Tinnitus

Synonym

Ohrgeräusche, Ohrensausen
engl. tinnitus

Definition

Beim Tinnitus handelt es sich um plötzlich eingetretene und konstant erhalten bleibende meist einseitige schmerzlose Ohrgeräusche unterschiedlicher Frequenz und Lautstärke.

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Epidemiologie / Vorkommen

In Deutschland leiden ca. 3 Millionen Menschen an einem Tinnitus. 800.000 davon unter Ohrgeräuschen mit extremer Beeinträchtgung des alltäglichen Lebens. Ungefähr 270.000 Neuerkrankungen gibt es im Jahr. Nach einer aktuellen Umfrage beschreiben 10% der Erwachsenen des öfteren unter Ohrgeräuschen zu leiden, die aber innerhalb von 5 Minuten wieder verschwinden. Nur 7% von ihnen konsultieren deshalb einen Arzt. Tinnitus bei Kindern kommt besonders häufig vor, wenn die Betroffenen bereits an einer Erkrankung der Ohren mit begleitender Schwerhörigkeit leiden. 2,7% der schwerhörigen Kinder zwischen 12 und 18 Jahren geben dauerhafte Tinnitusgeräusche an. Unter den Erwachsenen gibt es keine geschlechtlichen Unterschiede. Das Haupterkrankungsalter wurde mit 60-80 Lebensjahren beschrieben. Allerdings kann in den letzten Jahren eine Verschiebung in jüngere Jahre beobachtet werden.


Symptome

Die Erstsymptome eines Tinnitus sind meistens ein plötzlich eintretendes Ohrgeräusch auf einem Ohr unterschiedlicher Frequenz. Das Ohrgeräusch kann mit einem wattigen und von den betroffenen Patienten als „unwirkliches“ Hörerlebnis beschrieben werden. Wegen der meist einseitigen Hörminderung kommt es nicht selten zu Schwindelbeschwerden, die aber meistens innerhalb weniger Stunden nachlassen, während das Ohrgeräusch bleibt. Es werden Geräusche ganz unterschiedlicher Art, Frequenz und Lautstärke beschrieben. Die Geräusche können pfeifend, brummend, zischend, dumpf oder klar sein, können so leise sein, dass sie nur bei ganz ruhiger Umgebung wahrgenommen werden können (z.B. beim Schlafen) oder so laut, dass sie massive Beeinträchtigungen des täglichen Lebens verursachen. Bei extremen Verlaufsformen kommt es zu den beschriebenen Begleitsymptomen.

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Diagnose

Eine wesentliche Bedeutung in der Diagnostik kommt der Patientenbefragung (Anamnese) zu, bei der darauf eingegangen werden sollte, wie lange die Beschwerden schon anhalten (Unterscheidung zwischen akut, subakut und chronisch), ob das Ohrgeräusch so leise ist, dass es durch Umweltgeräusche überdeckt werden kann, ob zusätzliche Hörminderungen auf dem betroffenen oder auf dem anderen Ohr bestehen, ob das Ohrgeräusch durch psychische Einflüsse oder bei körperlichen Belastungen beeinflusst wird, ob es zu einer Veränderung des Geräusches bei unterschiedlichen Körper oder Kopflagen kommt, ob die Art des Tinnitus durch bestimmte Getränke oder Speisen verändert werden kann und ob Begleiterkrankungen, wie Herz-Kreislauferkrankung, Arteriosklerose, Stoffwechselstörungen bestehen. Des Weiteren sollte der Patient gefragt werden, welche Medikamente er einnimmt. Es gibt verschiedene Medikamente, die eine ohrschädigende Wirkung haben und auch zu tinnitusähnlichen Beschwerden führen können.

Unter diesen Gesichtspunkten kann man den häufigen Tinnitus unbekannter Ursache von den durch Medikamenten , Stoffwechselerkrankungen und Erkrankungen des Kreislaufsystems bedingtem Tinnitus unterscheiden. Nach der Befragung des Patienten sollte man dann individuell und nicht nach einem strengen Schema entsprechende Untersuchungen am Patienten durchführen. Zur Auswahl stehen hier eine HNO - ärztliche Untersuchung des Ohres inklusive des Trommelfells und eine Nasopharyngoskopie (Untersuchung und Spiegelung des Nasen-Rachenraumes) und die Untersuchung der Tubendurchgängigkeit. Von internistischer Seite sollte die Arteria carotis mit einem Stethoskop abgehört (auskultiert) oder eine sogenannte Dopplersonographie durchgeführt werden, um atherosklerotische Veränderungen und damit verbundene Durchblutungsstörungen auszuschließen. Eine Tonaudiometrie mit Erfassung der Unbehaglichkeitsschwelle (der Punkt, an dem das Hören eines normalen Tones schmerzhaft wirkt), Bestimmung der Lautheit des Tinnitusgeräusches sowie Bestimmung der Art des Tones und die Frequenz, Bestimmung des sogenannten Maskierungslevel (welchen Ton muss man von außen zuführen, damit der Patient seinen Tinnituston nicht mehr wahrnimmt), Untersuchung des Trommelfels und des Stapediusreflex in Bezug auf Atemtätigkeit, eine Hirnstammaudiometrie, neuronale Prüfung des Nervus vestibularis, Untersuchung der Haltung und der Wirbelsäule (damit soll gesichtet werden, ob unter Umständen wirbelsäulebedingte Haltungsschäden ein Gefäß oder einen Nerv so beeinträchtigen, dass das Ohr unterversorgt wird) sowie Untersuchung des Gebiss und des Kauapparates sollte bei jedem Patienten mit einem Tinnitus durchgeführt werden. Dieser zur Grunddiagnostik gehörenden Untersuchungselemente können im Einzelfall noch weitere Untersuchungen angeschlossen werden. Bei Verdacht auf eine Raumforderung (Tumor), die zu einer Beeinträchtigung des Hörnerven mit einem daraus resultierenden Tinnitus führt, kann ein Computertomographie (CT) oder eine Magnetresonanztomographie (MRT) angefertigt werden. Um bestimmte Autoimmunerkrankungen oder Infektionen ausschließen zu können, kann ein entsprechendes Blutbild des Patienten durchgeführt werden. Das Blut sollte untersucht werden auf: Borreliose, HIV/ AIDS, Lues, Rheumafaktoren, gewebsspezifische Antikörper, Blutzucker, Blutfette, Leberenzyme und Schilddrüsenhormone. Bei Verdacht auf eine Mitbeteiligung des zentralen Nervensystem sollte eine Liquordiagnostik (Hirnwasseruntersuchung) durchgeführt werden. Neben der internistischen Untersuchung der Gefäße sollte auch eine psychische Komponente des Tinnitus bedacht und durch eine entsprechende psychosomatische Befundung durch einen Psychiater durchgeführt werden. Eine Tinnitusdiagnostik ist eine disziplinübergreifende Aufgabe, die HNO- Fachärzte, Internisten, Zahnmediziner, Neurologen und Psychologen beschäftigen kann.

Fragebogen zur Tinnitus-Diagnostik

Ein häufig zu Anwendung kommender Fragebogen wurde von Goebel und Hiller entwickelt. Er beinhaltet 51 Fragen, die dem Patienten gestellt und die im Anschluss ausgewertet werden. Die gestellten Fragen werden in Skalen unterteilt, die folgendermaßen benannt sind: emotionale Beeinträchtigungen, kognitive Beeinträchtigungen, Penetranz des Tinnitus, Hörprobleme, Schlafstörungen, somatische körperliche Störungen. Je nach Beantwortung der Fragen kann eine Klassifizierung des Tinnitus durchgeführt werden.

Tinnituserkrankte Berühmtheiten

Dass Tinnitus eine sehr alte Erkrankung ist, zeigen auch diverse Überlieferungen von historischen Berühmtheiten, die ebenfalls unter Tinnitus zu leiden hatten. Darunter zählen: Martin Luther, Beethoven, Rousseau, Smetana und Goya

Prophylaxe

Da die Ursache eines Tinnitus weitgehend unbekannt ist, gibt es eigentlich nur die Prophylaxenempfehlung eine Atherosklerose der Gefäße zu vermeiden (Gefahr der Durchblutungsstörung des Ohres) sowie das Reduzieren von Stress und Haltungsschäden.

Prognose

In einigen Fällen kommt es auch ohne Behandlung zu einem spontanen Verschwinden der Ohrgeräusche. Bei einem akuten Tinnitus werden Heilungsverläufe in 60%-80% verzeichnet. Bei chronischen oder subakuten Tinniti ist eine Heilung oft wesentlich seltener. Auch wenn es unterschiedliche Beurteilungen einer Akutherapie und deren Wirksamkeit gibt, sollte nach den aktuellen Richtlinien nach wie vor mit einer schnellen Behandlung bei einem akuten Tinnitus begonnen und so die Heilungswahrscheinlichkeiten unter Umständen zum positiven beeinflusst werden. Bei subakuten und chronischen Verläufen kommt es zwar seltener zum absoluten Verschwinden der Ohrgeräusche, jedoch kann durch entsprechende Verhaltenstherapie der Leidensdruck gesenkt und ein normaleres Leben mit den Ohrgeräuschen ermöglicht werden.

Geschichtliche Aspekte des Tinnitus

Das Krankheitsbild Tinnitus bzw. unbekannte Ohrgeräusche sind schon sehr früh beschrieben worden. Erste Überlieferungen konnten bereits auf alten ägyptischen Papyri, auf babylonischen Tontäfelchen und im Ayur Veda, das Buch der indischen Medizin, gefunden werden. In der babylonischen Medizin im 17. Jahrhundert vor Christus herrschte die Meinung vor, dass Ohrgeräusche verdeckte Botschaften Geistern und Göttern wären, die den Patienten zugeflüstert werden. Das Krankheitsbild wurde durch das Einbringen verschiedener Mixturen in das Ohr versucht zu behandeln. Auch das Aussprechen diverser Zaubersprüche sollte Besserung der Symptomatik bringen. Hippokrates stellte fest, dass die meisten Ohrgeräusche verschwanden, wenn sich der Patient einer lauteren Geräuschquelle näherte. Er vermutete, dass der Tinnitus ausschließlich einer Pulsation von Gefäßen zugrunde liegt. Plinius 23-79 nach Christus prägte dann erstmals den Begriff Tinnitus und empfahl zur Behandlung ein Sud aus Rosenöl, Honig und Granatapfelrinde.

Zusammenfassung

Unter einem Tinnitus versteht man allgemein das Vorhandensein von Ohrgeräuschen, die nicht aus der näheren Umgebung des Patienten herrühren können. Die Beschwerden sind schmerzlos aber meistens mit einem wattigen Hören bzw. Hörstörungen und zum Teil schwindelbegleitenden Beschwerden verbunden. Grund ist das ungewohnte Einohrhören, das das Gleichgewichtssystem durcheinanderbringt. Die Ursachen eines Tinnitus sind weitestgehend ungeklärt. Die unterschiedlichen Theorien konzentrieren sich auf neuronale Faktoren, Durchblutungsstörungen sowie psychogene Faktoren. Die Ohrgeräusche werden von den Patienten meistens als permanent und zum Teil von ansteigender Lautstärke beschrieben. Die Art der Ohrgeräusche kann durch unterschiedliche Frequenzen verursacht werden und vom Patienten als pfeifende, brummende, zischende oder quietschende Töne wahrgenommen werden. Tinniti kann man zum einen nach dem Entstehungsort (objektiv= pulsierendes Gefäß oder Druck ausübender Nerv; subjektiv= Ort ist unbekannt) nach der Dauer der Erkrankung (akut= in den letzten drei Monaten, subaktut= zwischen 3 Monaten und einem Jahr; chronisch= länger als ein Jahr) und nach dem Befinden des Patienten in 4 Grade einteilen, wobei Grad 1 vom Patienten kaum wahrgenommen und eher überhört werden kann, Grad 4 aber so stark ist, dass das alltägliche Leben des Patienten stark beeinträchtigt ist. Diese Beeinträchtigungen können sich in Konzentrationsstörungen, Gereiztheit, Schlafstörungen, Angstzustände und Depressionen äußern. In ganz extremen Fällen kommt es auch zu Selbsmordgedanken oder zu durchgeführten Selbstmorden. Die Diagnostik ist individuell auf den entsprechenden Patienten anzupassen. Aus Kostengründen und aus Gründen des hohen Aufwandes sollte das Vollprogramm der Diagnostik nur bei Patienten durchgeführt werden, bei denen nach der Grunddiagnostik keine Behandlung erfolgen konnte. Wichtiges Diagnostikkriterium ist die Krankenbefragung, in der Dauer der Erkrankung, Art der Beschwerden und Beeinträchtigung im täglichen Leben erfragt werden sollte. Die Diagnostik von Tinnituspatienten ist eine disziplinüberschreitende Diagnsotik, in die HNO-Ärzte, Neurologen, Internisten und ggf. Psychologen eingebunden sein sollten. Die Behandlung von Patienten mit einem akuten Tinnitus solle schnell erfolgen, um die Prognose einer Heilung entsprechend zu erhöhen. Dabei kommen blutverdünnende Medikamente, Lokalanästhetika oder entzündungshemmendes Kortison zum Einsatz. Bei Patienten mit einem chronischen Tinnitus muss das Augenmerk eher auf die psychogene Behandlung gerichtet werden, die sich auf Verhaltenstherapie und autogenes Training konzentriert. Diesen Patienten muss vermittelt werden, dass das Ohrgeräusch vermutlich nicht komplett verschwinden, ein entsprechendes kognitives Training aber die Wahrnehmung des Tinnitus nach unten regulieren wird. Die Behandlung eines akuten Tinnitus und der subakuten Verlaufsform ist eine gemischte Behandlung aus akuter und chronischer Therapieform. Einige zum Teil vielversprechende Therapien befinden sich momentan noch in der klinischen Erprobung, wie z.B. die hyperbare Sauerstoffbehandlung, in der der Patient in einer Überdruckkammer Sauerstoff zugeführt bekommt, oder eine Behandlungsform, bei der der Patient den gleichen Ton, den er hört, durch ein kleines Hörgerät permanent zusätzlich eingespielt bekommt. Trotz vielversprechenden Ergebnissen, werden diese Behandlungen noch nicht von den Krankenkassen übernommen und müssen vom Patienten selbst finanziert werden. Der akute Tinnitus verschwindet in 60%-80% von selbst. Die Prognose der subaktuten und der chronischen Form ist weitaus schlechter und muss u.U. das gesamte Leben ertragen werden.

Autor: Dr. Nicolas Gumpert      |     Letzte Änderung: 07.02.2017
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