmerzen in den Beinen auf oder ein plötzlicher Blutdruckabfall.

Seltene Nebenwirkungen können Unruhe und Krampfanfälle sein, manche Patienten berichten über eine taube Zunge, über Schwindel oder Benommenheit. Sollten Ohrgeräusche auftreten, ist dies ein frühes Zeichen für eine Überdosierung von Lidocain und sollte behandelt werden. Herzrhythmusstörungen können unter einer Lidocain-Therapie auftreten und auch allergische Reaktionen, wie Nesselsucht, Atemnot und Kreislaufstörungen sind ebenfalls Nebenwirkungen von Lidocain.

Das Medikament sollte nicht in die Augen oder in offene Wunden gelangen. In diesem Fall muss es sofort gründlich mit Wasser ausgewaschen werden.

Bei der Anwendung im Mund- und Rachenraum ist zu beachten, dass Lidocain ein Taubheitsgefühl hervorruft und dadurch die Gefahr für Bissverletzungen erhöht ist. Außerdem besteht insbesondere bei Kindern eine Gefahr des Verschluckens, da Lidocain das Schlucken beeinträchtigt.

Lesen Sie mehr zum Thema: Nebenwirkungen einer Lokalanästhesie

Wechselwirkungen

Lidocain kann in verschiedenen Darreichungsformen verabreicht werden. Wechselwirkungen mit anderen Wirkstoffen treten in der Regel nur bei der Injektion einer Lidocainlösung auf, lokale Anwendungsformen müssten schon sehr lange und hochdosiert angewandt werden, um Wechselwirkungen hervorzurufen.

Medikamente die den Herzrhythmus beeinflussen (wie Kalziumkanalblocker und Antiarrhythmika) können unter Umständen die Wirkung von Lidocain auf die Herzaktion verstärken oder abschwächen. Eine Verstärkung der Wirkung von Lidocain kann durch gleichzeitige Einnahme von blutdrucksenkenden Medikamenten (z.B. Betablocker) bewirkt werden, wohingegen durch Antiepileptika die Wirksamkeit des Lidocains gesenkt werden kann.

 

Verabreichungsformen

Spray

Auch als Spray angewendet können Haut und Schleimhaut wirkungsvoll mit Lidocain betäubt werden. Besonders im Hals-Nasen-Ohrenbereich kann Spray eingesetzt werden um die Empfindlichkeit herabzusetzen. So können durch das Sprühen in den Rachenraum Untersuchungen in diesem Bereich durchgeführt werden ohne sofort einen Würgereiz beim Patienten zu erzeugen. Auch kleine Eingriffe wie das Einschneiden des Trommelfells (Paracentese) sind nach der Anwendung von Lidocain Pumpspray meist problemlos und schmerzfrei durchführbar.

Weiterhin kann das Spray unterstützend zu Gelen und Pflastern angewendet werden um die Wirkung derer kurzfristig zu verstärken. Ebenso angewendet werden kann das Spray zur Linderung von Schmerzen bei der Reinigung von Schürfwunden oder auch zur Linderung der Schmerzen bei oberflächlichen Verbrennungen angewendet werden.

Ein leichtes Brennen auf der Haut direkt nach dem Einsprühen ist harmlos und klingt meist schnell wieder ab, spätestens jedoch beim Eintritt der betäubenden Wirkung. Bei Kindern unter zwei Jahren darf das Spray wegen des Menthol-Gehaltes nicht angewendet werden, da es zu starken Atemwegsreizungen kommen kann. Ebenso darf das Lidocain Spray nicht zur Betäubung der Augen herangezogen werden.

Pflaster

Auch mit Pflastern kann man sich die Wirkungen von Lidocain zu Nutze machen. Viele Menschen leiden nach einer Infektion mit Herpes-Zoster-Viren dauerhaft an Schmerzen in einem bestimmten Hautareal. Ein Pflaster mit Lidocain kann über einen längeren Zeitraum kontinuierlich die Schmerzen lindern, in dem ständig eine kleine Menge Lidocain vom Pflaster an die Haut abgegeben wird. Es ist hierbei in Europa ein Pflaster mit der Konzentration von 5% erhältlich. Die Wirkdauer beträgt hier um die 12 Stunden, dann muss das Pflaster entfernt werden. Nach einer pflasterfreien Pause von 12 Stunden kann erneut ein Pflaster aufgeklebt werden. Auch hier gilt es die Höchstdosis zu beachten, vor allem wenn mehrere Pflaster gleichzeitig geklebt werden (maximal erlaubte Menge: 3 Pflaster gleichzeitig).

Bei zu großen Mengen besteht die Gefahr schwerer Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem, da eine gewisse Menge immer auch in den Körper gelangt. Nicht angewendet werden darf ein Pflaster auf Wunden oder Schleimhäuten, da sich die Menge von Lidocain, die in den Körper gelangt enorm vergrößert. Vorsicht ist hier bei Menschen geboten, die besonders empfindlich auf Lidocain im Körper reagieren. Hierzu zählen Patienten mit Leber- und Nierenfunktionsstörungen. Eine Langzeitanwendung wird wegen schädlicher Stoffwechselprodukte von Lidocain nur bei dringender Notwendigkeit empfohlen und sollte eingehend mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.

Gel

Lidocain in Form von Gel eignet sich besonders zur lokalen Behandlung von schmerzhaften Wunden oder Entzündungen der Mundschleimhaut oder des Zahnfleisches. Durch das im Gel enthaltene Lidocain werden die betroffenen Stellen der Schleimhaut vorübergehend betäubt und es ist so beispielsweise möglich schmerzfrei zu essen oder zu trinken.

Bei zahnenden Säuglingen sind die Gels in extra kindgerechter Dosierung erhältlich um das Zahnen erträglicher zu machen. Manche auf dem Markt erhältliche Gele enthalten zusätzlich entzündungshemmende und beruhigende natürliche Inhaltsstoffe wie Salbei oder Kamille. Da durch die kontinuierliche Speichelproduktion die Wirkdauer sehr kurz ist, ist hier eine häufigere Anwendung nötig, jedoch sollten stets die empfohlene Höchstdosis beachtet werden um Nebenwirkungen zu vermeiden.

Creme / Salbe

Als Creme oder Salbe kann Lidocain zur vorübergehenden Betäubung verschiedenster Körperstellen eingesetzt werden. Als Creme wird einfach gesagt eine Salbe bezeichnet, die durch einen höheren Wassergehalt etwas dünnflüssiger ist. Das eingecremte Areal wird vorübergehend taub sein und weder Schmerz noch andere Empfindungen können wahrgenommen werden. So sind nach dem Eincremen gar kleinere oberflächliche Eingriffe an der Haut möglich (z.B. Probeentnahmen bei Muttermalen).

Bei Kindern oder anderen angstbehafteten Patienten kann das eincremen mit Lidocain vor notwendigen Nadelstichen dazu führen, dass diese schmerzfrei durchführbar sind. Hierfür ist jedoch eine dicke Schicht Creme notwendig die mit einem deckenden Verband befestigt wird. Die Dauer der Betäubung liegt dann bei etwa 1-2 Stunden. Ein weiterer Einsatzbereich der Creme ist die Behandlung von schmerzhaften Hautveränderungen im Analbereich wie beispielsweise Hämorrhoiden oder auch Analfissuren (=schmerzhafte Einrisse der Schleimhaut im Analbereich).

Spritze

Lidocain als Betäubungsmittel in einer Spritze wird vor allem von Zahnärzten zur Betäubung der Nerven im Mundbereich von Eingriffen benutzt. Nach Injektion beginnt die Wirkung nach 10-15 Minuten einzusetzen und für 1-1,5 Stunden anzuhalten. Nach Ablauf dieser Zeit kommt das Gefühl jedoch nicht schlagartig sondern sehr langsam zurück.

Ähnlich wie bei den Pflastern beschrieben gilt es bei Patienten mit Herzerkrankungen Lidocain hier nur vorsichtig einzusetzen, da durch die versehentliche Injektion in ein Gefäß eine große Menge Lidocain in den Körper gelangen kann und Nebenwirkungen auslösen kann. Was bei Pflastern und lokaler Betäubung unbeabsichtigte Nebenwirkung ist, ist bei gewissen Arten von Herzrhythmusstörungen gar gewünscht und so wird Lidocain bei diesen sogar als Medikament der Wahl direkt in ein Gefäß gespritzt.

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Pulver

Lidocain als Pulver findet eher in der Drogenszene Anwendung statt in der Medizin, wobei es ein fertiges Pulver von einem Anbieter auf dem deutschen Arzneimittelmarkt gibt. In der Drogenszene wird Lidocain in Pulverform oft dazu benutzt Kokain oder Heroin zu strecken, da das Pulver äußerlich gleich erscheint und auch vom Geschmack her dem Koks ähnelt. Was jedoch fehlt ist die berauschende Komponente, der Kick.

Gerade in den letzten Jahren wurden zunehmend hohe Dosen von Lidocain in dem Drogenpulver entdeckt, da es preislich günstiger ist als das teurere Kokain oder Heroin. Die hohen Dosen haben jedoch die bereits beschriebenen Nebenwirkungen, sodass die Beimischung bereits nicht selten zu Todesfällen aufgrund von Lidocain-Überdosierungen geführt hat.

Weitere Informationen

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Autor: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 20.02.2017
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